«Das Velo braucht mehr Platz, aber auf Kosten von wem?»
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Velos werden dort abgestellt, wo das Ziel nicht mehr weit ist. (Bild: bic)

Mehr Verkehr in Luzern «Das Velo braucht mehr Platz, aber auf Kosten von wem?»

4 min Lesezeit 6 Kommentare 24.09.2020, 15:30 Uhr

Corona hat die Menschen dazu gebracht, sich mehr auf den Sattel zu schwingen. Doch das führt auch dazu, dass Abstellplätze überfüllt sind. Die SP, die Jungen Grünen und die Grünen wollen deshalb mehr Parkplätze. Das sei jedoch nicht die Lösung, findet Oliver Rippstein, Leiter Velodienst bei Caritas Luzern.

Mit der Corona-Pandemie hat das Velo einen erneuten Aufschwung erlebt. Auch in der Stadt Luzern ist das spürbar. Bei den Zählstellen hat das Tiefbauamt im Vergleich zum Vorjahr rund 10 Prozent mehr Velos registriert, wie es auf Anfrage heisst.

Doch wer Velo fährt, muss dieses auch irgendwann irgendwo abstellen. Der Boom der vergangenen Monate führte deshalb dazu, dass es gerade an den Hotspots wie etwa in der Neustadt eng wurde. Nico van der Heiden und Cyrill Studer Korevaar von der SP sowie Martin Abele von den Grünen und Jona Studhalter von den Jungen Grünen haben deshalb ein Postulat eingereicht, in dem sie einen Ausbau der Veloabstellplätze fordern. Zahlreiche Zweiräder würden ausserhalb der offiziellen Flächen parkiert, «was zu Unmut bei den Fussgängerinnen führen kann», wie sie schreiben. Der Veloordnungsdienst habe ausserdem Mühe, in der Innenstadt für Ordnung zu sorgen.

«Gibt es mehr Kapazität, wird der Platz nach und nach gefüllt, bis das Problem wieder besteht.»

Oliver Rippstein, Leiter Velodienst bei Caritas Luzern

Dieser Veloordnungsdienst wird von der Caritas Luzern ausgeführt. Oliver Rippstein, Leiter Velodienst, pflichtet den Postulanten bei, was die Zunahme des Fahrradverkehrs betrifft. Zwar habe man keine Zählung durchgeführt, subjektiv seien aber mehr Velos in der Stadt unterwegs und abgestellt. Gerade die Zentralstrasse und die Neustadt seien Hotspots, da stünden Velos auch mal im Weg.

Die Idee, die Abstellplätze zu erweitern, hält Rippstein jedoch nicht für eine langfristige Lösung. «Gibt es mehr Kapazität, wird der Platz nach und nach gefüllt, bis das Problem wieder besteht.» Irgendwann sei auch die nächste Grenze erreicht. Zudem wäre eine Ausweitung der Kapazität nicht ohne Aufstockung der Ressourcen des Velodienstes realisierbar.

Könnten Parkplatzabos helfen?

So einfach kann das Problem also nicht behoben werden. Rippstein erklärt, wo überhaupt die Ursache liegt: «Es gibt im Veloverkehr keine Lenkung. Die Leute parkieren an dem Ort, der ihrem Ziel am nächsten ist. Ausserdem sind die Plätze gratis und es gibt keine Auflagen.»

Müssen Velofahrer also damit rechnen, dass die Abstellplätze bald kosten? Das wäre eine Möglichkeit, erklärt Rippstein. Für ihn allerdings nicht die beste. Denn er weiss: «Kostet es, tut es weh.»

Stattdessen hat Rippstein andere Ideen, die nachhaltiger wären. So könnten beispielsweise gewisse Veloparkplätze nur bestimmten Gruppen zur Verfügung stehen. Die Studenten etwa hätten Zutritt zu Abstellplätzen bei der Uni, Pendler dürften das Velo nahe am Bahnhof hinstellen. Reguliert werden könnte diese Zuteilung etwa durch entsprechende Abos für die Anspruchsgruppen.

«Der Platz im öffentlichen Raum wird von allen begehrt. Ohne nachhaltiges Konzept geht es nicht.»

Oliver Rippstein

«Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir uns überlegen müssen, wie wir mit dem Problem umgehen», erklärt Rippstein. «Das Velo braucht mehr Platz, aber auf Kosten von wem?» Schliesslich müssten alle Beteiligten – Fussgänger, ÖV, Töffs, Individualverkehr, E-Bike-Fahrer, Trottinettfahrer etc. – berücksichtigt werden.

Velosharing als Alternative

Auch beim Auto habe man bemerkt, dass die Strategie mehr Autos – mehr Strassen – mehr Parkplätze nicht zu einer Lösung führe. Gibt es mehr Strassen und mehr Parkplätze, nimmt die Zahl der Autos weiter zu. Ein Teufelskreis, dem man heute besser begegnen sollte, findet Rippstein. Er würde es auch begrüssen, wenn mehr Velos geteilt würden. Dafür nennt er das Beispiel des Veloverleihs Nextbike, der ebenfalls von der Caritas Luzern betrieben wird und für Stadtluzerner kostenlos ist: «Ein Nextbike wird pro Tag im Schnitt von fünf bis sechs Personen benutzt, braucht aber nur einen Abstellplatz. Würden alle diese Menschen ein eigenes Velo benutzen, bräuchte es fünf bis sechs Abstellplätze.»

Wie mit dem wachsenden Veloverkehr umgegangen werden soll, will Rippstein aber der Politik und den Behörden überlassen. Er selbst sieht in der Entwicklung der vergangenen Monaten auch etwas Positives in Bezug auf die Umwelt: «Lieber mehr Velos als mehr Autos.» In seinen Augen würde ein Mix aus mehreren Massnahmen Sinn machen. Denn: «Der Platz im öffentlichen Raum wird von allen begehrt. Daher wäre ein nachhaltiges Konzept sinnvoll.»

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6 Kommentare
  1. Jörg Willi, 26.09.2020, 08:32 Uhr

    Die Platzfrage: Weil der Platz in einer Stadt beschränkt ist, kann man den einen nur geben, was man den andern wegnimmt. Das schafft neue Probleme und Animositäten.
    Die Kostenfrage: Dass Velos, und ähnliche „moderne Fortbewegungsmittel“ immer mehr Platz und Abstellmöglichkeiten fordern ohne sich an den horrenden Kosten (siehe Bahnhofstrasse!) z.B. mittels einer Vignette zu beteiligen ist eine Zumutung für alle, die ihre Mobilität berappen müssen.
    Die immer höheren Kosten für das Veloparking an der Bahnhofstrasse sprechen eine deutliche Sprache aber keineswegs für die Kompetenz der Planer, die die Stimmbürger an der Nase herum führen.

  2. Daniel Steiner, 24.09.2020, 18:14 Uhr

    Wird die Maskenpflicht im ÖV aufgehoben hat es wieder weniger Velofahrer.

  3. Martina Dosenbach, 24.09.2020, 17:41 Uhr

    Ist ja klar, auf wessen Kosten es gehen wird… Bezahlesel Autofahrer.

    1. Samuel Kneubühler, 24.09.2020, 20:49 Uhr

      Das ist leider absolut nicht wahr. Auch ich als Nicht-Autofahrer bezahle mit meinen Steuern die Strassen mit. Also bezahlen die Velofahrer*innen sehr wohl etwas dafür. Ob die Parkplätze immer und überall kostenlos sein sollen, ist eine andere Frage. Darüber muss man diskutieren!

    2. Martina Dosenbach, 24.09.2020, 21:47 Uhr

      @Samuel Kneubühler: Ja, mit den Steuern wird ein Anteil an die Gemeindestrassen finanziert. Nicht aber an die National- und Kantonsstrassen

    3. Tim Schmid, 25.09.2020, 10:36 Uhr

      @Martin Dosenbach: und auf welchen Strassen fahren die Velofahrer hauptsächlich?

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