Illustration: sli.ch / Pascal Blaser
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12min Lesezeit

Es war ziemlich kühl geworden in dieser Nacht und Big Ben sass mit einem bis zum Hals zugeknöpftem Mantel im Polizeiauto, dessen Verdeck man ja auch im Winter nicht schliessen konnte, weil der Kopf von Big Ben immer hoch über die Windschutzscheibe hinausragte.

Little Ben

Ab und zu leuchtete Little Ben das kleine Haus mit seinen grossen Augen an, denn es war wirklich eine finstere Gegend hier. «Das Häuschen von Collin war bereits sehr alt und klapprig. Es schien, dass es bald in sich zusammenbrechen könnte. Dem Dach fehlten schon gefährlich viele Ziegel und sogar die Rahmen der Fenster hielten nicht mehr richtig dicht.»

Das Holz war von der Feuchtigkeit völlig vermodert und selbst die Scheiben hatten Sprünge. Wären die beiden nicht selbst von der Polizei gewesen, hätten sie sicher ganz schön viel Angst bekommen!

«Wie kann es sein, dass Collin so bitterarm ist, wo doch seine Oma so reich ist?» Little Ben hatte
offenbar Mitleid mit Collin.

«Tja, wie ich schon gesagt habe, Mrs. Viper ist die geizigste Frau, die Penlee je gesehen hat. Es kann aber auch sein, dass sie gar nicht weiss, wie wenig Geld ihr Enkel wirklich hat. Sie hört ja nie zu und kümmert sich nur noch um ihren dicken Kater Cäsar. Alles andere interessiert sie schon lange nicht mehr!»

«Das ist traurig und vor allem sehr unfair.» Little Ben war empört.

Plötzlich ging das Licht in der Küche des kleinen Hauses an. Man konnte Collin sehen, wie er den Kühlschrank öffnete und sich ein Glas Milch einschenkte. Dann setzte er sich an den Tisch und holte eine seltsame Papierrolle aus seinem Rucksack.

«Das darf doch wohl nicht wahr sein! Collin ist der Dieb! Und beinahe hätte ich auch noch Mitleid mit ihm gehabt!», platzte es aufgebracht aus Little Ben heraus. «Was tun wir denn jetzt?»

«Na ja, mein kleiner Freund, dann werden wir ihm jetzt mal kräftig auf den Zahn fühlen», entgegnete Big Ben mit seiner tiefen, leisen Stimme. «Ich klingele einfach an seiner Haustür und werde ihn darauf zur Rede stellen. Er ist ja eigentlich ein netter Kerl. Aber du hältst dich hier vorsichtshalber bereit, um mir zu helfen, falls ich dich doch brauche.» «Okay», nickte Little Ben kaum merkbar zu Big Ben, der zum Eingang schlich. Dann klopfte er energisch gegen die morsche Tür. In der Küche zuckte Collin Viper erschrocken zusammen und steckte hektisch die Papierrolle zurück in seinen Rucksack.

«Aufmachen, Mr. Viper. Hier ist die Polizei!» Big Bens Stimme hatte jetzt wieder diesen gefährlich rauen Ton angenommen, vor dem sich so viele Leute schon gefürchtet hatten. Selbst Little Ben lief immer noch ein kleiner Schauer über den Rücken, wenn er das hörte. Plötzlich sprang die Tür mit einem riesigen Ruck auf und Collin Viper haute dem grossen Polizisten mit einem schweren Brett gegen das Gesicht.

Big Ben wurde es kurz schwarz vor Augen und er bekam ganz weiche Knie, die ihn zu Boden zwangen.

Das nutzte Collin aus und stürzte samt dem Rucksack blitzschnell an ihm vorbei – hinein in die schwarze Nacht. Er war der Gefahr entkommen!

Doch da hatte er sich gewaltig getäuscht. Keine zehn Meter war er gelaufen, als es um ihn herum plötzlich gleissend hell wurde. Ein Auto stand nämlich ganz nahe vor ihm und blendete ihn mit seinem Fernlicht. So schnell, wie das Licht gekommen war, so schnell war es auch wieder verschwunden. Dadurch konnte Collin aber nichts mehr sehen. Er war wie blind. Noch ehe sich seine Augen beruhigen konnten, heulte ein Motor gefährlich auf und Collin sah verschwommen, wie etwas glänzend Schwarzes auf ihn zukam. Ziemlich schnell sogar! In Panik lief er die Strasse hinunter, aber sein Verfolger war schneller. Mit quietschenden Reifen drehte das Auto einen Bogen um ihn herum und jagte ihn die Strasse wieder hinauf. Dort lief er direkt in die Arme von Big Ben. Der stand nämlich bereits breitbeinig vor ihm auf der Strasse, mit seinem harten Polizeiknüppel in der Hand.

«Bleiben Sie stehen, Collin Viper. Sie sind verhaftet!», donnerte er ihn an. Die Lage war aussichtslos und ein verzweifelter Collin Viper sank in die Knie. Wimmernd und weinend lag er auf dem Boden. All das sah nun wirklich nicht nach einem kaltblütigen Verbrecher aus.

«Es tut mir alles so leid. Bitte, bitte tun Sie mir nichts. Es tut mir wirklich sooo leid. Oh bitte, lassen Sie wenigstens meine Familie in Ruhe», schluchzte Collin Viper aus tiefstem Herzen.

Illustration: sli.ch / Pascal Blaser
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«Mr. Viper, jetzt beruhigen Sie sich doch erst einmal. Wir wollen Ihnen ja nichts Böses. Aber wir wissen, dass Sie etwas in diesem Rucksack versteckt haben, das Ihnen nicht gehört! Es dürfte für Sie am besten sein, wenn Sie mir jetzt einmal erzählen, was es damit auf sich hat.»

Collin Viper wischte sich verschämt die Tränen aus dem Gesicht. «Okay, gut. Ich erzähle Ihnen alles. Ich tue auch alles, was Sie wollen. Aber bitte beschützen Sie meine Familie.»

Die beiden sahen sich kurz an, dann nickten sie sich zu. Collin Viper sollte seine Chance bekommen.

Vorsichtig öffnete dieser seinen Rucksack und holte die Schriftrolle heraus. «Wissen Sie, ich wollte wirklich niemandem wehtun. Auch meiner Oma natürlich nicht. Aber meine Kinder. Die brauchen doch Schulgeld. Und ich möchte nicht, dass sie in dieser Gegend aufwachsen müssen. Darum habe ich mehrfach versucht, mit meiner Oma darüber zu sprechen. Doch sie hat mir noch nicht einmal zugehört. Sie hat mich nur immer wieder angemeckert, um mir dann von ihrem Kater zu erzählen. Und dabei …»

Collin stockten die Worte, wenn er nur daran dachte. «Es ist ungefähr drei Wochen her, da hat sie mir erzählt, dass sie beschlossen hat, ihr ganzes Geld ihrem Kater und dem Katzenheim zu vererben. Wissen Sie, ich mag ja Katzen wirklich sehr gerne. Aber wie kann meine eigene Oma noch nicht einmal ein bisschen für ihre eigene Familie sorgen wollen? Alles, was sie besitzt, hat sie schliesslich ja auch geerbt. Arbeiten musste sie nie. Ich war einfach so sauer, so enttäuscht und so verzweifelt – da habe ich halt diesen Plan geschmiedet.»

«Was war das für ein Plan? Erzählen Sie uns das bitte genauer!» Big Ben wollte es immer auch im Detail wissen.

«Na ja, ich habe mich maskiert und bin in ihr Haus eingebrochen. Alles sollte wie ein Diebstahl aussehen. Es war Dienstagnachmittag. Das ist der einzige Tag, an dem sie nachmittags nie zu Hause ist. An diesem Tag war sie es leider! Plötzlich stand sie vor mir und hat mich angeschrien. Bevor sie mich erkennen konnte, war ich gezwungen, sie kurz ausser Gefecht zu setzen. Also habe ich ihr kurzerhand einen Knebel in den Mund gesteckt und ihr die Augen verbunden. Den Rest kennen Sie ja. Ich wollte ihr wirklich nicht wehtun! Ich wollte ja nur an das Testament heran.»

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Collin Viper begann, die Schriftrolle auseinanderzuziehen, und dann konnte man sehen, was darauf zu lesen stand. Die ersten Buchstaben waren T-E-S-T. Die nächsten vier Buchstaben kannten die beiden schon: A-M-E-N. Und als letzter Buchstabe am Ende der Seite erschien ein
grosses T. Big Ben blickte erstaunt auf die Schriftrolle. Jetzt hatte er alles verstanden. «Es ist das Testament! Sie wollten das Testament so verändern, dass Sie das Geld und die Besitztümer Ihrer Oma bekommen hätten.»

«Jaaa», gab Collin Viper kleinlaut zu, «aber dem dicken Cäsar wäre es bei uns auch immer sehr gut gegangen. Wir hätten ihm dasselbe Futter gegeben und ihn genauso zum Frisör gebracht wie meine Oma.»

Little Ben schaute fragend zu Big Ben. Er hatte offenbar keine Ahnung, was ein Testament ist.

Big Ben erklärte es ihm. «In einem Testament bestimmt man, was mit seinen privaten Sachen, seinem Geld, seinen Haustieren, Möbeln und so weiter passieren soll, wenn man nicht mehr lebt. Meistens gibt man alles an seine Familie weiter.»

Collin Viper brachte es zunächst völlig aus der Fassung, dass der grosse Polizist urplötzlich begonnen hatte, mit seinem Polizeiauto zu sprechen. Er schnappte kurz nach Luft, war aber viel zu verzagt, um sich darüber zu wundern. «Genau», unterbrach ihn Collin. «An seine gesamte Familie und nicht nur an den Kater! Aber ich werde jetzt ganz sicher ins Gefängnis gehen müssen und meine Familie wird noch weniger Geld haben als jetzt.» Wieder fing er an zu weinen.

Die beiden Bens fühlten sich jetzt wirklich todelend: Der arme Collin hatte offenbar aus purer Verzweiflung und Not gehandelt.

«Okay, Collin, dann geben Sie mir jetzt das Testament und wir werden uns selbst um diese Sache kümmern. Irgendwie werden wir Mrs. Viper schon dazu bringen, sich an die üblichen Regeln zu halten.»

Dann sah er Collin Viper streng an: «Sie müssen mir nur versprechen, dass Sie nie wieder auf solch dumme Gedanken kommen.»

«Das verspreche ich Ihnen beiden hoch und heilig! Aber mit meiner Oma werden Sie sicher keinen Erfolg haben. Die ist wirklich nur geizig und hört niemandem zu.»

«Ausser ihrem Kater glaubt sie nur an ihre alten, von ihr selbst erfundenen Geister.»

Sie ist nämlich zu allem Unglück auch noch sehr abergläubisch.»

«Lassen Sie das jetzt mal unsere Sorgen sein, Collin, und gehen Sie jetzt schlafen. Morgen sieht dann die Welt schon wieder ganz anders aus. Aber denken Sie immer daran: Sie haben uns
beiden versprochen, nie wieder ein krummes Ding zu drehen.»

Collin Viper nickte demütig und man musste kein Polizist sein, um zu erkennen, wie sehr er sich schämte. So einen Unfug würde er sicher nie
wieder machen.

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Aus dem zentralplus Blog «Little Ben – ein unglaubliches Polizeiauto»

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