Die Stadtentwicklung findet ausserhalb der Kernstadt statt. (Bild: Gerold Kunz)
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Die Stadtentwicklung findet ausserhalb der Kernstadt statt. (Bild: Gerold Kunz)

5min Lesezeit

2016 wird als Jahr der schnellen Planungstode in die Geschichtsbücher eingehen. Auf das überraschende Nein des Kantonsrats zur Salle Modulable im September folgte im Dezember das Nein des Grossen Stadtrats zum Parkhaus Musegg. Diese Entscheide sind ernst zu nehmende Anzeichen für eine Entschleunigung des rasanten Stadtumbaus der vergangenen Jahre.

Im Luzerner Himmelrich und im Zentrum von Kriens wurden grosse Flächen für eine Neubebauung freigelegt. Am Seetalplatz in Emmen sind nach der Eröffnung der Verkehrsbauten nun die Baufelder erkennbar, auf denen ein neuer Stadtteil entstehen wird. Die Konturen der Bauten der Mall of Switzerland prägen schon jetzt den neuen Schwerpunkt im Rontal. Und im Grenzgebiet zwischen Kriens und Horw schreiten die Bauarbeiten für zahlreiche Wohn- und Geschäftshäuser voran.

Dieser Stadtumbau folgt den Grundsätzen der Verdichtung nach innen, der von allen politischen Parteien getragen wird, weshalb kaum kritische Stimmen zu hören sind. Umso mehr überraschte der Luzerner Kantonsrat im September mit seinem Nein zur Salle Modulable (zentralplus berichtete). Auch die Absage an das Parkhaus Musegg des Grossen Stadtrats lässt aufhorchen (zentralplus berichtete). Sind diese gewichtigen Entscheide erste Anzeichen für eine Entschleunigung des Stadtumbaus?

Ohne hellseherische Fähigkeiten herbeizurufen: Dieser entfesselte Stadtumbau macht müde. Und die Frage nach der Stadt, die wir uns wünschen, stellt sich dringlicher als bisher. Alle Orte scheinen von einem Aktivismus ergriffen, als gäbe es schon morgen die Welt nicht mehr. Doch viele Projekte, die ich um mich entstehen sehe, sind Konzepte, wie ich sie während meines Studiums an der ETH vor bald 30 Jahren gelehrt bekommen habe. Mir kommt vor, als ob bei uns gegenwärtig ein Städtebau mit einer unendlichen Verzögerung umgesetzt würde. Und ich befürchte, dass eine Stadt entsteht, die schon in zehn Jahren niemand mehr haben will.

Alles abbrechen?

Doch der Veränderungsdrive will nicht stoppen. Bereits liegen Pläne für die Umgestaltung der Bahnhofstrasse und der Parzelle am Bundesplatz vor (zentralplus berichtete). Sogar an der lärmbelasteten Zürichstrasse soll investiert werden. Eine Dynamik prägt gegenwärtig die Stadtentwicklung – wie zu Zeiten, als die Stadtbefestigungen geschleift und in allen europäischen Städten die Schanzen-, Löwen- und Hirschengräben überbaut wurden. Heute tritt nur noch die Denkmalpflege für die bestehende Stadt ein – wenn ihre Stimme versiegt, gibt es kein Innehalten mehr. Alles wird zum Abbruch freigegeben.

«Städtebau braucht seine Zeit.»

Diese Stimmung ist nicht neu. Sie hat die Schweiz schon in den 1960er-Jahren erfasst. Doch auf die Jahre des Aufschwungs folgte ein Stillstand. Erste Anzeichen deuten darauf hin, dass es schon bald zu einer Umkehr kommen wird. Denn die Prospekte der Investoren versprechen mehr, als die Neubaugebiete bieten können. Und viele Fragen stellen sich erst mit der Fertigstellung. Städtebau braucht seine Zeit.

Anders im Hergiswald

Zeit hat sich in Kriens die Albert Koechlin Stiftung genommen. Der Architekt Gion A. Caminada legte im Spätherbst ein Projekt für den Ersatzneubau des Gasthauses Hergiswald vor. Nach heftigen Protesten gegen das Neubauvorhaben und einer Petition für den Erhalt des bestehenden Gebäudes hatte sich die Stiftung für einen Planungsstopp entschieden, obwohl ihr die Baubewilligung erteilt wurde (zentralplus berichtete).

Doch die Stiftung hat nicht die Zeit verstreichen lassen. Sie ist über die Bücher gegangen und hat ihre Vorgaben überprüft. Denn die beiden Projekte, das neue von Caminada und das alte von Masswerk, antworten auf spezifische Fragen, die an die Architekten gestellt wurden. Hatten Masswerk in ihrem Wettbewerbsbeitrag die Aufgabe, das Restaurant an einer anderen Lage zu platzieren, damit das Gasthaus so lange in Betrieb bleiben konnte, bis der Neubau erstellt war, so kann nun Caminada sein Projekt am Standort des bestehenden Gasthauses entwickeln. Damit fallen die Veränderungen im nationalen Ortsbild sanfter aus, was die Petitionäre bewog, von der Forderung nach dem Erhalt des Gasthauses abzusehen.

«Es ist ein Stimmungswandel zu erkennen, der weitere Kreise ziehen wird.»

Hingegen kommen die Pläne für die Umgestaltung der Bahnhofstrasse zu früh. Noch bevor entschieden ist, wie es mit dem Luzerner Theater und dem Theaterplatz weitergehen soll, liegen hier fertige Pläne vor. Sie betonen den bescheidenen Platz vor der Jesuitenkirche, was aus der Optik der Altstadt nachvollziehbar, aber aus einer Gesamtstadtperspektive betrachtet wenig zukunftsweisend erscheint.

Architekt Marques ist Kunstpreisträger

2016 wird, als Jahr ohne nennenswerte Architektur, nicht mit Neubauten in die Architekturgeschichtsbücher eingehen. Zwar wurden mit dem Rudergebäude am Rotsee von Fuhrmann Hächler, dem Werkhof in Kriens von Masswerk AG oder den Wohnbauten in Rathausen von röösli mäder Architekten wichtige Bauten fertiggestellt. Und mit Daniele Marques (*1948) hat der wohl gewichtigste Luzerner Architekt den städtischen Kunstpreis bekommen, nach den Architekten Peter Baumann (*1938) und Otti Gmür (1932–2015).

Viel mehr standen im zu Ende gehenden Jahr die Projekte im Vordergrund. In den klaren Absagen zur Salle Modulable und dem Parkhaus Musegg ist ein Stimmungswandel zu erkennen, der weitere Kreise ziehen wird.

Aus dem zentralplus Blog Architektur-Blog

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