Der Ersatzneubau markiert einen Neubeginn (Bild: Gerold Kunz)
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Der Ersatzneubau markiert einen Neubeginn (Bild: Gerold Kunz)

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Nach der Denkmalpflege entdecken auch die Architekten die Qualitäten des Heimatstils. Im Luzerner Multikulti-Quartier «Babel» in der Basel-/Bernstrasse wird die Wiederbelebung des Schweizer Nationalstils hingegen zur missverständlichen Geste.

Mit ihrem Ersatzneubau haben die Architekten Meyer Gadient an der Luzerner Bernstrasse nicht nur eine stimmige Architektur entworfen, sondern auch die vorgefundene Siedlungsstruktur geschärft. Sie haben anstelle eines baufälligen Gebäudes einen markanten Solitärbau an die Strasse gesetzt. Mit dem klaren Bekenntnis zur Architektur postulieren sie einen Neubeginn in einem Quartier, das bisher wenige Aufwertungen erfahren hat.

Nationales Hoheitsgebiet

Durch den Rückgriff auf den Heimatstil kann der Beitrag in diesem Multikulti-Quartier aber auch missverstanden werden. Wird hier mit Architektur nationales Hoheitsgebiet markiert? Denn es gibt wenig Nationaleres als den Schweizer Heimatstil. Im Heimatstil hatte unsere bürgerliche Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu sich selbst gefunden. Lokale Bautraditionen, kombiniert mit moderner Technik, hatten bis in die Nachkriegsjahre die Schweizer Elite geeint. Denn die fortschreitende Industrialisierung erforderte Architekturbilder, die sich mit dem ländlichen Bild der Nation vertrugen. Der Heimatstil lieferte die Kulisse, hinter welcher sich die rasante technische Entwicklung umsetzen liess.

Doch Meyer Gadient setzen an der Bernstrasse die Postulate von damals nicht unkommentiert um. Ihren Neubau haben sie mit zeitgenössischen Zutaten ergänzt. Im Dach haben sie eine Schleppgaube ausgebildet, die keine Verwandtschaft zum Heimatstil sucht. In ihrer reduzierten Formensprache nimmt sie heutige Gestaltungsprinzipien auf. Auch die Balkone auf der Gebäuderückseite sind modern. Und der Grundriss orientiert sich an heutigen Wohnbedürfnissen, indem das Treppenhaus auf Seite der Strasse liegt und der Wohn- und Essraum ein zusammenhängender offener Raum ist.

Schweizerhaus statt Babelhaus

Dennoch stellt sich mir die Frage, was diese Architektur an diesem Ort zu bedeuten hat. Während seit den 1990er-Jahren unter dem Begriff Schweizer Architektur eine «Kiste» (swiss box) verstanden wird, suchen die Architekten heute nach neuen Ausdrucksformen. Der Rückgriff auf den Heimatstil ist als willkommener Versuch zu werten, mehr Atmosphäre in unsere Ortsbilder zu bringen. In diesem Sinne ist das Haus von Meyer Gadient zu begrüssen. Ich hätte mir aber gewünscht, dass sich die Architektur den lokalen Anforderungen aussetzt, damit hier nicht nur gute Architektur, sondern auch ein aktueller Beitrag zur spezifischen Kultur hätte realisiert werden können. Anstelle eines Babelhauses ist hier ein Schweizerhaus entstanden.

 

Aus dem zentralplus Blog Architektur-Blog

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