Bald geht es wieder in den Hörsaal – das stösst nicht überall auf Verständnis. (Bild: zvg)
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Bald geht es wieder in den Hörsaal – das stösst nicht überall auf Verständnis. (Bild: zvg)

«Wieso tust du dir das noch an?»

4min Lesezeit

Die Weihnachtstage sind vorbei, und mit ihnen der mehr oder minder freiwillige Austausch mit Familie und Freunden über die eigenen beruflichen und privaten Absichten. Die Ersteren stossen offenbar auf Verständnislosigkeit – und das macht mich wütend und nachdenklich zugleich.

«Wie ist es denn jetzt so, als angehende Journalistin?», hörte ich in den vergangenen Tagen oft fragen. Ich erzählte von der neuen Arbeitswelt – in der Runde meist sehr interessierte Gesichter – und dann irgendwann beiläufig, dass ich bald wieder ins Uni-Leben einsteigen würde. Nach meiner Auszeit für das Praktikum.

Ganz und gar nicht beiläufig, sondern sehr gut beobachtbar, wich das Interesse in den Gesichtern so mancher Zuhörer grossen Fragezeichen. Während es bei Mitstudenten im Umfeld schnell mal um das gewählte Fach oder die Anzahl an Semestern ging, die noch zu absolvieren sind, kam von den anderen nicht selten die Frage: «Wieso tust du dir das denn noch an?»

Aber, aber, aber...

Die in den Raum geworfene Frage wurde denn auch unmittelbar mit Beispielen für die Unverständlichkeit untermalt. Gerade jetzt, wo ich den Sprung in das Berufsfeld geschafft hätte, in welchem ich doch immer arbeiten wollte. Jetzt noch, wo ich doch auch sicher mal anständig Geld verdienen möchte. Der Master sei doch mehr ein Nice-to-have. Das eine bereits absolvierte Semester, das liesse sich ja verschmerzen. Wieso denn nur der ganze Stress? Wieso mühselige Nebenjobs? Und wäre ein Fachwechsel nicht angebracht?

Kampf den Argumenten

Uff. Für einen kurzen Moment war ich jeweils etwas verärgert. Und machte mich jeweils daran, den Argumenten zu entgegnen. Teile davon mögen schon stimmen – wer verdient nach seiner Ausbildung nicht gerne anständig? Das ist aber nicht unmöglich, denn ich sitze ja nicht fünf Tage die Woche im Hörsaal und verdiene nichts.

Sondern möchte im Idealfall 50/50 machen und sowohl studieren als auch arbeiten. «Ja, auf diesem Berufsfeld», erkläre ich. «Ja, das klappt nicht immer.» Aber es wird schon werden, denke ich mir. Oder? Die Hürden scheinen in diesen Diskussionen plötzlich viel grösser als ich sie mir bisher vorstellte.

Alle jammern

«Aber studieren und arbeiten – ist das nicht mega anstrengend? Die meisten Studis, die ich kenne, sind immer gestresst und beklagen sich», bekam ich anschliessend öfters zu hören. Und war mittlerweise schon etwas überdrüssig ständig zu bekräftigen, dass mir das bewusst ist. Ich es in Kauf nehme.

Denn natürlich jammern viele Studenten gerne hin und wieder – da bilde ich keine Ausnahme. Aber mir sind nur sehr wenige Berufstätige bekannt, die das nicht hin und wieder tun. Würden die alle den Job hinschmeissen, herrschte vermutlich ein ziemliches Chaos. Und Stress – das haben mich einige Anstellungen schon gelehrt – kann genauso zum Berufsleben gehören wie zum Studium, warf ich in die Runde.

Zeit, zurückzuschlagen

Das wirkte. Und nachdem ich jeweils nochmal mit Nachdruck versicherte, dass ich das wirklick gern tun werde, wandten sich die Gespräche langsam wieder anderen Themen zu. In einem ging es mitunter um Neujahrs-Vorsätze – und ich sah den Moment gekommen, zurückzuschlagen. So oft sind Vorsätze doch Dinge, die man sich selber aufzwingt, um irgendwelche sozial definierten Ziele zu erreichen. Abnehmen, fleissiger sein, mit dem Rauchen aufhören, weniger aufschieben. Darunter können schön Sachen sein, die man sich zugute tut.

Aber darunter sind auch – davon bin ich überzeugt – zig andere Vorhaben, mit denen man sich einfach quält. Ein Beispiel gefällig? Mehr als einmal habe ich mir schon vorgenommen, der Prokrastination, dem Feind jeglicher Studierenden, Einhalt zu gebieten. Geschafft habe ich es selten bis gar nicht. Rückblickend war ich aber oft auch froh, dass ich die Gespräche geführt, die anderen Arbeiten gemacht und das Feierabend-Bier mit Kollegen und Kolleginnen getrunken habe, statt zu tun, was eigentlich anstand. Das tat ich dann halt später, mit erheblich mehr Druck und Stress, aber den brauche ich zum Arbeiten, ist mir mittlerweile klargeworden.

Also führte ich triumphierend in der Runde an: «Vorsätze? Wieso tut ihr euch das noch an?»

Aus dem zentralplus Blog Campus-Blog

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