erhaltene, rote Tapete (Bild: Tanja Rösner-Meisser)
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erhaltene, rote Tapete (Bild: Tanja Rösner-Meisser)

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Das «Technikum» an der Scheuermattstrasse in Cham wird im Februar bezogen. In das frühere Wohnhaus der Nestlé kann sich aber nicht jeder einmieten.

Das «Technikum» in Cham hat nichts mit einer Fachhochschule zu tun, sondern wurde 1920 als Wohnhaus für Mitarbeiter der Anglo-Swiss Condensed Milk Company («Milchsüdi») gebaut. Hierfür ein kleiner Exkurs in die Geschichte. Die amerikanischen Brüder Page produzierten in Cham ab 1866 als erste in Europa Büchsen-Kondensmilch. Im gleichen Jahr gründete auch Henri Nestlé seine Unternehmung mit der Produktion von löslichem Milchpulver. Das noch heute bekannte Logo mit dem Nest, in welchem gerade die Brut gefüttert wird, basiert auf dem schwäbischen Familienname für «kleines Nest». Die beiden Firmen fusionierten 35 Jahre später und sind heute bekannt unter «Nestlé». Kürzlich erhielten das Bauforum Zug und auch die Öffentlichkeit Zugang zum Haus.

2013 befürwortete das Chamer Stimmvolk den Kaufkredit von 4 Mio. sowie den Planungs- und Baukredit  für die Erneuerung von 5 Mio. Gleichzeitig wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Klar war bereits, dass damit endlich der Forderung des kantonalen Wohnraumförderungsgesetzes für preisgünstige Wohnungen nachgekommen werden soll. Die Lage unmittelbar neben dem Grundstufenschulhaus «Städtli» war zudem ein wichtiger strategischer Grund für die Gemeinde, die Liegenschaft und somit die vorhandenen Ausnutzungsreserven zu übernehmen.

Der neubarocke Reihenbau mit Mansardendach vom Chamer Baumeister Wilhelm Hauser erinnert an eine englische Gartenstadt. Abgesehen von aufgedoppelten Bodenbelägen und Farbüberstrichen, wurde die Wohnhauszeile in den letzten 95 Jahren kaum erneuert. Der Fassadenputz und die Backsteinwand wurden abgeschlagen und 2 cm Dämmung (Areogel-Platte) angebracht. Die 105 Fenster wurden ersetzt und die Kellerdecke und das Dach gedämmt. In den Wohnungen wurden die Kachelöfen (zuvor die einzige Wohnraumbeheizung) aufgefrischt, ausser Betrieb genommen und eine Zentralheizung mit Radiatoren eingebaut. Aktuell läuft diese mit Gas und wird in Kürze dem Wärmeverbund angeschlossen. 

Böden und Tapeten wurden wo möglich erhalten. Bedruckte Linoleumböden aus erster Produktions-Generation wurden aufwändig renoviert. Die gute Raumaufteilung musste lediglich mit neu gesetzten oder geschlossenen Türen angepasst werden. Die rund 1 m tiefen Balkone wurden zu Gunsten der Nutzungsgrösse durch eine 2 m tiefe Metallkonstruktion ersetzt - hier trotzdem etwas übermotiviert. Die Fassade ist nicht mehr rosa sondern wie früher weiss mit grünen Läden. Die steinern wirkenden Gebäudeecken waren seit jeher Trug und sind auch heute wieder mit Putz nachmodelliert.

In den 17 Wohnungen werden 28 Erwachsene und 16 Kinder einziehen. Dies ergibt im Schnitt 30 m2 Wohnfläche pro Person. Der übliche Schweizer-Schnitt liegt bei 50-55 m2. Im Sinne des Wohnraumförderungsgesetzes steht rund die Hälfte der Wohnungen Familien, Alleinerziehenden und älteren Personen zur Verfügung, welche seit mind. 10 Jahren in Cham wohnen oder sich in der Vergangenheit stark für die Gemeinde engagiert haben. Das jährliche, steuerbare Einkommen darf CHF 50'000.- und das Vermögen CHF 144'000.- nicht übersteigen und einer der total 10 Parkplätze erhält nur, wer die Notwendigkeit mit einem Arztzeugnis (ein Treppenlift gibt es allerdings nicht) oder einer Bestätigung des Arbeitgebers bezeugen kann. Die Mieten für die 1.5 bis 6.5 Zi-Wohnungen bewegen sich zwischen CHF 800.- bis CHF 2‘100.-. Die übrigen Wohnungen werden ohne Beschränkungen vermietet, die Mieten sind aber auch hierfür max. 1.5 mal höher als die subventionierten Wohnungen. Beim «Technikum» wurden vorbildliche Bewirtschaftungsideen umgesetzt und ein attraktives Wohngebäude mit angemessenem Aufwand erneuert. Ich hoffe, die erhaltene rote Tapete in der Küche wird genau so geschätzt wie der wunderbare, abgeschliffene Fischgrat-Parkettboden.

Aus dem zentralplus Blog Architektur-Blog

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