Das Turmmodell ist in der Swiss-Pavilions-Ausstellung im Pavillon Le Corbusier in Zürich ausgestellt. (Bild: Gerold Kunz)
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Das Turmmodell ist in der Swiss-Pavilions-Ausstellung im Pavillon Le Corbusier in Zürich ausgestellt. (Bild: Gerold Kunz)

Ein schwindlig machender Turm im Stechschritt

3min Lesezeit

Der Aussichtsturm des Tierparks Goldau ist in der aktuellen Ausstellung «Swiss Pavilions» in Zürich vertreten. Wer den Turm besteigt, kämpft mit fallenden Linien und scheinbar geneigten Ebenen – was beim Besteigen in nicht wenigen Fällen zu Schwindel führt.

Mein Bruder machte mich auf eine Besonderheit beim 2016 eröffneten Aussichtsturm im Tierpark Goldau aufmerksam. Als er diesen in Begleitung seiner Tochter bestieg, sei ihm schwindlig geworden. Nicht die knapp 30 Meter Höhe machten ihm zu schaffen, sondern die in der Schalung verlaufenden schrägen Linien. Diese bewirken, dass die Treppenstufen und die Podeste beim Hinaufgehen geneigt wirken, obwohl sie horizontal verlegt sind. Bei meinem Selbstversuch bestätigte sich dieser Eindruck. Oben angekommen, führte meine Umfrage unter den Turmbesuchern jedoch zu keinem gültigen Ergebnis. Jeder muss die Erfahrung offenbar selber machen.

Auch meine Umfrage unter Berufskollegen hat zu keinem eindeutigen Resultat geführt. Das Phänomen ist niemandem bekannt. Doch der Tenor lautet, dass der Architekt die effektiven Wirkungen seiner Massnahmen im Raum erkennen müsse. Der Bündner Gion A. Caminada, der den Turm entworfen hat, erstellte ein wirklichkeitsgetreues Modell, an welchem sich die architektonische Idee, die Materialisierung und die Gestaltung überprüfen liessen. Doch wie der Raum bei der Begehung wirkt, kann nur im 1:1-Modell erfahren werden.

Sonderstellung für den Aussichtsturm

Wegen der scheinbar schwebenden Wirkung der Aussichtsplattform und der Verwandtschaft zu den seit dem 19. Jahrhundert beliebten Aussichtspavillons in den Schweizer Alpen ist der Aussichtsturm des Tierparks Goldau bis am 23. Juli in der sehenswerten Ausstellung «Swiss Pavilions» im Pavillon Le Corbusier in Zürich zu sehen. Sie vereint zeitgenössische Pavillonarchitekturen, darunter auch das Zielgebäude im Rotsee. Während die Ausstellung den Quervergleich mit anderen Pavillons zulässt, nimmt der Aussichtsturm darin eine Sonderstellung ein. Den Ausstellungsmachern geht es in erster Linie darum, Objekte zu zeigen, die den Architekten ermöglichen, «aus der Strenge der baukünstlerischen Recherche auszubrechen und neue Wege zu erkunden».

Caminada hat mit dem Turm einen neuen Weg erkundet. Ausgehend von der Skulptur «L’Homme qui marche» des Künstlers Alberto Giacometti (bekannt von der 100-Franken-Banknote) hat er zusammen mit dem Ingenieur Walter Bieler einen Prototypen geschaffen, der am höchsten Punkt des Tierparks steht und schöne Sichten auf den Lauerzer- und Zugersee freigibt. Am Boden hinterlassen die Turmschenkel zwei Fussabdrücke, auf Augenhöhe gibt der Schritt den Blick frei auf einen dreieckigen Zwischenraum. Beide Schenkel enthalten je einen Eingang zu den Treppenhäusern, die sich von Geschoss zu Geschoss annähern, sich vereinen und beim höchstgelegenen Treppenlauf zusammenfinden. Begleitet werden die Treppenschächte von der parallel verlaufenden Bretterschalung, die massgeblich zum Eindruck der scheinbar schiefen Ebenen beiträgt.

Es war vermutlich nicht das Ziel des Architekten, mit dem Turm ein Raumexperiment durchzuführen. Alles am Turm folgt einer klaren Logik des konstruktiven Konzepts. Dennoch ist der Turm zum Schulbeispiel geworden. Doch um Gewissheit zu haben, ob meine Eindrücke stimmen, müssen auch Sie den Turm besteigen.

Aus dem zentralplus Blog Architektur-Blog

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