Berlin ist wild, dreckig, aufdringlich – und weckt bei unserer Bloggerin Heimatgefühle.
  (Bild: Lina Kunz)
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Berlin ist wild, dreckig, aufdringlich – und weckt bei unserer Bloggerin Heimatgefühle.   (Bild: Lina Kunz)

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Entscheidet man sich für ein Erasmus-Semester, findet man kurzfristig eine neue Heimat. Unsere Autorin ging ein Jahr nach ihrer Abreise wieder zurück nach Berlin und fand heraus, dass diese andere Heimat – im Gegensatz zur Immatrikulation an der Erasmus-Uni – kein Ablaufdatum hat.

Lina Kunz

Während ich in der S-Bahn sitze, ziehen an meinem Fenster altbekannte karge, mit Graffiti verzierte Fassaden und Brückenübergänge vorbei. Doch sind sie jetzt im Frühjahr von jugendlichem, grünem Flaum überzogen. Gleichfarbige, hellgrüne Blätter verzieren Ecken und Kanten und die Sonne lässt sie in der Bewegung abwechselnd aufleuchten. Es ist über ein Jahr her, seit ich das letzte Mal auf dem Weg zur Humboldt-Uni war.

Säuseln, Quietschen und Kebab

An der Friedrichstrasse steige ich aus und der zuverlässige strenge Geruch nach Öl, Abfall und Urin steigt mir in die Nase. Beschwingt nehme ich die steile Treppe in Angriff und biege in die Georgenstrasse ein, die direkt im Schatten der Zuggeleise verläuft. Vor mir sehe ich mein vergangenes Ich, das Monate zuvor – im Schneegestöber und mit Wollmantel – mit festem Schritt in Richtung Uni läuft.

Ich knöpfe meine Frühlingsjacke auf, lächle in Erinnerung daran und flaniere um die Ecke zur Humboldt-Bibliothek. Langsam öffne ich die grosse Schiebetür, die sich wie damals schon nur schwer bewegen lässt. Die Eingangshalle ist fast leer, es ist Samstag. Ein paar Nasen wärmen sich zur Pause draussen in der Sonne. Ich setze mich auf einen der Klappstühle dazu und schliesse die Augen. Eine Zeit lang lausche ich ihren verhaltenen Stimmen, höre die S-Bahnen oberhalb quietschen und rieche die Lüftung der Kebab-Bude nebenan.

Spuren von Heimat

Berlin ist wie mein Grosi. Zwar ist Berlin wild, dreckig und aufdringlich, aber genauso wie bei der Grossmutter stellt sich ein Gefühl nach Heimat bei jedem Besuch sofort ein. Auch jetzt im Frühling, wenn Berlin so anders daherkommt, erkenne ich dutzende Ecken als meine eigenen wieder. In Bars und Cafés, bei Strassenübergängen und Parks oder hier auf dem Campus kleben Erinnerungen an die Vergangenheit. Wenn ich meine Grossmutter besuche, treffe ich auch auf frühere Zeiten. Gerüche, Farben, Stoffe und Formen versetzen mich zurück in Kindertage. Das Treffen auf Erinnerungen bedeutet für mich Heimat.

Als ich mich im Herbst vor anderthalb Jahren in den Zug setzte und auf den Weg machte in mein Erasmus-Semester, wünschte ich mir, dass ich dort eine passende vorübergehende Bleibe finde. Berlin wurde so viel mehr als das: ein Ort, an den ich immer wieder gerne zurückkehre und wo ich für immer ein Stück Heimat zu finden weiss.

Aus dem zentralplus Blog Campus-Blog

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