«Weshalb rege ich mich eigentlich so auf?» (Bild: Fabrizio Verrecchia)
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«Weshalb rege ich mich eigentlich so auf?» (Bild: Fabrizio Verrecchia)

Der Zug und ich – Geschichte einer Hassliebe

5min Lesezeit

Pendeln ist anstrengend, Pendeln ist nervenzehrend, Pendeln fordert heraus – insbesondere die eigene Persönlichkeit. «Weshalb rege ich mich eigentlich so auf?» Ein Versuch, dem studentischen Pendlermartyrium etwas Positives abzugewinnen.

Daniela Tschanz

Pendeln ist ermüdend. Latent schlummernde Aggressionen, jederzeit durch drängelnde Mitpendler oder durch via Zuglautsprecher genuschelte SBB-Durchsagen herausgefordert, gilt es zu unterdrücken. Im Nachhinein obsiegt ja doch immer die Scham darüber, im vollbesetzten Waggon solcher Kleinigkeiten wegen gleich an die Decke gegangen zu sein. Plötzlich diejenige zu sein, derentwegen gebrannte Mitreisende unauffällig das Abteil wechseln. 

Langweile? Nicht bei mir!

Als Nicht-Luzernerin gehört tägliches Pendeln für mich genauso zum Unialltag wie disziplinierte Vorlesungsbesuche, hungrige Mensagänge und einsame Stunden in der Bibliothek. Die Zugstrecke nach Luzern und zurück könnte ich mittlerweile im Schlaf ablaufen. Täglich verbringe ich, in der einen Hand die schwere Unitasche, in der anderen die Tragtasche mit Tupperware und weiterem überlebenswichtigem Proviant, in der fehlenden dritten (Frühlingswetter sei Dank) der nasse Regenschirm und die unverzichtbare Übergangsjacke, mehr als zwei Stunden in überfüllten Zügen. Das kann mühsam sein.

Da sind die vielen Rentner, die schon auf dem morgendlichen Hinweg nach Luzern mit Aussicht auf die bevorstehende Wanderung inklusive Schifffahrt bestens gelaunt ganze Zugwaggons füllen. Da sind die Familien mit Kleinkindern auf dem Weg ins Verkehrshaus, durchsetzungsmüde Eltern, dankbar um jeglichen Energieabbau des Nachwuchses ausserhalb der eigenen vier Wände. Da sind die vielen Touristen mit ihren überdimensionalen Koffern, aufgeregt von Fenster zu Fenster stürzend, immer auf der Suche nach dem besten Motiv für die Urlaubsfotosammlung. Da sind die hormongesteuerten Teenager, mit ihren viel zu lauten und viel zu grellen Stimmen substanzlose Gespräche führend.

Dort, wo Menschenmassen aufeinandertreffen, gibt es immer etwas zum Schauen, zum Amüsieren oder zum Erzürnen.

Die Liste meiner Mitpendlerinnen und Mitpendler ist lang, ich könnte sie endlos weiterführen. Zum Glück. Denn auch wenn ein Platz – sofern der Sprint zur Zugtür erfolgreich war – inmitten von Reisegepäck, Wanderstöcken und übelriechenden Picknick-Boxen eine eher suboptimale Entspannungs- und Lernumgebung bietet: Die Vielfalt an unterschiedlichen Menschen macht die alltäglichen Zugfahrten auch abwechslungsreich. Dort, wo Menschenmassen aufeinandertreffen, gibt es immer etwas zum Schauen, zum Amüsieren oder zum Erzürnen. Etliche Geschichten sind so schon entstanden, die meinen ansonsten eher routinegeprägten Unialltag dramaturgisch bereichern.

Selbstfindung im Zug

Lernen im Zug ist schwierig, aber nicht unmöglich. Grundvoraussetzung dafür sind ein Sitzplatz und Kopfhörer – das elementarste Pendlerutensil. Trügerisch kann die Zugfahrt bezüglich Lernvorhaben allemal sein: Gerne verschiebe ich anstehende Aufgaben auf meine Stunden unterwegs, wo die Konzentration dann um einiges tiefer liegt als zu Hause am stillen Schreibtisch. Auch vermeintlich nützlich an langen Reisezeiten: Die ach so erschöpfende Zugfahrt dient, endlich daheim angekommen, als gute Ausrede dafür, kognitiv noch produktiv zu sein. Unisachen zu erledigen, genauer gesagt.

«Ist es das alles überhaupt noch wert oder schmeisse ich hin, wandere aus und führe ein Leben fern von Wissenschaftlichkeit und mentalem Druck, dafür in seliger Zufriedenheit?»

Und schliesslich läuft es auch mit ausreichend Platz und Ruhe im Zug meist nicht auf pflichtbewusstes Lernen hinaus, sondern auf Musik und nachdenkliches Aus-dem-Fenster-Schauen. Was meiner Ansicht nach nicht weniger wichtig ist. Fragen, die während des stressigen Uni-, Nebenjob- und Praktikaalltags gerne in die düstere Ecke des Bewusstseins gedrängt werden, können dann bedacht werden: «Wann genau werde ich mein Studium wohl abschliessen können?», «Werde ich es überhaupt je abschliessen können?», «Finde ich mit meinem Abschluss einen Job?», «Sogar einen, der mir entspricht und mit dem ich finanziell überleben kann?», «War es ein Fehler, zu studieren?», und «Ist es das alles überhaupt noch wert oder schmeisse ich hin, wandere aus und führe ein Leben fern von Wissenschaftlichkeit und mentalem Druck, dafür in seliger Zufriedenheit?» Die Wirren eines Studenten beziehungsweise einer Studentin.

Alles eine Frage der Perspektive

Oder die Zugfahrten dienen ganz einfach dazu, darüber zu sinnieren, weshalb ich mich eigentlich immer so aufrege über alles. Über meine Mitpendlerinnen und Mitpendler, über die Verspätungen und Zugausfälle (bis hin zu Entgleisungen), über das Gedränge, Geplapper und Kindergeschrei. Ist doch eigentlich alles gar nicht so schlimm. Pipifax. Und zu dem Schluss zu kommen, dass ich sie vielleicht sogar ein bisschen mag, meine täglichen Zugfahrten. Dass ich sie möglicherweise gar etwas vermissen würde, wären sie nicht mehr Teil meines Studentendaseins. Irgendwie gehören sie einfach dazu. Nach Luzern ziehen? Nicht für mich. Wäre doch öde ohne die tägliche Ration an angestauter Aggressivität, Selbstbeherrschung, teilnehmender Beobachtung, Lernausreden und Selbstfindung.

Aus dem zentralplus Blog Campus-Blog

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