(Bild: Tanja Rösner Meisser)
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Die Überbauung Alpenblick in Cham wird aktuell durch zwei Hochhäuser ergänzt. Die architektonischen Qualitäten der dahinterliegenden Bauten der 60er Jahre von Josef Stöckli sind nach wie vor markant.

Einen Alpenblick gibt es nicht nur in Zug. Die Wohnlage aber, mit Blick via Naturschutzgebiet und Moor über den Zugersee in die noch verschneite Bergkette, die ist doch eher aussergewöhnlich. Dies hat auch die Chamer Behörde in den 1960er Jahren gemerkt, als entschieden wurde, dass hier künftig auch ohne bisher rechtlich definierte Bauzone Wohnungen im gehobenem Standard Platz finden sollen. Erste Baugesuche mit zweieinhalb-geschossigen Bauten wurden abgewiesen. Die Bauten würden sich gegenseitig und auch den Passanten und Autofahrern den schönen Ausblick versperren. Schliesslich wollte jeder von der Aussicht profitieren. So entwarf Josef Stöckli zehn Baukörper in vier Gruppen, welche in Höhe und Lage zueinander abgestuft sind. Diese Gliederung ermöglichte ein verhältnismässig unauffälliges Einfügen in die Umgebung und den Blick auf den See von jeder Wohnung aus. Die Abstufung der Gebäudehöhen und die feinen Unterschiede in Form und Fassadengestaltung verhindern, dass die Überbauung mit einer Ausnützungs-Dichte von 0.75 massig und eintönig wirkt.

Diese Prinzipien zeigen sich auch bei den beiden Neubauten, welche gegenwärtig fertig gestellt werden. (Projekt von den Architekten Philipp Brühwiler, Zug in Zusammenarbeit mit Konrad Hürlimann, Zug) Die Höhendifferenz ist nur mit etwas Distanz zu den Bauten zu sehen. Die gestalterischen Feinheiten der Fassade erkennt man je besser, je länger man bei Rot an der Ampel steht. Die Form und die Ausrichtung des östlichen Turms zeigen dem von Zug nach Hause fahrenden Chamer nicht eine blockende, zweidimensional wirkende Rückenansicht sondern angenehmerweise drei seiner leicht abgewinkelten Fassaden. Die beiden Türme erscheinen neben den Bäumen noch bevor man dazwischen die älteren Backsteinbauten erfasst. Wer von Westen her blickt, sieht allerdings aufgrund der Nähe der Gebäude zum Bestand eine andere, weniger vorteilhafte Perspektive auf die Erweiterung des Areals.

Das Flächenverhältnis zwischen Glasanteil und Metallfassade wirkt im Gesamten betrachtet harmonisch, und die feine Unterteilung der Fensterbänder bildet eine Analogie zu den bestehenden Bauten im Hintergrund. Dazu kommt das Spiel mit den individuell verteilten, senkrechten Metalllamellen vor den Fenstersegmenten. Diese sind nicht nur der relevante Teil des architektonischen Charakters der Fassade, sondern ermöglichen auch die absturzsichere Öffnung der Lüftungsfensterflügel in den Wohnungen. Die Metallelemente in Dunkeloliv wirken visuell zurückhaltend und versuchen zumindest nicht zu sehr als Konkurrenz zu den Backsteinbauten von Josef Stöckli aufzutreten.

Die Grundform der Doppeltürme ist jeweils ein ungleichmässiges Polygon. Zwischen dem orthogonalen Erschliessungskern in der Mitte und der Fassade entstehen Räume mit stumpfen Winkeln. Die Grundrisse verfügen somit über einen angenehme Eigenheit und Individualität ohne die Funktionalität der Räume zu sehr einzuschränken. Die Platzierung der Loggien als Glasbox zwischen Küche/Essen und Wohnraum  ist nachvollziehbar, wenn auch nicht für jeden Eigentümer oder jede beliebige Familienstruktur geeignet. Die Lage an der Kreuzung lässt sich trotz guter Schallisolation nicht ganz kaschieren.

Der Grünstreifen zwischen Areal und der verkehrsreichen Alpenblickkreuzung will eine Grosszügigkeit vorgeben. Interesssant zu sehen, ob diese Wirkung nach der Fertigstellung der Umgebung erzeugt werden kann. Je knapper man das Areal und die Türme als Verkehrsteilnehmer streift, desto schwieriger fällt es, die Neubauten nicht als mindestens geringfügig in die Enge getriebenes Doppel zu sehen. Auch der Abstand zwischen den sogenannten Doppeltürmen ist relativ klein. Die Metalllamellen werden nicht ausreichend verhindern können, dass man dem Nachbarn auf den Teller schaut. In einer Grossstadt ein üblicher Umstand, in Cham eher weniger. Trotzdem. Die Wohndichte an dieser zentralen Lage und den damit verbundenen Qualitäten mit punktuellen Hochhausbauten zu erhöhen ist absolut richtig. Die Architektur ist in angenehmen Masse komplex und wirkt in derer Umgebung nicht zu angestrengt modern. Ich bin gespannt auf die Umgebungsgestaltung.

Aus dem zentralplus Blog Architektur-Blog

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