Ansicht vor 1893 (Freienhof mit Ökonomiegebäude, noch ohne historistische Anbauten; Jesuitenkirche noch ohne Turmaufsätze) (Bild: Staatsarchiv Kanton Luzern)
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Ansicht vor 1893 (Freienhof mit Ökonomiegebäude, noch ohne historistische Anbauten; Jesuitenkirche noch ohne Turmaufsätze) (Bild: Staatsarchiv Kanton Luzern)

Vom Kreuz mit dem Theater – oder vom Theater um das Kreuz

5min Lesezeit

Unser Blogger Loris Fabrizio Mainardi fügt der gegenwärtigen Polemik um den Theaterneubau eine historische Klarstellung bei. Er findet, dass gegen eine nähere bauliche Nachbarschaft zwischen Theater und Jesuitenkirche nur schwache Argumente sprechen – mit einer Ausnahme.

Loris Fabrizio Mainardi

Dass das Gebäude des Luzerner Theaters den praktischen Ansprüchen des Theaterbetriebs nicht mehr zu genügen vermag, dürfte gemeinhin unbestritten sein. Gestritten wird demgegenüber, ob die zur Diskussion gestellten Neubaupläne mit Ausnutzung des heute freien Platzes gegen die Westseite die Jesuitenkirche «gefährden».

Eine hypothetische, aber potentiell folgenschwere Gefährdung könnte – auf Grund des sumpfigen Baugrundes – eine gebäudestatische sein, der indes mit heutigen ingenieurtechnischen Mitteln zu begegnen sein dürfte. Eine weniger folgenschwere, dafür aber öffentlich umso mehr umstrittene Gefährdung ist eine ästhetische, nämlich durch die reussseitige Verbauung der heute sichtbaren Ostfassade der Kirche.

Freienhof und Jesuitenkirche in den Stadtplänen von 1849 (links) und 1890 (rechts)
Freienhof und Jesuitenkirche in den Stadtplänen von 1849 (links) und 1890 (rechts) (Bild: Staatsarchiv Kanton Luzern)

Wenn hierbei argumentiert wird, die Ostfassade sei ursprünglich auch verdeckt gewesen (wie auf der Fotografie um 1900), ist diese Aussage ungenau: Tatsächlich bestand der so genannte «Freienhof» zunächst nur aus den 1421 und 1505 erstellten Hauptgebäuden (wie auf dem Martini-Plan von 1597 ersichtlich), zu denen sich gegen die Jesuitenkirche hin bloss einstöckige, wohl hölzerne Garten- bzw. Ökonomiegebäude gruppierten (wie auf dem Stadtplan von 1849 eingezeichnet).

Bei den auf der Fotografie um 1900 zu erkennenden, an das reussseitige Hauptgebäude anschliessenden, mehrstöckigen Anbauten handelt es sich um historistische Erweiterungen der zweitletzten Dekade des 19. Jh. (vgl. den Stadtplan von 1890 und Reinle, KDM-LU III, 117). Somit stellte die unmittelbare Gebäudenachbarschaft nur ein spätromantisches 50-jähriges Intermezzo im 300 Jahre dauernden Nebeneinander von Jesuitenkirche und Freienhof (abgebrochen 1949) dar.

Welche Schlüsse sind aus diesen Gegebenheiten zu ziehen?

Sprechen sie gegen die Erweiterungspläne? Meines Erachtens mitnichten: Denn zunächst ist zu bedenken, dass der «ursprüngliche» Zustand – sei es jener zwischen 1666 und 1890, jener zwischen 1890 und 1947 oder jener von 1947 bis heute – nie geplant gewesen war: Die Gebäude wurden jeweils ohne Rücksicht auf ihre Nachbarn gebaut bzw. umgestaltet; von einer projektierten Anlage kann keine Rede sein.

Zu diesem städtebaulichen Argument gesellt sich ein kirchenbauliches bzw. -geschichtliches: die Kirchen des Jesuitenordens sind – allen voran dessen Mutterkirche Il Gesù in Rom – bevorzugt unmittelbar an andere Gebäude angebaut, seien letztere Schul- oder andere «weltliche» Bauten. Diese Eigenschaft dürfte nicht nur faktisch – mit der gegenüber anderen Orden späten Gründung im 16. Jh. und dem in gewachsenen Städten meist fehlenden Raum für freistehende Kirchenbauten –, sondern auch programmatisch zu begründen sein, indem sie den eben nicht kontemplativen, sondern betont weltgewandten Charakter des Ordens auch bauästhetisch zum Ausdruck bringt.

Der Freienhof, links im Martini-Plan 1597 (noch ohne die 1666–1677 gebaute Jesuitenkirche) und rechts um 1900.
Der Freienhof, links im Martini-Plan 1597 (noch ohne die 1666–1677 gebaute Jesuitenkirche) und rechts um 1900. (Bild: Staatsarchiv Kanton Luzern)

Gegen eine nähere bauliche Nachbarschaft mit dem Theater – die erwartungsgemäss lösbaren technischen Probleme vorbehalten – sprechen somit nur schwache Argumente; umso mehr, als die Jesuiten in ihren Schulen, auch im barocken Luzern, gerade dem Theater eine hervorragende Stellung beimassen.

Kein Kreuz mit dem Theater

Von einem «Kreuz mit dem Theater» kann somit nicht gesprochen werden. Vielmehr widerspiegelt sich in der aktuellen Debatte um den Erweiterungsbau ein gegenwartssymptomatisches «Theater um das Kreuz»: Ausgerechnet in einer Zeit, in der in Westeuropa immer mehr Menschen aus der Kirche austreten und die Kirchen auch von den verbliebenen Mitgliedern immer weniger betreten werden, macht sich eine zunehmende öffentliche Ablehnung «fremder» (meist islamischer) und Demonstration «eigener» (christlicher) Symbole bemerkbar.

Kopftücher und Minarette werden demokratisch legitimiert verboten, während der bayerische Ministerpräsident in allen Dienststellen des «Freistaates» Kreuze nicht nur erlaubt, sondern vorschreibt – nota bene gegen den Widerspruch der Kirche und des Münchener Kardinals. Dass die Verfolgung anderer Religionen bei gleichzeitig verordneter Pflege eigener religiöser Bräuche und Symbole äussere Symptome einer inneren Glaubensentfremdung sein können, haben prominent die Christenverfolgung im (noch) heidnischen Rom und die Glaubenskriege zu Beginn der (säkularisierenden) Neuzeit vor die Augen der Geschichte geführt. Vielleicht sollten wir uns fragen, ob tatsächlich die verbaute Seitenfassade einer Kirche oder nicht vielmehr der Grund, warum wir uns davor fürchten, Anlass zur Sorge ist.

Aus dem zentralplus Blog Architektur-Blog

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