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Immer noch? Das macht mich wütend

5min Lesezeit

Malte Vogt muss Dampf ablassen. Unser Blogger und Student erklärt, warum ihn das Wort «noch» wütend macht, und ist überzeugt, dass Erfolg nicht einen Wegzug aus Luzern voraussetzt.

Malte Vogt

Ich bin eigentlich nicht für meine jähzornige Art bekannt. Im Gegenteil, mein gefühlt letzter Wutanfall war, als ich sechs war – nach einer verlorenen Runde «Mensch-ärgere-dich-nicht». Aber manchmal bin ich wütend. Häufig ärgere ich mich über mich selbst. Aber auch über Rechtsradikale, Luzerner Steuerpolitik oder die Wahl Donald Trumps, wobei Letzteres eher ironische Verzweiflung ist. Und manchmal ärgere ich mich über meine Kommilitonen.

In der Regel verliert man die meisten Mitstudierenden nach erfolgreichem Uniabschluss aus den Augen. Manchmal ist das schade und manchmal ist das auch in Ordnung. Denn in einigen Fällen ist die Wahl des gleichen Studiengangs auch die einzige Gemeinsamkeit. Eine über das Studium hinausgehende Freundschaft ist dann nicht nur unwahrscheinlich, sondern auch nicht unbedingt wünschenswert.

Doch gelegentlich kann man es nicht vermeiden, auf einstige Kommilitonen aus Bachelor-Zeiten zu treffen. Ein Gespräch läuft dann in der Regel auf genau zwei Fragen hinaus: «Du wohnst also immer noch in Luzern?» und «Bist du noch am Studieren?».

Warum das Wort «noch» wütend macht

Die Betonung liegt auf «noch», diesem kleinen, unscheinbaren Wort, welches auf latente Weise ein Gefühl der Überlegenheit vermittelt. Denn: «Man» ist nicht mehr in Luzern und studiert auch nicht mehr hier, «man» ist also weiter – so zumindest die Hoffnung. Solche Kommilitonen könnten auch fragen: «Na du, hast du's immer noch nicht geschafft, aus diesem Provinzdorf rauszukommen und was aus deinem Leben zu machen?» Das wäre zumindest ehrlich.

Vielleicht ist das Ganze eher unbeabsichtigt, die Verwendung dieses kleinen Wörtchens eher unreflektiert, aber es macht mich wütend! Besonders, wenn ich es von Mitstudierenden gesagt bekomme, die ihre Bachelor-Zeit behütet bei Mutter verbracht haben und allenfalls Geld fürs Auto oder die nächsten Ferien erarbeiten mussten (was ja eigentlich auch absolut in Ordnung ist, aber in diesem Zusammenhang eher unvorteilhaft). Und anschliessend wollen mir eben jene Kommilitonen vermitteln, dass nur in einer anderen Stadt Karriere, sozialer Aufstieg möglich ist.

«Ihr habt nichts verpasst»

Noch viel mehr machen mich diese Fragen wütend, da kein wirkliches Interesse an meinem Leben da ist. Es ist nur die Selbstbestätigung des eigenen Erfolges und die Vergewisserung, dass man nichts «Tolles» verpasst hat, bei dem man gerne dabeigewesen wäre.

Und nein, ihr ehemaligen Mitstudierenden, die ihr mir alle zwei bis drei Jahre mal schreibt oder auf der Strasse die «noch-Frage» stellt, ihr habt nichts verpasst, nichts, was für euch interessant wäre. Dennoch möchte ich euch antworten: Ihr müsst euch nicht für mich interessieren.

Glücklich in Luzern

Es passieren viele tolle Sachen in meinem Leben, in Luzern. Und ihr habt sie alle verpasst. Es ist wunderbar hier und ich bin glücklich. Ich studiere in Luzern, und das sogar sehr gerne. Es wäre sogar toll, wenn ich noch doktorieren könnte, so gerne studiere ich. Zudem habe ich die beste Frau der Welt und werde bald Vater.

«Auch hier ist Erfolg möglich.»

Kurz: Auch wenn es meine kleine Familie und mich irgendwann wieder in die Ferne ziehen wird, für den Moment ist es perfekt hier und auch hier ist «Erfolg» möglich, um mal in euren Kategorien zu sprechen.

Je nach Perspektive

Ihr müsst euch nicht für mein Leben interessieren, das ist völlig in Ordnung, ich kann damit umgehen. Ihr habt aber auch kein tolleres Leben als ich, ihr habt euer Leben und ich hoffe, es stimmt für euch. Mir zu schreiben, nur um euch des eigenen Erfolges zu vergewissern, ist unnötig. Das macht mich wütend, zumindest für einen kurzen Augenblick, weil ich als Vergleich für ein anderes Leben herhalten muss.

Aber eigentlich ist es mir egal, denn aus meiner Perspektive ist mein Leben das schönste. Vielleicht sollte ich mir Sorgen um euch machen, da ihr bezüglich eures Daseins nicht ganz so sicher zu sein scheint.

Wer sich ernsthaft für mich und das Leben meiner kleinen Familie interessiert, den lasse ich gerne daran teilhaben. Für alle anderen gilt: Ihr könnt davon ausgehen, dass es auch bei mir vorwärts geht – und zwar genau so, wie ich es mir gewünscht habe. Und ihr habt nichts verpasst.

Aus dem zentralplus Blog Campus-Blog

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