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«Das war für die Familie eine Katastrophe»
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Hat das Stück geschrieben und führt Regie: Elvira H. Plüss. (Bild: zvg)

Luzernerin schrieb Theaterstück über Verdingkinder «Das war für die Familie eine Katastrophe»

5 min Lesezeit 21.01.2018, 17:01 Uhr

Das Theaterstück «Kronenhaufen» verhandelt grosse Themen: Verdingkinder, Ausgrenzung, Flüchtlinge. Die Luzerner Autorin und Regisseurin Elvira H. Plüss bringt damit ihre eigene Familiengeschichte auf die Theaterbühne. Sie versteht das Stück auch als Weckruf.

«Kronenhaufen» erzählt die Geschichte eines Verdingbuben – und darüber hinaus, was Ausgrenzung mit Menschen macht. Das «musikalische Erzähltheater mit clownesker Akrobatik» ist ab 23. Januar im Südpol zu sehen, mit einigen bekannten Gesichtern (siehe Box).

Die Luzernerin Elvira H. Plüss hat das Stück geschrieben und führt Regie. In ihrer Verwandtschaft wurden fünf Geschwister verdingt. Die Folgen waren für die ganze Familie einschneidend.

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zentralplus: Elvira H. Plüss, nach langer Vorbereitung kommt Ihr Stück auf die Bühne. Ihr sehr persönlicher Stoff wird öffentlich.

Elvira H. Plüss: Ja, nach der theoretischen Phase beginnt die lebendige. Das ist für mich als Theatermenschen ungeheuer schön. Der Weg zum Stück war oft zäh. Nun ist es wie eine Landkarte, die lebendig wird, und du stehst mittendrin.

zentralplus: In Ihrer Familie gab es mehrere Verdingkinder. Wie ist es, ein Stück zu schreiben, wenn man so nah dran ist?

Plüss: Ja, in meiner Verwandtschaft wurden fünf Geschwister verdingt, weil ihr Vater starb. Das jüngste Kind war 5 Jahre alt, das älteste 15, sie haben Schreckliches erlebt. Das war für die Familie eine Katastrophe.

«Nein, es ist keine Vergangenheitsbewältigung.»

zentralplus: Was war Ihr Antrieb, das Stück zu schreiben?

Plüss: Ich habe mich immer wieder mit meiner Familie darüber unterhalten und wir sagten uns, eigentlich müsste man ein Buch darüber schreiben. Da ich aber ein Theatermensch bin, ist es die Bühne, über die ich die Geschichte zu den Menschen bringen kann. Und dass ich das tue, finde ich sehr wichtig – bevor sich der Sargdeckel auch über mir schliesst und das Geschehen ganz in Vergessenheit gerät.

zentralplus: Was ist Ihre Botschaft?

Plüss: Verdingkinder wurden als Sache ohne Wert und Zugehörigkeit behandelt. Das löst beim Menschen grössten Schmerz aus und führt – laut neuesten neurologischen Erkenntnissen – zu einem hoch aggressiven Verhalten bei den Opfern. Ganz oft endeten Schicksale mit Suizid oder der Unfähigkeit, sich im Leben zurechtzufinden.

«Theater ohne Mut ist langweilig:» Schauspieler Walter Sigi Arnold spielt in «Kronenhaufen» die Hauptrolle.

«Theater ohne Mut ist langweilig:» Schauspieler Walter Sigi Arnold spielt in «Kronenhaufen» die Hauptrolle.

(Bild: zvg/Ingo Hoehn)

zentralplus: Ist das Stück also eine Auseinandersetzung mit der eigenen Familie und der Vergangenheit?

Plüss: Nein, es ist keine Vergangenheitsbewältigung. Meine persönliche Auseinandersetzung hat auf anderen Ebenen viel früher stattgefunden. Nein, ich erzähle aus dem wahren Leben eines Verdingkindes und den Konsequenzen für das Erwachsenenleben.

zentralplus: Wie persönlich darf man im Theaterschaffen sein?

Plüss: Ich denke, es braucht eine gesunde Distanz zu biografischen Nacherzählungen. Ich bin nicht mehr 30. Ich bin jetzt weit weg von dem, was passiert ist. Ich kann die Geschichte hinstellen. Wie ein Bild, das hoffentlich berührt und vielleicht zur Reflexion Anlass gibt.

«Ich fragte mich also: Wo ist die Komödie in der Tragödie?»

zentralplus: Sie nennen Ihr Stück «musikalisches Erzähltheater mit clownesker Akrobatik». Was muss man sich da vorstellen?

Plüss: Ich bin dem Buch «Schmerzgrenze» des deutschen Neurowissenschaftlers Joachim Bauer begegnet, das sich mit den Folgen von Ausgrenzung, Demütigung und Chancenungleichheit befasst. Was ich da erfuhr, elektrisierte mich richtiggehend. Ich sah die Chance, mehr erzählen zu können als einfach die Vergangenheit. Die Frage war dann, mit welchen theatralen Mitteln ich die Grundgeschichte mit den neurologischen Erkenntnissen verbinden kann.

zentralplus: Man erschrickt ein wenig über das Clowneske im Zusammenhang mit Verdingkindern …

Plüss: Ich habe Raum geschaffen für diese clowneske Seite im Stück – das braucht Mut. Aber Theater ohne Mut finde ich langweilig. Ich fragte mich also: Wo ist die Komödie in der Tragödie? Ich versuche die Texte von Bauer auf einer Clown-Ebene zu besprechen. Und so bin ich auf Noah Egli und Cyrill Michel gekommen, die das Clownpaar spielen.

Noah Egli und Cyrill Michel (oben) bringen mit clownesker Akrobatik die Komödie in die Tragödie.

Noah Egli und Cyrill Michel (oben) bringen mit clownesker Akrobatik die Komödie in die Tragödie.

(Bild: zvg/Ingo Hoehn)

zentralplus: Und dazu kommt die Musik.

Plüss: Ja, das Musikkonzept stammt von Madeleine Bischof vom Kontra-Trio. Sie ist bereit, von der abstrakten Ebene, die sie sonst bespielen, auf eine sehr melodiöse, klangliche Ebene zu wechseln. Das finde ich sehr schön. Zudem sind die Instrumente grösser als die Spieler und sie gehören zum Bühnendesign.

Stück über Ausgrenzung

Das «musikalische Erzähltheater mit clownesker Akrobatik» vereint Genres und bekannte Namen: Walter Sigi Arnold und Pascale Pfeuti (Spiel), Cyrill Michel und Noah Egli (clowneske Akrobatik) Madeleine Bischof und Thomas K. J. Mejer vom Kontra-Trio (Musik), Karl Egli (Video- und Lichtdesign), Heini Gut (Bühne), Barbara Medici (Kostüme), Annette von Goumoëns (Produktionsleitung).

Premiere: Dienstag, 23. Januar, 20 Uhr, Südpol Luzern. Weitere Aufführungen: 25., 26. und 27. Januar. Zudem ist «Kronenhaufen» am 22. Februar im Burgbachkeller Zug zu sehen.

zentralplus: Es ist ja nicht so, dass Verdingkinder kein Thema sind. Passiert auf politischer Ebene genug?

Plüss: Ich finde es gut, dass der schreckliche Umgang mit diesen Kindern endlich thematisiert wird, auch wenn dies 30 Jahre zu spät geschieht. Die Gelder werden nicht abgeholt. Viele Betroffene sind ganz einfach gestorben.

zentralplus: Auch in Ihrer Familie?

Plüss: Ja, in meiner Familie wurden fünf Kinder verdingt. Alle sind tot. Das sind 125’000 Franken allein in meiner Familie, die zu spät kommen. Von der Wiedergutmachung hat niemand der direkt Betroffenen je etwas erfahren. Wir, die Nachfahren, bekommen das Geld nicht, obwohl viel von all dem Leid an uns weitergegeben wurde. Das Leid endet ja nicht beim Verdingkind, wenn dieses jemals fähig war, eine Familie zu gründen.

Pascale Pfeuti und Walter Sigi Arnold spielen die Hauptrollen in «Kronenhaufen».

Pascale Pfeuti und Walter Sigi Arnold spielen die Hauptrollen in «Kronenhaufen».

(Bild: zvg/Ingo Hoehn)

zentralplus: Also ist Ihr Stück auch ein Weckruf?

Plüss: Ich will nicht nur auf die armen Verdingkinder zeigen und wie böse man damals war. Sondern das Heute einblenden. Ich will einen Schritt weg vom damaligen Drama hin in die Gegenwart machen. Wo grenzen wir heute Kinder aus? Es sind eine Million Kinder auf der Flucht! Was passiert mit denen? Kinder in Not müssen wir Zugehörigkeit, Wert und eine Zukunft geben, sonst haben wir nichts begriffen.

zentralplus: Das sind viele grosse Themen. Haben Sie Keine Angst, dass Sie sich übernehmen?

Plüss: Doch, aber das Risiko gehört in den künstlerischen Prozess. Das ist das Spannende an dieser Arbeit. Wenn ich es schaffe, mit meinem Stück etwas auszulösen, ist das doch schön. Den Rest muss ich aushalten. Wenn ich den Kopf zum Fenster raushalte, dann windet es.

zentralplus: Eine Frage noch zum Titel «Kronenhaufen». Ein schönes Wort, doch was bedeutet es?

Plüss: Das Wort ist meine poetische Erfindung für Schnee, der in der Sonne glitzert. Ich mag das Wort einfach.

Walter Sigi Arnold und Pascale Pfeuti an einer Probeaufnahme von «Kronenhaufen».

Walter Sigi Arnold und Pascale Pfeuti an einer Probeaufnahme von «Kronenhaufen».

(Bild: zvg/Ingo Hoehn)

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