Anja Glover sagt Paris au revoir. (Bild: Anja Glover)
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Anja Glover sagt Paris au revoir. (Bild: Anja Glover)

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Ich blicke aus dem Fenster und warte darauf, dass mich das Licht des Eiffelturms trifft. Der Wind hier oben auf meiner Terrasse bläst kalt und stark, das Echo des Stadttreibens verhallt in den Wolken. Manchmal frage ich mich, wie man einen Moment richtig geniesst.

Für die Erasmus-Studenten neigt sich das Semester langsam dem Ende zu. Viele von ihnen sitzen in den Bibliotheken und lernen, einige geniessen die letzten Partys und kümmern sich um die Weitervermietung ihrer Zimmer. Ich befinde mich meistens irgendwo in den Strassen von Paris und versuche noch so oft spazieren zu gehen, wie es mir möglich ist. Noch immer liegen mengenweise Blumen an den Tatorten der Terroranschläge, welche vor drei Wochen diese Stadt ins Wanken gebracht haben. Schimmerndes Kerzenlicht und zahlreiche Blumen lassen mich kurz innehalten. Mittlerweilen hat die Adventszeit begonnen und Paris scheint zu erwachen in einem Rausch des Zusammenseins und der schönen Dinge des Lebens. Über den Strassen hängen farbenfrohe, schon beinahe hysterisch blinkende Lichterketten, glänzende Sterne und künstliche Schneeflocken zieren das Stadtbild. In den Kaufhäusern treiben Mariah Carey und Wham die Gäste durch ihre zu oft gehörten Songs in den Wahnsinn, während alles gerade danach schreit, gekauft und verschenkt zu werden. So schön kitschig dieses Weihnachtsparis auch ist, so sehr erinnert es mich auch an mein Zuhause und die ruhig sinnliche Lichterverzierung in unseren Strassen, an den Glühwein im Café Luz und das Eisfeld vor dem KKL.

Es dürfte eines der ersten Male sein, dass ich hier in der Champs-Elysée stehe und mit einem Vin Chaud in der Hand winterlich warm eingepackt hochblicke zum Arc de Triomphe. Es ist die Strasse, in der wichtigtuerische Autofahrer nur aus einem Grund hier zu sein scheinen, nämlich um sich anzuhupen. Heute kann ich das aber anders betrachten, schliesslich werde ich das Gehupe nicht mehr lange hören. Zu meiner Seite tragen sämtliche Bäume Lichterketten und erhellen die kalte Nacht. Da vorne wagen sich ein paar Junge aufs Schlittschuhfeld und die Marktverkäufer versuchen ihren Lebkuchen loszuwerden.

Da unten habe ich die letzten paar Monate gelebt, gearbeitet und studiert. Da unten habe ich mehr erlebt, als ich es mir hätte vorstellen können, Schönes und auch weniger Schönes.

Ich spaziere lange in den Strassen von Paris, merke, dass ich mich wieder wohlfühle und keine Angst mehr habe und dass ich noch oft über die Ponte Neuf und über den Platz vor der Notre Dame gehen möchte, bin überwältigt von der Schönheit dieser Stadt, immer und immer wieder. Irgendwann bin ich beim Sacré-Coeur, durstig danach, alles nochmals zu sehen, was ich gesehen habe. Unter mir breitet sich ein traumhaftes Lichtermeer aus. Da unten habe ich die letzten paar Monate gelebt, gearbeitet und studiert. Da unten habe ich mehr erlebt, als ich es mir hätte vorstellen können, Schönes und auch weniger Schönes. Ein paar Selfie-Sticks strecken sich einen Moment lang in mein Blickfeld. Wie üblich tummeln sich hier zahlreiche Touristen, aber heute ist es mir so egal wie die hupenden Autos in der Champs-Elysée und Mariah Carey im BHV. Wären sie nicht hier, würde dieser Mann mit der Gitarre und der wunderschönen Stimme mir meine Aussicht nicht melodisch verschönern.

Es ist nicht so, dass ich hier einfach ein Semester zur Uni ging, ich habe mir hier bereits ein neues kleines Leben aufgebaut, von dem ich mir lange nicht sicher war, ob ich es nun schon wieder zurücklassen soll. Aber ich werde wiederkommen und wieder hier sitzen, versuche ich mich selbst zu beruhigen. Ich schlendere zurück nach Hause, dort angekommen mache ich, was ich jedes Mal tue, wenn ich daran erinnert werde, dass es schon wieder Dezember ist. Ich blicke aus dem Fenster und warte darauf, dass mich das Licht des Eiffelturms trifft. Der Wind hier oben auf meiner Terrasse bläst kalt und stark, das Echo des Stadttreibens verhallt in den Wolken. Manchmal frage ich mich, wie man einen Moment richtig geniesst. Hier zu stehen und zu wissen, dass ich nicht mehr lange in dieser Wohnung hoch über der Stadt leben werde und auf den Eiffelturm blicken kann, ist ein Moment, an den ich mich erinnern werde, aber wie kann ich ihn jetzt genügend fühlen? Ich weiss es nicht, ich weiss nur, dass ich wiederkommen werde.

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