Landschaft wird zum architektonischen Mittel: Schweighof-Überbauung in Kriens. (Bild: Gerold Kunz)
Blog

Landschaft wird zum architektonischen Mittel: Schweighof-Überbauung in Kriens. (Bild: Gerold Kunz)

Mit Gestaltung gegen den Dichtestress

5min Lesezeit 1 Kommentare

Auf der grössten Bauparzelle der Gemeinde Kriens, dem Schweighof, stehen die ersten Häuser zum Bezug bereit. Zwischen den vielen Bauten bleibt wenig Platz. Das städtebauliche Konzept fordert die Architekturbüros heraus. Die Architekten antworten mit Fassadenbilder auf die fehlende Weite. Ein legitimes Mittel?

Das Projekt für die Bebauung des Schweighofs, der grössten in Kriens je beplanten Parzelle, ging aus einem Studienauftrag hervor. Trotz der einzigartigen Ausgangslage, die Konzepte mit grosszügigen Zwischenräumen zugelassen hätte, hatte sich die Jury für ein Projekt mit vielen Häusern entschieden; aus Gründen einer besseren Etappierbarkeit.

In der Überarbeitung wurde die Dichte für das Areal erhöht, die Häuser rückten deshalb zulasten des Freiraums enger zusammen. Auch wird auf die Etappierung verzichtet. Für die Umsetzung zeichnen verschiedene Architekturbüros verantwortlich, mit der Absicht, der Siedlung dennoch das Bild einer allmählich gewachsenen Überbauung zu geben.

Weite der grossen Parzelle zurückgeben

Die Architekten Lüscher Bucher Theiler haben sich zur Aufgabe gemacht, in den drei von ihnen verantworteten Häusern trotz der planerischen Enge etwas von der Weite der grossen Parzelle zurückzugeben. Auch ihre Bauten folgen den Vorgaben des städtebaulichen Konzepts, das 21 Bauten auf dem Grundstück vorsieht.

Sie reagieren mit einer massgeschneiderten gestalterischen Strategie. Die Geschosshöhen nehmen von unten nach oben ab, was bedeutet, dass im Erdgeschoss die lichte Höhe grösser als im Dachgeschoss ist. Damit dringt im Verhältnis mehr Licht in die untenliegenden Wohnungen, um deren Wohnqualität zu verbessern.

Die Grundrisse haben die Architekten so gestaltet, dass sie sich vom Eingang zu den Fassaden hin öffnen, was ein Gefühl von Weite zulässt. Die Anordnung der Wohnzimmer an den Gebäudeecken ermöglicht breite Fenster, die sich als Bänder zwischen die Trennwände spannen. Diese zentralen Räume lassen Blickbeziehungen in die Tiefe der Umgebung zu. Je nach Position im Raum ergeben sich andere Durchblicke. Auch entfernt liegende Nachbarbauten rücken ins Bild, Sichtbeziehungen zur Siedlung werden hergestellt.

Als dritten Akzent haben die Architekten an die Nordfassaden Bilder von Robert Zünd (1827–1909) aufmalen lassen. Zünd, dem das Luzerner Kunstmuseum 2017 eine Ausstellung widmete, war in den Gebieten Eichwald und Schweighof oft unterwegs. Seine Bilder zeigen eine idyllische Landschaft, wie es sie zu Zünds Zeiten schon nicht (mehr) gab.

Im Kunstmuseum wurde seine damalige Sicht auf die Welt einer heutigen gegenübergestellt, fotografiert von Tobias Madörin. Bereits die Ausstellung im Kunstmuseum zeigte in aller Deutlichkeit, dass Zünds heile Welt vergangen war.

Wandbilder stossen auf Kritik

Die Architekten wurden für ihre Wandbilder von Fachleuten kritisiert. Ein naturalistisches Abbild wird offenbar nicht als legitimes architektonisches Mittel betrachtet. In der Tat stellt sich die Frage, ob ein Bild des Fotografen Nicolas Faure, der das Gebiet um den Schweighof vor der Tieferlegung der Autobahn für eine Ausstellung im Museum im Bellpark fotografierte, auch das Gefühl von Weite und zudem eine ehrlichere Haltung zum Ausdruck gebracht hätte. Doch den Architekten ging es weniger um den korrekten Bildbezug, als um den Naturbezug, der mit Zünds Malerei suggeriert wird.

In Pompei hatten die Römer ihre Atriumhäuser mit Gartenmotiven bemalt, um die Innenhöfe zur Landschaft werden zu lassen. In vielen Barockkirchen suggerieren Deckengemälde den freien Blick in den Himmel, obwohl die Gewölbe mit einem Ziegeldach gedeckt sind. In der zeitgenössischen Architektur bilden Fassaden einen konstruktiven Aufbau ab, der mit der tatsächlichen Gebäudekonstruktion wenig gemeinsam hat. Ist also die Idee, ein Bild von Robert Zünd an eine Fassade zu malen, in der Logik heutiger Architekturproduktion ein legitimes gestalterisches Mittel?

Bildmotive sind nichts Ungewöhnliches

Tatsächlich begegnet man in der Schweizer Architektur immer wieder Bildmotiven an Fassaden. Herzog & de Meuron haben bei der Verhüllung ihres Suva-Hauses in Basel Bilder auf die Glasverkleidung drucken lassen, Meili Peter haben die Sockelverglasung ihres Neubaus im Zürcher Kreis 5 mit Baummotiven bedruckt. Miroslav Sik hätte in Andermatt einen ganzen Dorfteil mit Bildern aus der Gotthardgeschichte angereichert, aufgetragen auf Sockel und Fassade. Diese Beispiele zeugen von einem aktuellen Interesse, zu einer Debatte führten sie bisher nicht.

Anders als beim Krienser Gewerbegebäude, das seine nüchterne Fassade mit einem Waldmotiv schmückt, oder beim Luzerner Verkehrshaus, an dem als Hintergrund zum Bohrkopf ein Bild des Gotthardtunnels hängt, folgen die Bilder in der Schweighof einem architektonischen Gesamtkonzept, das innerhalb der beengten räumlichen Gegebenheiten Weite erfahren lässt.

Ein Angebot an die Bewohnenden, ihre Blicke in die Ferne schweifen zu lassen. Und dazu bieten Zünds Bilder ideale Voraussetzungen.

Aus dem zentralplus Blog Architektur-Blog

ZUR BLOGÜBERSICHT
x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

MEHR AUs diesem Blog