Die Noten wandern hier grosszügiger in das Sammelgefäss von Strassenkünstlern. Vermutlich nicht nur wegen dem Wechselkurs.  (Bild: chw)
Blog

Die Noten wandern hier grosszügiger in das Sammelgefäss von Strassenkünstlern. Vermutlich nicht nur wegen dem Wechselkurs. (Bild: chw)

6min Lesezeit

Ohne Google-Maps und andere digitalen Spielerein in der Grossstadt Belgrad unterwegs, lande ich oft an zufälligen Orten. Mal ist das sehr alltäglich, dann wieder aufregend. Diese Woche habe ich nicht nur viele Noten und China gefunden, sondern auch ein Sternenkind und eine gut versteckte Bar.

Christine Weber

Das Tram 7 holpert eine Ewigkeit durch die Stadt. Rund jedes dritte davon stammt übrigens aus Basel, ein Geschenk an das wirtschaftlich angeschlagene Belgrad. Unvorstellbar, dass sie heute noch in der Schweiz herumkurven würden.

Aber jetzt sind sie hier und ich rattere in einem davon über die Brücke des Flusses Sava in den diesseitigen Stadtteil Neu-Balgrad, vorbei an verspiegelten Shoppingzentren und verwahrlosten Wohnsiedlungen. Ausgespickt werde ich In China. Genauer gesagt im Blok 70. Ein zweistöckiges Labyrinth mit unzähligen Buden, die von oben bis unten mit chinesischer Billigware und Ramsch gefüllt sind. China ist überall. Das erinnert mich an die Schweizer Poeten, die soeben in Belgrad aufgetreten sind: Bern ist (auch) überall, wie die Leserinnen und Leser der letzten Wochenimpression wissen (Jazz, Books & Oasen).  

Blok 70: Mit dem Tram aus Basel nach China.
Blok 70: Mit dem Tram aus Basel nach China.
(Bild: chw)

Gut versteckt und doch gefunden

Ein riesiges und Gebäude mit vermutlich glanzvoller Vergangenheit. Auf der Suche nach der empfohlenen Bar stehe ich ratlos vor einem Labyrinth möglicher Auf- und Durchgänge. Der Pförtner winkt aus seinem Kabäuschen flüchtig und mit gelangweiltem Zeigefinger den Weg zum Lift. Ich drücke auf den am meisten verwischten Knopf in der Annahme, dass alle dahin und nicht zu Samsung wollen und das trifft zu: Auf der 7. Etage hallt Blues durch Beton, ein Kellner wirft mir unvermittelt Scherben vor die Füsse und bringt dann ein Glas Wein. 

Nikoli Pasicubin: Gut versteckte Bar im 7. Stock mit Aussicht.
Nikoli Pasicubin: Gut versteckte Bar im 7. Stock mit Aussicht. (Bild: chw)

Ein Dackel namens «German Kretin»

Ein Sternenkind. Vermutlich ein Geschenk des gestrigen Vollmonds. Der junge Dackel, den es streichelt, wird von den Erwachsenen «German Kretin» gerufen. Gesehen habe ich die Wundergeschöpfe auf einem Flussboot, das nur Mitglieder einlässt. Nach kurzer Musterung durfte ich dennoch rein und habe ein paar wunderbare Nachmittagsstunden verbracht. Beim Gehen machte ich etwas Gemeines: Vor geschlossenem Eisengitter standen drei Typen und schauten zum Floss. «Sieht privat aus. Ob man da trotzdem reinkommt?», sagte einer ausgerechnet auf Schweizerdeutsch und der andere gab die Frage auf Englisch an mich weiter. Ich schaute verständnislos, zuckte mit den Schultern und liess sie stehen.

Jaram na Vodi: Sternenkind mit jungem Dackel auf dem Flussboot.
Jaram na Vodi: Sternenkind mit jungem Dackel auf dem Flussboot. (Bild: chw)

Viele Noten bekommen gute Noten

In einem Innenhof spielen zwei Typen Jazzstandards auf wippenden Turnschuhen und schwarzlackiertem Kontrabass. Die Tasche vor ihnen ist mit Noten – also mit Papiergeld –  gefüllt. Bei einem Kurs von etwa 1:100 sieht jedes Nötli nach viel aus, was es in diesem Sinn nicht ist. Trotzdem: Mir ist auch bei anderen Strassenkünstlern oder den (wenigen) Bettlern aufgefallen, dass die Mehrheit der Vorübergehenden eine Note in die Sammelgefässe wirft. Eine schöne Geste, die man in der reichen Schweiz seltener zu Gesicht bekommt. Das liegt am Wechselkurs, aber vermutlich noch viel mehr am letzten Adjektiv.

Ulica Nusiceva: Ein Ständchen im Innenhof mit jazzigen Noten.
Ulica Nusiceva: Ein Ständchen im Innenhof mit jazzigen Noten. (Bild: chw)

Historische und zeitgenössische Männer

Mannen stehen hier viele herum. Junge und alte, historische und zeitgenössische. Der Herr hier hatte bis 2009 ein politisches Amt inne, seinen Namen auf kyrillisch kann ich nicht entziffern. In der Hand hält er eine Zigarette. Ein Detail, das bei uns mehr zu reden gäbe, als dass ein Strassenkehrer wie Heinz Gilli mit einem Denkmal geehrt wird. Und vermutlich wäre der Rauchstängel längst wegretuschiert.

Frauen sind auch hier kaum auf den Sockeln zu sehen und wenn doch, handelt es sich um mehr oder weniger nackte Kunstobjekte. Ansonsten gibt es bei dieser Thematik noch etwas zu berichtigen, was nicht selten über Serben kolportiert wird: Ich habe mich als Frau in einer Grossstadt noch nie so unbelästigt und in Ruhe gelassen gefühlt von Männern, wie im serbischen Belgrad. 

Tasmajdan Park: Historische und zeitgenössiche Männer stehen im Park herum.
Tasmajdan Park: Historische und zeitgenössiche Männer stehen im Park herum. (Bild: chw)

 

 

Aus dem zentralplus Blog Brief aus Belgrad

ZUR BLOGÜBERSICHT
x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

MEHR AUs diesem Blog