Die Kuratoren Stefan Zollinger und Barbara Keller im Gespräch mit Gerold Kunz (Bild: Arndt Schafter)
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Die Kuratoren Stefan Zollinger und Barbara Keller im Gespräch mit Gerold Kunz (Bild: Arndt Schafter)

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Im Rückblick offenbart sich 2015 für Luzern und Zug als Jahr der Suche nach neuen Konzepten. In Projekten wie der Seerose oder in der neu formierten IG Stadtentwicklung treffen in Luzern unvereinbare Ansprüche an die Stadt aufeinander. In Zug hat sich die Bevölkerung gegen einen neuen Stadttunnel ausgesprochen und somit eine städtebauliche Vision begraben.

Mit der Zuger Architektin Tanja Rösner-Meisner hat der Architektur-Blog auf zentral+ 2015 endliche eine eigene Stimme aus Zug bekommen. Mit ihrem Bericht zum Hochhaus der Obstverwaltung Zug, aber auch mit meinem Blog zum Silo in Buttisholz haben wir beide eine gute Spürnase bewiesen: Die Verfasser der beiden Projekte, die Luzerner Deon Architekten, haben für ihre Schlüsselwerke den Arc-Award zugesprochen bekommen: Wir gratulieren! 

Mit Christian Schnieper hat Zug einen neuen Stadtarchitekten erhalten, der sich als Architekt aber auch als Politiker mit der Entwicklung von Zug beschäftigte. Bereits 2012 hat Schnieper in KARTON 25 im Themenheft zu Zug seine Wunschvorstellung für «ein Zug der Zukunft, welches seine Identität gefunden hat und in die Zukunft übersetzen konnte und nicht verkrampft an Vergangenem festhält,» formuliert. 

Viel Arbeit steht für den neuen Stadtarchitekten an, nachdem die Stadt mit dem Nein der Bevölkerung zum Stadttunnel auch eine «Vision» verloren hat. Doch Visionen geben nur Rahmenbedingungen vor. Um diese in den Alltag zu übersetzen, müssen Studien iniziiert und öffentlich diskutiert werden. So sieht es der Zuger Architekt Hugo Sieber, der die Chancen für Zug darin erkennt, eigenständige Quartiere zu fördern, den städtischen Wohnraum zu erhalten und die freien Flächen nur auf der Grundlage von klaren städtebaulichen Zielen zu überbauen. 

Was Sieber für Zug fordert, gilt auch für Luzern. Die Stadt steht bei Investoren, Veranstaltern und Touristikern hoch im Kurs. Der Ruf nach Verdichtung, die Eventisierung des Alltags und die Ausbreitung der Uhrenläden in der Altstadt beschäftigen die Bevölkerung. Diese und weitere Probleme rund um die Entwicklung der Stadt Luzern will die neu gegründete IG Stadtentwicklung (IGS) wahrnehmen und sich auf verschiedenen Ebenen für deren Lösung engagieren. Zwölf Männer stehen hinter der IGS, darunter Politiker, Kleingewerbler, Künstler und Vertreter von Genossenschaften. Sie sehen die Stadt «als denkenden Raum mit eigener `Persönlichkeit`» und fordern eine Stadt, die allen gehört. 

Im Kontrast zu den Postulaten der IGS steht das Projekt der Seerose. Die schwimmende Veranstaltungsplattform der Architekten Cédric von Däniken und Gani Turunc (Dolmus Architekten) machte 2015 an verschiedenen Stationen rund um den Vierwaldstättersee halt. Damit trägt sie zur Identitässtiftung einer Region bei, die seit dem Bau der Eisen- und Autobahn als zusammenhängendes Entwicklungsgebiet verstanden werden kann. Andererseits ist die Seerose ein kurzlebiger und kostspieliger Event, der bald wieder vergessen geht. Noch vor Jahresende wurde sie in ihrer Bedeutung abgelöst: mit der Ankündigung des Baus eines Pavillons für das Luzerner Theater, der neben die Jesuitenkirche zu stehen kommen wird und von Andreas Moser von TGS Architekten entworfen wurde. Den Architekten kommt offenbar die neue Rolle zu, ein Signatur Building auf Zeit zu gestalten, das entsorgt wird, noch bevor es seine Halbwertszeit erreicht. 

In Luzern, wo die Vorbereitungen für die Bekanntgabe des Standorts einer künftigen Salle Modulable verschiedenste Akteure beschäftigen, stehen weitere städtebauliche Projekte an. Mit einem grossen Kultur-Spektakel verabschiedete sich die Bevölkerung von den abl-Genossenschaftsbauten «Himmelrich». Wer die Liegenschaften besuchte, konnte sich von der hervorragnenden Architektur der Bauten überzeugen. Einen solchen Abbruch kann man nur bedauern. Ich fragte mich: Wie viel günstiger Wohnraum ging hier verloren? 

Ich hatte Anfang Jahr einen Blog-Beitrag zum Neubau des Stadtarchivs versprochen. Einer vertieften Betrachtung konnte ich das Gebäude noch nicht unterziehen, andere Architektur hat mich zum Schreiben angeregt. Ausgelassen habe ich auch einen Blog zur Neugestaltung des Foyers der Kunstmuseums Luzern, nachdem ich im Postkartenständer des Shops einen Kommentar von Marcel Duchamp entdeckte: «Der grösste Feind der Kunst ist der gute Geschmack.» 

Auf diesem Jahresrückblick liegt der Schatten von Otti Gmür, der am 2. Februar 2015 verstarb. Über Jahre hat sich Gmür in die Diskussion über Architektur, den öffentlichen Raum und den Umgang mit den Siedlungen eingemischt. Er hat Behörden, Ivestoren, Planer und Politiker immer wieder auf ihre soziale Verantwortung aufmerksam gemacht. Seine Stimme fehlt und ist nicht zu ersetzen. In KARTON 33 haben sich verschiedene Autoren auf eine Spurensuche nach seinen Themen begeben und sind an meheren Orten fündig geworden. 

Eine interessante Begegung hatte ich in Meggen, wo ich zusammen mit Toni Häfliger und den Wiener Architekten Erich Hubmann und Andreas Vass die Kirche St. Pius besichtigte. Die beiden Wiener Architekten, die einer Einladung der Architekturgalerie nach Luzern folgten, wollten während ihrem Besuch unbedingt diese Ikone des modernen Kirchenbaus besichtigen. Sie erinnerten sich an die Anfänge ihres Architekturstudiums, wo sie von Freidrich Achleitner auf die Qualitäten dieses Meisterwerks von Franz Füeg aufmerksam gemacht wurden. 

In Nidwalden hat 2015 erstmals eine Werkschau zum zeitgenössischen Architekturschaffen stattgefunden. Die gut besuchte Ausstellung im Nidwaldner Museum hat im Salzmagazin neun aktuelle Projekte vereint, die von einem unabhängigen Kuratorium ausgewählt wurden, das sich aus Fachleuten aus Luzern, Obwalden, Uri und Schwyz zusammensetzte. Ohne eine Rangierung vorzunehmen, lassen die ausgewählten Projekte sichtbar werden, dass auf einen Kanton wie Nidwalden viele und verschiedene Einflüssen einwirken. 

Wie unterschiedlich Architektur ausgestellt werden kann, darüber diskutierten Barbara Keller vom Alpinen Museum der Schweiz und Stefan Zollinger, Leiter des Nidwaldner Museums am Speakers’ Corner in der Buvette in Luzern. Keller, die in Bern in einer Sonderausstellung das Studentenprojekt von Cyrill Chrétien für ein Transit-Hotel im alten Steinbruch in Brunnen/SZ vorstellte, appellierte dabei an die Architektinnen und Architekten, vom hohen Ross runter zu steigen und sich auf die Arbeit der Kuratorinnen und Kuratoren einzulassen, wenn sie ihre Botschaften näher beim breiten Publikum platzieren möchten. Wie das umgesetzt werden kann, zeigte Keller in Bern, wo sie neben das Architekturprojekt eine Bildspur mit Aufnahmen eines Chinesischen Touristen stellte, der die Schweiz während seines dreitägigen Aufenthalts porträtierte.

Aus dem zentralplus Blog Architektur-Blog

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