Wohin geht’s nach der Masterarbeit? (Bild: AURA)
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Wohin geht’s nach der Masterarbeit? (Bild: AURA)

Und was jetzt? Ein Nach-Masterarbeits-Depressiönchen

4min Lesezeit

Wer sich mehr als ein halbes Jahr einem Thema widmet und jede freie Sekunde daran sitzt, um sich darin zu vertiefen, der wird nach dem Abgabetermin feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, das Leben in vollen Zügen zu geniessen.

Peter Limacher

Der Sommer ist schon fast vorbei und irgendwie drückt bereits wieder der Herbst durch. Was habe ich bloss gemacht? Ich bin noch immer käsebleich und kenne die «Schötti» nur noch aus verblassenden Erinnerungen von vor Jahren. Dafür hat sich die Form meines Bürostuhls ziemlich fest der meines Arsches angepasst, welcher sich die letzten sechs Monate viel zu wenig bewegt hat.

Abgegeben

Masterarbeit heisst der Grund. Während das Leben einfach mal so an mir vorbeigezogen ist, habe ich mir tonnenweise Zeitungsartikel aus den 1940er und 50er Jahre reingezogen, mich durch Bücher und Artikel gelesen und meine Erkenntnisse daraus aufgeschrieben, wieder gelöscht, umgeschrieben und schlussendlich abgegeben. Abgegeben! Ich kann es nicht häufig genug sagen. Abgegeben, Abgegeben, Abgegeben!

Ich bin jetzt völlig proof auf dem Gebiet der fliegenden Untertassen und könnte unglaublich viel darüber erzählen. Etwa von den Polizisten, welche zwischen Waldibrücke und Eschenbach 1955 ein UFO sahen, wohl völlig verwirrt waren und … Nein! Das will ich nicht! Ich hab abgegeben! Ich mag nicht mehr darüber reden, daran denken oder nur irgendwas.

Zeit und Möglichkeiten

Ich habe fertig und sollte jetzt eigentlich Zeit haben, um all das zu machen, was den ganzen Sommer zu kurz gekommen ist: Baden, Ferien, Biertrinken, Kino, Sport, Freunde, Familie und so weiter. Aber wo fange ich nur an? Während des Schreibens sind mir hunderte Sachen durch den Kopf gegangen, die ich eigentlich lieber gemacht hätte. Was war das nur schon wieder?

Ich hätte es aufschreiben sollen. All die Gedanken, die mich von der Arbeit abgehalten haben, sind weg, erfolgreich verdrängt. Und jetzt? Ins Wasser? Das Wetter lädt zwar nicht gerade zum Baden ein – ich mach es trotzdem. Ich gehe an die Schütti aus Protest, weil ich es jetzt kann. Ich nehme ein Bier mit und ein Buch, das ich schon lange mal lesen wollte.

Kalt ist es geworden, stelle ich fest, und auf dem Frottiertuch liegen und lesen, ist nur bedingt möglich. Bis gestern war es doch verdammt schön. Hey Petrus – ruf ich in Gedanken über den Pilatus gen Himmel – machst du das absichtlich? Ich zieh mir die Klamotten wieder an. Egal, ich hab jetzt Zeit. Wer noch?

«Aber ich bin mir sicher, in einigen Wochen habe ich mich an meine Freizeit gewöhnt.»

Was? Schwanger?

Ich checke die Nummern auf dem Natel. Wer hat wohl an einem Dienstagnachmittag Zeit, um Klettern zu gehen oder für ein Bier. Trotz den fast unendlich wirkenden Einträgen im Telefonbuch finde ich keinen, der jetzt Zeit hat. Nächste Woche vielleicht, sagen sie oder am Donnerstag. Scheiss auf Donnerstag, ich habe heute abgegeben! Alle haben jetzt plötzlich Jobs oder sind schwanger oder haben sonst eine Ausrede.

Ich fahre nach Hause und geh joggen. Zehn Minuten bis die Puste ausgeht, zwanzig bis ich aufgebe. Duschen und dann ein Film mit Rotwein. Welcher Film? Meine To-watch-Liste ist in den letzten Monaten dermassen gewachsen, dass das Abarbeiten Jahre dauern wird. Aber für heute finde ich nichts. ArtHouse? Nein danke, zu anspruchsvoll. Hollywood? Ja bitte, aber etwas mit Gehalt, nur was? Ich lese auf meinem Smartphone die Kritiken der Blockbuster der letzten Jahre. Die halbe Flasche ist jetzt leer.

Ich leg mich ins Bett, egal. Schlafen ist doch eine tolle Idee. Aber was mach ich morgen? Ich hab keine Ahnung und das lässt mich nicht einschlafen. Aber ich bin mir sicher, in einigen Wochen habe ich mich an meine Freizeit gewöhnt, falls ich dann nicht schon wieder im Stress bin.

Aus dem zentralplus Blog Campus-Blog

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