Illustration: sli.ch / Pascal Blaser
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Illustration: sli.ch / Pascal Blaser

16min Lesezeit

Am nächsten Morgen war Big Ben bereits lange vor dem schrillen Klingeln des Weckers aufgewacht. Sein erster Gedanke galt natürlich seinem neuen Liebling in der Garage. Er hoffte sehr, dass Little Ben darin nicht gefroren hatte, denn in der Nacht war es ziemlich kalt geworden.

Little Ben

Schwungvoll wie schon lange nicht mehr katapultierte er sich aus dem Bett, duschte schnell und putzte gründlich seine Zähne. Dann trank er hastig einen schwarzen Kaffee und stopfte sich zwei Donuts in den Mund, während er sich in seine Uniform zwängte. Das dauerte alles in allem gerade einmal 14 Minuten! Ja, Big Ben konnte wirklich sehr schnell sein – wenn es sein musste. Und das war so ein Fall: Er wollte so schnell wie möglich wieder auf dem weichen Ledersitz seines neuen Partners Platz nehmen! Für alles andere war keine Zeit, auch wenn er nicht widerstehen konnte, sich schnell noch eine Praline in den Mund zu stecken, die vom etwas «wilden Aufstehen» am Vortag noch auf dem Boden lag. Sie schmeckte aber auch so herrlich nach Nougat.

Dann war es so weit! Mit einem lauten Krach öffnete Big Ben das Tor, um seinen Partner aufzuwecken. Aber weit gefehlt!

In der Garage stand Little Ben schon startklar in Position. Er schaute ihn erwartungsvoll mit grossen leuchtenden Augen an, die im Tageslicht noch stärker glänzten, und sie strahlten heller, als Big Ben es vom gestrigen Abend in Erinnerung hatte.

«Guten Morgen, Little Ben!» Big Ben salutierte förmlich vor dem Auto.

«Guten Morgen, Partner! Endlich munter, du Schlafmütze?», kicherte Little Ben zurück.

Kaum zu glauben! Jetzt wurde der kleine Wagen auch schon frech!

«Pass lieber gut auf, was du sagst, mein Freund. Sonst gibt’s kein Frühstück für dich!», schmunzelte Big Ben zurück und klemmte sich mit Ach und Krach hinter das Lenkrad.

«Du weisst aber schon, dass dein Bauch ganz schön dick ist?», bemerkte Little Ben wieder ziemlich keck. Aber seinem Partner musste man schliesslich immer die Wahrheit sagen – das hatten sie gestern Nacht so ausgemacht. «Ja, ja, das weiss ich wohl», grummelte Big Ben. Er wurde nicht gerne auf sein «bisschen» Übergewicht angesprochen.

«Bin ich dir etwas zu schwer?», konterte er.

«Aber nicht doch! Erstens ist mir nichts und niemand zu schwer, und zweitens finde ich es recht gemütlich mit dir. Du rutschst wenigstens nicht in jeder Kurve hin und her wie die dünnen Leute.»

Sofort strahlte Big Ben wieder. So konnte man es natürlich auch sehen – und dann war sein grosses Gewicht nämlich ein grosser Vorteil.

Little Ben startete den Motor selbst, ohne dass Big Ben irgendetwas tun musste. Mit einem lauten Knattern ging die Fahrt auch schon los und beide zusammen inspizierten die Umgebung von Penlee.

Auf der Landstrasse kamen sie schliesslich an weiten Feldern mit blökenden Schafen vorbei. Das schien ein ungewohnter Anblick für Little Ben zu sein. Schliesslich war er als Stadtkind in London gross geworden. Die Landbevölkerung war ihm deshalb fremd.

«Was sind denn das für komische weisse Kugeln?», fragte er neugierig.

«Das sind keine Kugeln. Das sind Schafe.» Big Ben sah, dass Little Ben etwas hilflos schaute und fuhr erklärend fort: «Hier in Cornwall gibt es sehr viele Schafe. Schafe sind sehr nützliche Tiere. Man kann aus ihrem Fell Wolle machen und die dann für Kleidung und andere Textilien benutzen.»

Little Ben bremste erst mal abrupt ab, sodass Big Ben fast gegen die Windschutzscheibe geknallt wäre, wenn er sich nicht rechtzeitig am Lenkrad festgehalten hätte.

Little Ben schaltete einen Scheinwerfer ein und leuchtete ein Schaf an, damit er es genauer unter die Lupe nehmen konnte.

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«Guten Morgen, du hübsches Schäfchen. Wie geht es dir denn heute so?» Little Ben konnte auch ein sehr höfliches Polizeiauto sein. Aber das arme Schaf wusste überhaupt nicht, was es tun sollte und blickte ganz verdattert das sprechende Auto an. Noch nie hatte ein Auto mit ihm geredet! Das Einzige, was ihm einfiel, war laut zu blöken. Dann fing es vor lauter Nervosität an, sich ans Bein zu pinkeln.

«Oh Mann», empörte sich Little Ben, «was ist denn das für ein Benehmen? Hoffentlich sind nicht alle Schafe so blöd!»

Big Ben lachte laut: «Na ja, Schafe haben nicht unbedingt die hellsten Köpfchen, aber – wie gesagt – sind sie sehr nützliche Tiere. Nur unterhalten kann man sich nicht so gut mit ihnen. Sie verstehen dich einfach nicht.»

Mit einem:  «Aha, also so ist das!», startete Little Ben den Motor erneut selbst, denn sie mussten ja irgendwann auch wieder zurück zur Polizeistation.

Vorher hielten sie aber noch bei der Tankstelle an und Big Ben spendierte sich selbst eines von diesen saftigen, dicken Truthahn-Sandwiches, denn er hatte wie gesagt eigentlich ständig Hunger. Little Ben spendierte er noch einen Schuss Motoröl zum Frühstück, weil es war ja noch genug Benzin im Tank.

Frisch gestärkt parkten sie dann vor der Polizeistation. Aber gerade, als Big Ben sich wieder mühsam aus dem Auto schieben wollte, kam ihnen schon Chief Hunt entgegengelaufen.

«Hallo Ben, wie gut, dass du da bist. Gerade ist uns ein Überfall gemeldet worden auf ein Wohnhaus in der Lane Street 23. Die Nachbarin hörte wohl laute Schreie im Nebenhaus, und als sie auch noch die aufgebrochene Tür sah, hat sie uns sofort angerufen. Die Meldung kam erst vor zwei Minuten zu uns. Wenn du dich beeilst, erwischst du die Schurken vielleicht noch!» Big Ben nickte bedächtig, aber bevor er selbst reagieren konnte, hatte sein Partner schon den Motor gestartet und selbst voll aufs Gas gedrückt.

Ein Wendemanöver auf der Strasse hätte zu viel Zeit gekostet. Also ging es erst einmal rasant im Rückwärtsgang die Strasse runter.

«Bei der nächsten Kurve legte sich Little Ben mutig in die Kurve und drehte sich selbst mit quietschenden und rauchenden Reifen in die richtige Richtung.»

Dann stürmte er erst so richtig los.

Vollgas und mit laut tosendem Sirenengeräusch sausten die beiden durch die Innenstadt, so schnell, dass bei Big Ben die Haare unter seinem mächtigen Polizeihelm herausflatterten. Beide waren hoch konzentriert und einsatzbereit. Geschickt wich Little Ben allen anderen Autos aus, und Big Ben lotste sein flinkes Polizeiauto durch kleine, schmale Seitengassen, die eine gute Abkürzung waren. Sie waren halt ein prima Team und keine fünf Minuten später standen sie in der Lane Street Nummer 23.

Big Ben schob sich aus dem Auto, was ja leider immer ein bisschen dauerte. Er nahm seinen mächtigen Polizeiknüppel in die Hand und schlich sich leise bis zur Haustür. Die stand ein wenig offen und man sah, dass das Schloss geknackt war. Nicht ganz fachmännisch, wie Big Ben feststellte, denn es war recht verbogen und fast zertrümmert. Das musste einen ziemlichen Krach verursacht haben. Ein guter Einbrecher aber ist immer so leise wie möglich. Wer auch immer das getan hatte: Er hatte nicht viel Erfahrung mit Einbrüchen, vermutete Big Ben messerscharf und haargenau. Ein Anfänger vielleicht?

Vorsichtig betrat er die Wohnung, denn Vorsicht war schon immer die Mutter der Porzellankiste. Man konnte ja nie wissen, was einen bei einem Einbruch alles erwartete.

Der Vorraum war schon mal leer. Also schlich Big Ben zum Wohnzimmer. Halb hinter der Tür versteckt, spähte er dort dann möglichst unauffällig hinein. Im Zimmer sah er einen Mann herumschleichen, der sich eine Pelzmütze übers Gesicht gezogen hatte, um unerkannt zu bleiben.

Was Big Ben dann sah, gefiel ihm ganz und gar nicht! Gefesselt auf dem Boden lag die Besitzerin des Hauses. Eine alte Frau, die Big Ben gut kannte. Es war eine verbitterte Witwe, die keinen wirklich guten Ruf in der Stadt hatte. Sie hasste Kinder, schimpfte über jeden Lärm, auch wenn er noch so leise war, beschwerte sich ständig über ihre Nachbarn und war auch noch die geizigste Person, die Big Ben je kennengelernt hatte. Doch so gefesselt und geknebelt auf dem Fussboden zu liegen, das hatte nicht einmal sie verdient.

Big Ben beobachtete still weiter, wie der vermummte Dieb nach irgendetwas suchte, aber komischerweise alle wertvollen Gegenstände liegen liess. Die Taschenuhr, die vergoldeten Kerzenhalter, das Silberbesteck und die Smaragdohrringe – all das interessierte ihn offenbar gar nicht. Er schien nur Augen für die Bücher und Ordner im Regal zu haben.

Big Ben überlegte gerade, wie er sich am besten an den Kerl heranschleichen und ihn festnehmen konnte. Dabei erblickte ihn blöderweise die Alte.

Sofort fing sie laut an zu wimmern und löste damit eine fatale Kettenreaktion aus, denn auch der Dieb erschrak nämlich gewaltig. Dabei entdeckte er  natürlich Big Ben. Vor dem grossen Kerl hatte er aber ganz schön Angst bekommen. Also ergriff er so schnell, wie es nur ging, die Flucht.

Aber auch Big Ben reagierte wie der Blitz und stürmte hinter dem Dieb her. Dazu musste er erst einmal an der alten Frau vorbeikommen. Die lag ja immer noch am Boden und zappelte dort wild um sich. Dadurch kam es, wie es kommen musste: Sie zappelte nämlich leider so sehr, dass sie dabei aus Versehen Big Ben ein Bein stellte. Der stolperte prompt über sie und fiel der Länge nach polternd auf den Boden.

Das brachte dem Dieb einen gewaltigen Vorsprung und Big Ben sah nur noch, wie er über den Gartenzaun sprang, und weg war er. Verfolgung aussichtslos!

Da der Dieb sowieso entkommen war, half er erst einmal der Alten, band ihre Fesseln los und befreite ihren Mund von dem lästigen Knebel.

Aber seine Gutmütigkeit wurde nicht wirklich belohnt. Denn kaum hatte er ihr den Knebel aus dem Mund genommen, fing sie sofort an, laut zu meckern und herumzuzetern.

(Bild: Illustration: sli.ch / Pascal Blaser)

«Was bist du denn für ein dummer Polizist! Man glaubt es ja nicht! Ein Dieb hat mich bedroht, gefesselt und bestohlen. Und du mit deinen zwei linken Füssen stolperst auch noch fast auf mich drauf. Alle Knochen hättest du mir dabei brechen können! Du ungehobelter Grobian du!»

Big Ben seufzte. Er hätte sich denken können, dass die Alte keine Ruhe geben würde. Aber er schluckte seinen Ärger einfach runter und versuchte, sie wieder zu beruhigen.

Als er merkte, dass das völlig sinnlos war und er dort sowieso nichts mehr tun konnte, entschuldigte sich Big Ben trotz aller Beschimpfungen höflich bei der Alten. Er bat sie nur noch, «bitte morgen auf die Polizeistation zu kommen und eine Anzeige zu erstatten.» Denn alles sollte ja seine Richtigkeit haben und dazu gehörte nun mal auch der lästige Papierkram.

Zuvor hatte er sich aber das Bücherregal, in dem der Dieb so auffällig etwas zu suchen schien, noch mal genau unter die Lupe genommen. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was der da gesucht haben sollte.

Mit hängendem Kopf verliess er das Haus. Im Grunde genommen hatte er die Sache schliesslich selbst vermasselt. Er hätte bloss einfach besser aufpassen können. Dann wäre er auch nicht über die Alte gestolpert. Alles sein Fehler – das war schon klar!

Dann suchte er erst einmal nach Little Ben. Der war schnell wie der Blitz wieder zur Stelle.

Big Ben erzählte ihm, was alles passiert war, und davon, dass dies kein «typischer Dieb» sein konnte, sondern dass vielleicht etwas anderes dahintersteckte. «Verstehe», knurrte Little Ben vorsichtig leise zurück – man konnte ja nie wissen, wer gerade zuhörte.

«Also ich habe ihn mit einer Schriftrolle unter dem Arm weglaufen sehen. Da bin ich ihm kurzerhand gefolgt. Dann ist er hinter einer engen Hausmauer verschwunden und dort konnte ich leider nicht mehr hinterherfahren. Sorry.»

 Es klang fast wie eine Entschuldigung und Little Ben fügte schnell hinzu: «Aber ein paar Buchstaben auf der Rolle konnte ich bei der Verfolgung schon entziffern.»

 Big Ben war völlig entgeistert. Sein neuer Kumpan konnte sogar lesen!

 «Sag schnell: Was stand auf der Schriftrolle drauf?»

 «Leider habe ich nur ein Wort erkennen können», antwortete Little Ben. «AMEN stand da drauf. Mehr konnte ich nicht sehen.»

Dann erklärte er noch genauer, wie das Wort ausgesehen hatte. Es war nämlich ganz komisch verschnörkelt. Und dass es geschrieben war wie das AMEN nach einem Gebet – aber trotzdem irgendwie anders ausgesehen hatte.

«AMEN», wiederholte Ben, «und auch noch so komisch geschrieben … hm … das ist aber alles schon irgendwo sehr seltsam!»

Sie konnten aber ohnehin nichts mehr erledigen und fuhren wieder zurück zur Polizeistation. Dort berichtete Big Ben dem Chief dann alles – ausser natürlich die Details von seinem neuen sprechenden Partner. Er wollte das geheim halten und ausserdem wusste er sowieso nicht genau, ob der Chief ihn dann für völlig verrückt halten würde. Selbst er konnte ja manchmal kaum glauben, was da so alles um ihn herum geschah.

An diesem Tag hatten sie dann noch mehrere kleine Einsätze. Sie sperrten die Hauptstrassen wegen eines Schulfestes. Sie suchten und fanden einen verwirrten Mann im Park auf dem Spielplatz, der heimlich ausgerissen war, und sie schlichteten einen Streit zwischen zwei Marktverkäufern, die sich gegenseitig Lügner nannten, nur um besser ihre eigene Ware verkaufen zu können. Alles in allem war es dann doch noch ein sehr erfolgreicher Tag geworden – bis auf den ungelösten Fall mit dem dreisten Diebstahl bei der alten Witwe.

Also grübelten sie beide noch lange über das Wort «AMEN» und was es bedeuten könnte.

Doch an jenem Abend sollte dieses Rätsel erst einmal ungelöst bleiben!

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Aus dem zentralplus Blog «Little Ben – ein unglaubliches Polizeiauto»

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