Der «Storchen» ist seit Anfang 2019 geschlossen, aber immer noch in aller Munde (Bild: Claudio Fenner).
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Der «Storchen» ist seit Anfang 2019 geschlossen, aber immer noch in aller Munde (Bild: Claudio Fenner).

Wenn ein Vogel zu Grabe getragen wird

3min Lesezeit

Der Flaneur ist unser neuster Blog. Der ehemalige Barkeeper Claudio Fenner, bekannt aus dem «Storchen», wechselt die Seiten. Im ersten Kapitel als Flaneur lässt er seinen Gedanken rund um die Storchen-Bar und ums Ausgehen freien Lauf.

Claudio Fenner

Hallo liebe Leserschaft! Ich bin wieder da. Fünf Jahre war ich weg vom Fenster. Einen Monat davon im Knast. Nun gut, genau genommen habe ich mir einfach in diesem Gefängnis-Hotel am Löwengraben ein Zimmer genommen, weil ich’s versifft habe, rechtzeitig eine neue Wohnung zu suchen. Aber ich schweife schon wieder ab.

Damals, als zentralplus und ich noch in die Windeln gekackt haben, schrieb ich auch einen Blog. Den Barkeeper-Blog. Das hat ja alles auch so halb Sinn gemacht. Immerhin amtete ich zu dieser Zeit wirklich als Barkeeper im «Storchen». Nun aber nix mehr Barkeeper, sondern Flaneur: ein Seiten- und Zeitenwechsel.

Bars, Kino und Theater

Ich bin aber nach wie vor ein leidenschaftlicher Bar-Gänger. Manchmal geh ich auch ins Kino; sehr selten ins Theater. Theater verstand ich nie. Da komm ich nicht mit. Vor allem diese neuen Interpretationen bewährter Klassiker sind von einer kaum zu ertragenden Grausamkeit und oszillieren definitiv jenseits meiner intellektuellen Kapazität. Dann geh ich also wirklich lieber in ein Museum für moderne Kunst. Da muss ich wenigstens nicht still sitzend meinen Harndrang erdulden und kann mir vorher gemütlich die Birne zuknallen, um später dann über Farbspektren und ähnlichen Gugus mit einer riesenbrillentragenden Kuratorin zu sinnieren. Ich bin übrigens farbenblind – ganz am Rande bemerkt.

Also Bar-Gänger. War auch sechs Mal fürs Militär in Baar stationiert, den Namen also redlich verdient – alles für das Vaterland, versteht sich! Auch im Gefängnishotel wurde mit dem Slogan «sleeping behind bars» geworben. Dass das in meinem Fall lustig und passend ist, habe ich aber erst jetzt beim Verfassen dieser Zeilen gecheckt.

Den «Storchen» gibt’s nicht mehr! Aus, vorbei, tot, geschlossen – vielleicht für immer!

Wie auch immer. Als Bar-Mensch musste man kürzlich ganz stark sein: Den «Storchen» gibt’s nicht mehr! Aus, vorbei, tot, geschlossen – vielleicht für immer! Und das nach all dem, was wir zusammen durchgemacht haben. Du warst mein Aufklärer und hast mir beigebracht, dass es für Campari Soda keine Tageszeit gibt, dass die Trennung von Alkohol und Arbeitsplatz kompletter Blödsinn ist und dass das Trinkgeld tatsächlich vertrunken wird. Bei dir habe ich gelernt, schreiende Kinder und kläffende Hunde zu hassen und dass diese in Bars und Restaurants nichts zu suchen haben. Du hast mir gezeigt, dass der Altersunterschied zwischen Mann und Frau keine Rolle spielt und man auch im Ausgang stets eine Zahnbürste auf sich tragen sollte.

Weder ein Macher noch Theaterintendant

Wer wäre ich bloss heute, hätte es dich nicht gegeben? Wohl einer dieser zielstrebigen, politisch engagierten Jungunternehmer mit x-facher Vereinsmitgliedschaft – ein so genannter Macher. Oder ein selbstverliebter Theaterintendant. Oder noch schlimmer: anzugtragender Schleim-Banker. Zu all dem ist es dank dir nicht gekommen und das soll auch so bleiben. 

Doch nun stehen wir da. Vor verschlossener Tür. Im Stich gelassen. Kurz vor dem Austrocknen, knapp vor der Depression. Die Altstadt hat keinen Vogel mehr und noch nie war der Begriff «vogelfrei» so negativ besetzt. Der Flaneur trauert und zieht weiter...  

Aus dem zentralplus Blog Der Flaneur

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