Illustration: sli.ch / Pascal Blaser
Blog Sponsored Blog

Illustration: sli.ch / Pascal Blaser

Ein ganz besonderes Geschenk

13min Lesezeit

So schnell hatte man gar nicht schauen können, wie Big Ben nach draussen gerannt war. Dort wartete ein chromblitzendes, schwarz lackiertes Prachtauto auf ihn, und Big Ben konnte es kaum fassen, dass dieses feine Gefährt ab nun sein neues Polizeiauto sein sollte.

Little Ben

Die Sitze glänzten wunderschön in blauem Leder …

Die Schnauze von dem kleinen Flitzer mit dem grossen Kühler war riesig! Big Ben fand, dass dieses Polizeiauto ganz schön gefährlich aussehen konnte, wenn da nicht … diese zwei grossen, runden Scheinwerfer gewesen wären, die ihn aufmunternd anleuchteten, wie zwei Augen, die ihm bald ganz viele tolle Geheimnisse erzählen wollten.

Rechts unten schimmerte die grosse silberne Glocke, von der Big Ben sofort ahnte, wie wild und schrill sie im Polizeieinsatz klingeln würde.

Und über dem Nummernschild stand fett schwarz auf weiss und gross auf einer Tafel nur ein einziges Wort: POLICE.

Alles schien perfekt! Big Ben hatte sein neues Polizeiauto, und es war ganz offenkundig so etwas wie «Liebe auf den ersten Blick», denn er konnte es kaum erwarten, endlich in diesem prächtigen Auto Platz zu nehmen. Doch die Sache hatte leider einen klitzekleinen Hakn …

Mittlerweile waren nämlich alle Kollegen und sogar Miss Elly zu Big Ben auf die Strasse hinausgeeilt. Und von dort aus konnte jeder sehen, wie das Verhängnis seinen Lauf nehmen würde.

Nun nahm Chief Hunt seinen ganzen Mut zusammen. Einer musste es schliesslich tun und versuchen, die Situation doch noch zu retten.

Und er war ja der Chef!

Verständnisvoll legte er seine Hand auf Big Bens Schulter und flüsterte ihm leise ins Ohr: «Äh – Ben, wenn dir das Auto zu klein ist … das ist gar kein Problem. Ich kann gerne noch mal mit der Behörde telefonieren. Äh – du musst dich ja wohlfühlen in deinem Auto. Und Platz haben, damit du bei der Arbeit nicht …»

Big Ben aber war wie taub. Er schien das alles nicht zu hören. «Mit deiner Erlaubnis – Sir», unterbrach er ihn, «ich würde jetzt gerne eine kleine Probefahrt mit dem Schätzchen hier machen!», lächelte er selig.

Gegen dieses Lächeln war selbst der hartgesottene Chief Hunt machtlos. Also überreichte er Big Ben kommentarlos den Zündschlüssel. Doch eines war klar: Dieses Auto war definitiv viel zu klein für den grossen Kerl. Nie im Leben würde er dort hineinpassen! Auch die übrigen Kollegen waren völlig baff. Das konnte nur in einer Katastrophe enden. Hilflos hielten sie den Atem an.

Illustration: sil.ch / Pascal Blaser
Illustration: sil.ch / Pascal Blaser

Big Ben hatte die Zündschlüssel geschnappt und ging langsam und feierlich auf sein neues Auto zu. Bedächtig streifte seine Hand über die glänzende Autotür. Dann öffnete er sie vorsichtig, um sich hinter das Steuer zu setzen. Doch wie von den anderen erwartet, war das gar nicht so einfach. Aber Big Ben gab nicht so schnell auf. Er wollte unbedingt hinein in sein neues Auto.

Also holte er tief Luft und zog dann seinen grossen, dicken Bauch stark ein. Dadurch konnte er sich gerade so mit aller Gewalt in die Lederbank hineindrücken.

Die Ledersitze quietschten bedenklich. Endlich hatte er es geschafft, auch wenn er fast den ganzen Platz der Sitzbank einnahm. Das war zwar alles andere als bequem, aber Big Ben schien mit dieser Lösung sehr zufrieden, auch wenn damit feststand, dass in dieses Auto ab jetzt kein zweiter Polizist mehr hineinpassen würde.

Die Sache war freilich noch nicht ausgestanden! Das arme Wägelchen ächzte gewaltig und von aussen konnte man sehen, wie es unter der Last von Big Ben gefährlich nach rechts abzukippen drohte. Tja, 150 Kilo waren eben keine Kleinigkeit. Aber Big Ben, dieses Schwergewicht, strahlte jetzt wie ein Honigkuchenpferd aus dem Wagen, obwohl jeder, der ihn so glücklich in seinem neuen Auto sitzen sah, unschwer erkennen konnte, wie wenig er dort hineinpasste: Die Windschutzscheibe am Auto war viel zu niedrig. Big Ben konnte nicht durch die Scheibe hindurchsehen, sondern nur darüber hinweg. Wo die Windschutzscheibe aufhörte, fing die Nase von Big Ben erst an. Damit ragte also fast sein ganzer Kopf über die Scheibe hinaus.

Doch Big Ben war der Einzige, der fand, dass an diesem Wagen rein gar nichts auszusetzen war. Das einzige «Problemchen», sagte er, wäre vielleicht, «dass man das Verdeck nicht mehr zukriegen würde», aber das sei ihm «egal».  Er sei halt einfach nur ein bisschen zu gross und sein stattlich hoher Polizeihelm mache ihn ja noch einmal um fast 30 Zentimeter grösser. Und mit insgesamt 2,30 Meter Körpergrösse würde er sowieso in kein Auto bequem hineinpassen.

«Eine kühle Brise um die Nase sorgt doch auch für einen kühlen Kopf!», meinte Big Ben und wischte
somit endgültig alle Bedenken vom Tisch. Damit hatte er ja recht. Einen kühlen Kopf konnte ein guter Polizist immer brauchen!

Also startete Big Ben den Motor, der sofort schnurrte wie ein Kätzchen, denn jetzt würden sie erst einmal gemeinsam durch die Stadt fahren und dort ein wenig nach dem Rechten sehen.

Während der Fahrt erzählte Big Ben seinem neuen Auto alles, was in der Stadt so abging. Als sie bei der Bäckerei vorbeikamen, berichtete er von der dicken Bäckersfrau, die die besten Brötchen und die tollsten Donuts in der Stadt buk. Auf dem Schulhof tollten die Kinder gerade in der Pause herum. Big Ben hupte laut und alle liefen zum Schulzaun, um dem kleinen Polizeiauto zuzuwinken. Als sie erkannten, dass es Big Ben war, riefen sie laut: «Kommt alle mal her, Big Ben hat ein Auto – ein ganz neues Auto!» Es war ein grosses Geschrei der Kinder auf dem Schulhof und einige quietschten sogar vor Vergnügen, als sie sahen, dass der dicke Big Ben nicht so wirklich in das kleine Auto passen wollte. Und das sah ja auch ziemlich komisch aus.

«Ja», riefen sie laut, «der passt ja gar nicht richtig rein in das kleine Auto!»

Da sie aber vor Big Ben grossen Respekt hatten, waren sie sicher, dass es gewiss auch einen guten Grund für dieses seltsame Gespann gab. Nur, was konnte es sein?

«Hallo!», mischte sich das kleine rothaarige Mädchen wieder einmal in das laute Gegröle der Jungs ein. «Was lacht ihr denn alle so blöd? Das ist doch alles ganz einfach: Unser Big Ben hat so eine Art ‚Baby‘ bekommen – einen ‚Little Ben‘ halt. Wahrscheinlich sind sie jetzt unser neues Polizeiteam!»

«Ja! Das ist es, genau das ist es!», schrien dann plötzlich alle Kinder. «Big Ben und Little Ben!» 

Die Jungs fanden das dann ziemlich cool und die Mädchen nannten es einfach nur «süss»!

Und Big Ben bedankte sich bei den Kindern, indem er noch ein paar Mal kräftig hupte und sogar kurz die Sirene zum Heulen brachte. Jedenfalls staunten die Kinder nicht schlecht, was der so alles konnte!

Dann fuhren sie noch eine ganze Weile gemütlich weiter – immer schön langsam im Schritttempo, aber Verbrecher, die man hätte fangen können, waren weit und breit keine in Sicht!

Plötzlich wurde Big Ben mit einem gewaltigen Ruck nach vorne gedrückt und wäre fast mit dem Gesicht gegen die Windschutzscheibe geknallt – wenn sein Kopf nicht so hoch darüber hinausgeragt hätte, was in diesem Fall ein grosser Vorteil war. Irgendjemand hatte den Wagen abrupt abgebremst, ohne dass Big Ben die Bremse auch nur berührt hätte. Das glaubte er jedenfalls.

Illustration: sil.ch / Pascal Blaser
Illustration: sil.ch / Pascal Blaser

«Nanu?», dachte er und kratzte sich verlegen am Kopf. Dann schaute er vorsichtshalber auf alle
Anzeigen am Armaturenbrett. Doch da war eigentlich alles in Ordnung!

In diesem Moment gab das Auto ein gluckerndes Geräusch von sich. Fast so, als würde es rülpsen. Es hörte sich genauso an wie Big Bens Magen, wenn er Hunger hatte. Damit wurde plötzlich klar, was passiert war.

«Natürlich, das ist es!», rief er, «ich verstehe, du hast Durst. Du brauchst Benzin!»

Zum Glück befand sich auf der anderen Strassenseite eine Tankstelle. Fast hätte es so ausgesehen, als ob der Polizeiwagen diese Tankstelle gerade selbst gesehen und deswegen auch selbst gebremst hatte. Aber Big Ben verwarf diesen Gedanken sofort wieder, weil es ja keine «selbst sehenden» und «selbst bremsenden» Autos gibt.

Also nahm er es, wie es war und lachte über diesen seltsamen Zufall. Langsam fuhr er zur Tankstelle und tankte dort seinen neuen Liebling randvoll. Als er den Deckel vom Tank wieder zugeschraubt hatte, merkte er, dass auch er Hunger hatte. Keine zehn Minuten später sass er mit einem riesigen Hotdog zufrieden in seinem neuen Auto und begann, die Wurst zu verschlingen. Hungrig war Big Ben schliesslich fast immer.

Während er noch mit vollem Mund an der Wurst kaute, überlegte er, ob er nicht einmal ausprobieren sollte, wie schnell sein sportliches Auto eigentlich fahren könnte. Wer das schnellere Auto besass, konnte schliesslich bei einer Verbrecherjagd von ausschlaggebender Bedeutung sein.

Da geschah es: Wie von Geisterhand fuhr das Auto plötzlich los. Schon in der ersten Kurve quietschte es ordentlich mit den Reifen.

Big Ben blieb vor lauter Schreck fast der Hotdog im Hals stecken. Er hatte das Gaspedal doch noch nicht einmal berührt!

Und trotzdem war das Auto plötzlich losgefahren – und zwar mit Vollgas! Irgendetwas konnte hier nicht stimmen!

Er kratzte sich erneut am Kopf, wie immer, wenn er irgendetwas nicht begriff. Aber genauso plötzlich, wie es begonnen hatte, fuhr das Auto jetzt wieder langsamer und Big Ben konnte wieder selbst lenken und bremsen. Also dachte er erst mal nicht weiter über das komische Ereignis nach. Vielleicht war er ja doch mit seinen grossen Füssen irgendwie am Gaspedal hängen geblieben und hatte es aus Versehen niedergedrückt. Ausgeschlossen war das jedenfalls nicht.

Vorsichtshalber probierte er noch einmal selbst aus, wie schnell er mit diesem Auto fahren konnte. Noch nie hatte er gesehen, dass ein Auto so schnell um die Kurve fahren konnte wie sein kleines Polizeiauto. Die Fahrt war rasant und aufregend, der Wind zerzauste ihm ordentlich die Haare. Auch als sie dann auf die schlechten Strassen in Richtung Hafen kamen, hüpfte das Auto fröhlich weiter – selbst über die grössten Pflastersteine. Es war offenbar ein sehr robustes Polizeiauto!

Keine zwei Stunden später kam der kleine Wagen mit einem laut quietschenden Bremsgeräusch wieder zum Stehen. Direkt vor der Polizeistation! «Tuff, tuff tuff», schnurrte der Motor leise vor sich hin und Big Ben war fröhlich und zufrieden. Seine Wangen waren vom Wind stark gerötet, und dadurch hatte er so richtig rote Apfelbäckchen bekommen.

Irgendwie hatte er das Gefühl, dass mit diesem Auto etwas nicht stimmte. Aber auf jeden Fall war es schon mal ein guter Beginn. Dass es der Anfang einer grossen Freundschaft war, wusste Big Ben zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht.

Keine Lust zwei Wochen auf das nächste Kapitel zu warten? Dann bestellen Sie hier Ihr Buch.

Aus dem zentralplus Blog «Little Ben – ein unglaubliches Polizeiauto»

ZUR BLOGÜBERSICHT
x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

MEHR AUs diesem Blog