Der Eingang und die Lukarnen sind Zutaten von heute. (Foto: Gerold Kunz)
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Der Eingang und die Lukarnen sind Zutaten von heute. (Foto: Gerold Kunz)

Ein Gebäude und seine dunkle Geschichte

3min Lesezeit

Im Kloster Rathausen in Ebikon wurde Geschichte geschrieben. Nach dem Brand 1903 erfuhr das Gebäude architektonische Veränderungen, nicht aber wurden die Erinnerungen an das «Kinderzuchthaus» gelöscht.

Im Kloster Rathausen wurde Geschichte geschrieben. Als «Kinderzuchthaus» wurde es 2010 in einem Filmbeitrag von Beat Bieri bekannt. Wieder aufgebaut nach einem Brand von 1903, wurde es im Jahr 2016 renoviert. Am Gebäude konnten dabei unglückliche Veränderungen rückgängig gemacht werden, nicht aber wurden die Erinnerungen der Kinder und Jugendlichen gelöscht, die mit dem Kloster negative Erfahrungen verbinden. Für sie wurde ein Ort des Erinnerns geschaffen.

Über dieses Zisterzienserinnenkloster, das nach 600 Jahren Betrieb 1848 in den Besitz des Kantons Luzern überging, liesse sich viel erzählen. Sonderbundkrieg, Lehrerseminar, Brandfall: Seine Geschichte lässt sich mit vielen weiteren Kapiteln ergänzen.

Doch kein anderes Kapitel als jenes der «Verpflegungs- und Erziehungsanstalt armer Kinder», 1883 in Rathausen eingerichtet, belastet die Anlage stärker. 1949 geriet die Anstalt massiv in Kritik, 1972 verliessen die Ingenbohler Schwestern das Heim, das noch bis 1986/87 bestand. Seither ist die Stiftung für Schwerbehinderte Luzern SSBL Eigentümerin.

Wiederaufbau mit Anpassungen

Von diesen Veränderungen war auch das Gebäude betroffen. Nach dem Brand wurde das Gebäude als Kinderheim auf den Umfassungsmauern wieder aufgebaut, erforderte jedoch für den Betrieb verschiedene Anpassungen. Diese wurden 2016 in der Renovation von den Architekten Bossard Luchsinger rückgangig gemacht. Die regelmässige Fensterordnung wurde wiederhergestellt und die Dachaufbauten von 1931 durch neue Schleppgauben ersetzt. Doch sind es weniger diese Korrekturen, die ins Auge stechen: Es ist die differenzierte Behandlung der Putzoberflächen, die nicht ins Bild einer 1903 neu errichteten Klosterarchitektur passen will.

Die Putzoberflächen werden zum Sinnbild der wechselvollen Nutzungsgeschichte.

Die Denkmalpflege stützt sich aber auf Befunde am Bau. Der Untersuch von Waltraut Hörsch stellte am Gebäude unterschiedliche Putzoberflächen sicher, die über den Zustand von 1903 Auskunft geben. So kommt es, dass das renovierte Kloster über zwei verschiedene Putze verfügt. Während die Längsfassaden glatt sind, sind die Stirnseiten mit einem stark strukturierten Putz belegt. Mit den Vor- und Rücksprüngen tragen die unterschiedlichen Oberflächen zur plastischen Wirkung der Anlage bei. Die Putze werden so zum Sinnbild der wechselvollen Nutzungsgeschichte, die ebenfalls nach einer differenzierten Betrachtungsweise verlangt.

Feuersicher dank Luzerner Erfindung

Beim Wiederaufbau von 1903 kam eine Erfindung des Luzerner Architekten Hans Siegwart zur Anwendung. Bei der Konstruktion der Geschossdecken kam seine Siegwart-Balkendecke zum Einsatz, ein als feuersicher und schalldicht angepriesenes Bausystem aus Betonbalken, das auch 1906 beim Maihof-Schulhaus in Luzern verwendet wurde. In beiden Gebäuden blieben sie erhalten.

Mit der Renovation endet das jüngste Kapitel der Geschichte der Klosteranlage. Diese präsentiert sich in ihrer komplexen Vielschichtigkeit. Die ausgewählten Oberflächen, Farben und Beläge erzeugen einen stimmungsvollen Ort, an dem es sich angenehm verweilen lässt. Das ist der beste Beitrag, den Architektur zur Bewältigung trüber Kapitel der Geschichte leisten kann.

Aus dem zentralplus Blog Architektur-Blog

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