«Wir wollen nicht, dass jemand den Abend einer anderen Person ruiniert»
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Das Neubad hat ein ganzheitliches Sicherheitskonzept erarbeitet, welches als Sensibilisierungskampagne dienen soll. (Bild: bic)

Luzerner Neubad will Achtsamkeit im Nachtleben fördern «Wir wollen nicht, dass jemand den Abend einer anderen Person ruiniert»

4 min Lesezeit 4 Kommentare 23.09.2020, 05:04 Uhr

Plumpe Sprüche und sexuelle Belästigung gehören zum Nachtleben oftmals dazu. Das Luzerner Neubad hat deshalb ein neues Sicherheitskonzept erarbeitet, das als Sensibilisierungskampagne dienen soll.

Viele haben «es» schon erlebt. Eine fremde Hand am Po, ein Grabscher, ein Gegenüber, das ein «Nein» nicht akzeptiert. Luzerner Clubbetreiber sehen deshalb sich in der Pflicht – und setzen unter anderem auf das Codewort «Isch d’Luisa da?». Mit dieser Frage können sich Personen, die sich belästigt fühlen, ans Barpersonal wenden und erhalten so umgehend Hilfe.

Das Neubad schlägt nun einen weiteren Weg ein. Statt mit Sicherheitsunternehmen zusammenzuspannen und muskelbepackte Türsteher vor das Lokal zu stellen, wurde ein ganzheitliches Sicherheitskonzept erarbeitet, welches als Sensibilisierungskampagne dienen soll. Dieses umfasst auch Themen wie «Awareness» – also Bewusstsein und Achtsamkeit.

Niemand soll den Abend einer anderen Person ruinieren

Das Personal wird unter anderem in den Bereichen Deeskalation, Kommunikation im Umgang mit berauschten Personen, Suchtmitteln, Rassismus und sexualisierter Gewalt geschult. Auch andere kulturelle Institutionen wie das B-Sides, das Am-Bach-Festival, die Kegelbahn und das Molo nehmen an den Schulungen und der thematischen Auseinandersetzung teil.

«Das Neubad ist ein sicherer Ort», findet Geschäftsführer Dominic Chenaux. «Aber achtsamer könnten wir sein.» Im Lokal sei es in den letzten Jahren zu keinen schweren Zwischenfällen gekommen. Gewalttaten gab es praktisch keine. Gäste können im Neubad seit fünf Jahren nach Luisa fragen – noch nie kam sie zum Einsatz.

Dennoch sah das Neubad Handlungsbedarf. «Weil man besser reagiert, wenn man darauf vorbereitet ist», sagt Chenaux. «Und wenn wir genauer hinschauen, stellen wir teilweise doch auch kleine Vorfälle fest.» Oder das Team erhalte Rückmeldungen von Gästen. «Wir wollen nicht, dass jemand den Abend einer anderen Person ruiniert. Und dass im Ausgang nach wie vor Männerhände ungefragt auf dem Po einer Frau landen, ist nicht akzeptierbar.»

Nicht sofort die Polizei rufen

Das Kulturlokal will mit dem Konzept sowohl Personal als auch Gäste sensibilisieren. Besucher sollen achtsam gegenüber sich selber und anderen sein. Sich als Teil des Nachtlebens verstehen und Verantwortung mitübernehmen, dass sie als Einzelpersonen auch für die gesamte Stimmung mitverantwortlich sind, fährt Chenaux fort.

«Vielleicht gibt es einen Grund, dass ein Mensch zu viel getrunken hat, flirty oder wütend unterwegs ist.»

Dominic Chenaux, Geschäftsführer Neubad

Es gebe zwar eine Hausordnung und die Gesetze, doch die meisten Fälle müssten individuell behandelt werden. Auf plumpe Sprüche wie «Hey du knusprigs Büsi» oder sexuelle Belästigungen wie «geili Fotze» könnten einige Frauen vielleicht prompt kontern, andere würden sich durch solche Aussagen sehr tief verletzt fühlen.

Chenaux warnt aber vor Aktionismus und betont, dass die Wünsche der Opfer stets berücksichtigt werden müssten. «Es kann sein, dass ein Opfer keine Anzeige erstatten will. Das gilt es auf jeden Fall zu akzeptieren.»

Zu viel getrunken? Das ist kein Grund, jemand gleich zu verweisen

Veranstalter sollten dahingehend sensibilisiert werden, auch hinter die Fassade eines Menschen zu blicken. Gerade wenn sich jemand auffallend verhält. «Vielleicht gibt es einen Grund, dass ein Mensch zu viel getrunken hat, flirty oder wütend unterwegs ist.»

Das Neubad hat nun ein fünfköpfiges Awareness-Team aufgestellt. Pro Abend sind zwei Leute im Dienst. Während eine Person voll in den Betrieb eingebunden ist, geht die zweite auf Patrouille. Sie kontrolliert, ob die Nachtruhe eingehalten wird, redet mit Partygästen, macht sich ein Bild des Geschehens und nimmt sich in einem Notfall sowohl des Opfers wie des Täters an.

Permanent beobachten

Wie der Geschäftsführer sagt, brauche es dazu viel Feingefühl. Wenn beispielsweise jemand betrunken sei, sollte man ihn nicht gleich zurechtweisen und aus dem Lokal verweisen. «Vielleicht braucht die Person eher Hilfe.» Besser sei es, der Person Zeit zu geben, sich auszunüchtern und ihr auf den Zahn zu fühlen, weshalb sie so viel Alkohol getrunken habe.

Sollen Clubbetreiber also die Rolle der ständigen Beobachterinnen einnehmen? «Unbedingt», sagt Chenaux. Was aber nicht zu verwechseln sei mit ständiger Selektion, wem der Einlass in das Lokal gewährt wird, wem nicht, wer bleiben darf und wer gehen muss. «Wegweisungen müssen immer gerechtfertigt sein.»

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4 Kommentare
  1. Joseph de Mol, 23.09.2020, 14:04 Uhr

    Achtsamkeitsübungen im Ausgang – wie hübsch und nötig. Bestenfalls bietet Neubad dann gleich noch die Tasse Tee als Genuss- und Meditationsübung an. Zen-Workshop gefällig? Und verbannt konsequenterweise den enthemmenden Alkohol gleich aus eurem Sortiment. Mmhh, aber dann geht’s abwärts mit dem Umsatz. Schon blöd, nur gut wird das Neubad so grosszügig vom Staat alimentiert.

  2. Andrea, 23.09.2020, 12:43 Uhr

    Wenn mir jemand ungewollt an den Po greift kann ich mich Gott sei Dank immer noch selber wehren.

  3. Kistler Selmanaj Sofija, 23.09.2020, 12:39 Uhr

    Zu viel Alkohol ist kein Entschuldigung für schlimme Worte.Wass jemand nüchtern denkt sagt es dann unten Alkohol Einfluss.In Vino Veritas ! Persönliches Problem ist kein Entschuldigung für Vulgäre und extraordinäre Handlungen und Worten.

  4. Billie Holiday, 23.09.2020, 12:33 Uhr

    Ganz toll. Ausgang im Spiesserkorsett. Denunziationskultur neu auch institutionalisiert. Party mit Doris Day. Duckmäusertum, Phantasielosigkeit, vorauseilende Moralsaurerei verkauft als „wokeness“, „avareness“ und wie die Monumentalmakulatur so heisst, die zutiefst reaktionär und menschenfeindlich ist und von ihren Protagonisten für progressiv gehalten wird. Man könnte kotzen.

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