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«Das ständige ‹Kulturgemotze› hat man inzwischen gehört»
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Andréas Härry ist Musical-Autor und leitet das «Le Théâtre» in Emmenbrücke. (Bild: pze)

50 Fragen an... Musical-Autor Andréas Härry «Das ständige ‹Kulturgemotze› hat man inzwischen gehört»

10 min Lesezeit 30.12.2017, 18:04 Uhr

Das «Le Théâtre» zog während dieses Sommers von Kriens nach Emmenbrücke. Im neuen Saal finden rund 550 Gäste Platz – ein Ausdruck des wachsenden Erfolgs. Treibende Kraft dahinter ist seit Jahren Musical-Autor Andréas Härry. Grund genug, ihn mit 50 Fragen zu löchern.

1. Andréas Härry, Ihr Alltag sind die Musicals. Singen Sie selber unter der Dusche?

Nie. Ich habe eine Frau, die das macht, das reicht für einen Haushalt.

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2. Sie arbeiten in Ihren Musicals stets mit Hits und Evergreens. Was hören Sie privat?

Man wird’s nicht glauben, aber was ich auf der Bühne inszeniere, mag ich auch privat. Ich bin in der Pop-Rock-Musik der 80er- und 90er-Jahre hängengeblieben. Doch nicht nur, ich liebe auch die Klassik – das ist ausschliesslich privat und taucht im Beruf nicht auf.

3. Was trifft Ihr Humorzentrum? Was finden Sie lustig?

Rhetorischer Glanz. Leute, die einen einfachen Sachverhalt mit sprachlichem Geschick und einer Pointe darlegen können – da kann ich schmunzeln.

4. Worüber können Sie gar nicht lachen?

(überlegt.) Sprüche, die nur auf das Banalste hinaus wollen. Wenn der Gag zu transparent aufgebaut ist, dann lache ich nicht. Ich mag die Überraschung.

5. Was macht Sie sprachlos?

Argumentativ starke Leute – vielleicht, weil ich auch gerne selber diskutiere. Aber Leute, die mir mit einem Satz einen Sachverhalt schlüssig erklären können, so dass ich sagen muss: Du hast recht, ich nicht. Das beeindruckt mich.

Die Spielzeit 2017/18

Das Musical «95 – Ninety-Five, das Musical» läuft aktuell im «Le Théâtre» in Emmenbrücke. Die Spieldaten sind:

  • 29. Dezember, 19:30 Uhr
  • 30. Dezember, 19:30 Uhr
  • 31. Dezember, 21:00 Uhr
  • 3. Januar, 19:30 Uhr
  • 4. Januar, 19:30 Uhr
  • 5. Januar, 19:30 Uhr
  • 6. Januar, 19:30 Uhr

6. Welches Buch lesen Sie gerade?

Aktuell lese ich «Die Tagebücher der Cosima Wagner». Da bin ich familiär vorbelastet, mein Vater war engagierter Wagnerianer. Jetzt im Alter arbeite ich die grosse Bibliothek meines Vaters durch.

«Wir leben aus dem Wäschekorb.»

7. Das Theaterbusiness gilt vor allem während die Vorstellungen laufen (siehe Box) als zeitaufwändig. Wie kurz kommt ihr Privatleben?

Sehr kurz, glücklicherweise arbeite ich gemeinsam mit meiner Frau im «Le Théâtre». So verbringen wir die stressigen Tage trotzdem zusammen.

8. Wie hoch ist Ihr Puls während einer Spielzeit im Schnitt?

Bei der Premiere ungefähr bei 250 – das ist normal. Aber es ist jetzt seit fünfzehn Jahren unser Beruf, da bin ich nicht mehr besonders nervös während der Vorstellung. Aber das kann sich natürlich jede Sekunde ändern – es ist alles live.

9. Sie und Ihre Partnerin Irène Straub arbeiten im gleichen Haus und schreiben gemeinsam Musicals. Gibt es da nicht Momente, wo man genug voneinander hat?

Wir arbeiten ja in verschiedenen Bereichen. Sie ist Darstellerin und ich habe meine kommunikativen Aufgaben. Wir sitzen also nicht den ganzen Tag aufeinander, wir haben unsere Freiräume.

So sah es an der Premiere des neuen Musicals «95 – Ninety-Five, das Musical» aus:

10. Wer macht die Wäsche während der Spielzeit?

(lacht) Das ist eine gemeinsame Baustelle. Wir leben aus dem Wäschekorb.

11. Haben Sie je bereut, in der Kulturbranche zu arbeiten?

Nein, nie, es ist die absolute Selbstverwirklichung.

12. Welches ist Ihre schlechteste Eigenschaft?

Mein Temperament und meine Ungeduld sind oft hinderlich.

13. Und welches Ihre beste?

Dass ich breit gestreute Interessen habe: Ich schreibe eigene Musicals, mische den Ton während der Vorstellungen selber, leite einen Kulturbetrieb und bin neu sogar Gastronom. Ich habe kein besonderes Talent, bin dafür in vielen Bereichen interessiert und engagiert.

14. Wann haben Sie das letzte Mal geweint?

Kürzlich habe ich bei einer unserer Vorstellungen eine Träne verdrückt. Eine Schauspielerin hat eine Szene anders als sonst gespielt – noch lebendiger. Man hat richtig gespürt, wie auch das Publikum mit ihr mitfieberte. Da hat mich die Faszination für das Schauspiel gepackt.

«Wenn alle gebannt auf die Bühne blicken, schaue ich an die Decke – weil mich die Beleuchtungsart der Szene interessiert.»

15. Träumt jeder Musical-Macher vom Broadway?

(lacht) Nein. Der Broadway findet inzwischen an verschiedenen Orten statt: London, Wien, Hamburg. Wir träumen vom wahnsinnigen Long Runner – ein Stück, das wir drei Jahre lang spielen können.

16. Diesen Long Runner würden Sie in Emmenbrücke aufführen – oder dann lieber in Hamburg?

Natürlich würden wir auch mit einem solchen Stück in Emmenbrücke bleiben. Hier ist unser Haus, hier bleiben wir.

17. Können Sie noch andere Musicals geniessen, ohne diese als Autor gleich zu analysieren?

Natürlich. Viele unterstellen uns, wir machen Musicals aus finanziellen Überlegungen. Das stimmt nicht. Wir lieben Musicals und schauen uns auch oft Stücke an. Nur hat die Art, wie ich Musicals schaue, eine etwas skurrile Note bekommen: Wenn alle gebannt auf die Bühne blicken, schaue ich an die Decke – weil mich die Beleuchtungsart der Szene interessiert.

18. Von welchem Muscial können Sie nicht genug kriegen?

West Side Story, die Mutter der modernen Musicals. Da rege ich mich höchstens auf, wenn man sie zu modern inszeniert.

19. Sind Sie schon einmal aus einer Musical-Vorstellung herausgelaufen?

Ja, im letzten Sommer in einem Musical in Berlin. Dort sind wir in der Pause gegangen. Das Stück war schlicht inhaltsleer.

20. Welches Stück war das?

Das sage ich nicht. Nur so viel: Klar, die Musik stellt logischerweise einen grossen Teil eines «Musicals» dar. Doch wenn die Songs nur noch eine Klammer sind, um eine schrecklich schlechte Geschichte zu umfassen, dann ist das ungenügend. Gerade für einen Buchautor.

21. Nun haben Sie ein eigenes – sozusagen «halb-veganes» – Restaurant (zentralplus berichtete). Hand aufs Herz, wie oft essen Sie selber im «Prélude»?

Immer öfter. Pro Woche fünf bis sechs Mal. Ich will ja auch wissen, was wir servieren – gerade in der veganen Küche, die musste ich auch kennenlernen. 

Das dazugehörige Restaurant «Prélude».

Das dazugehörige Restaurant «Prélude».

(Bild: pze)

22. In Ihrem Ensemble sind stets internationale Leute dabei, aus der ganzen Welt kommen die Darsteller her – in wie vielen Sprachen können Sie bereits fluchen?

Ich bin frankophon aufgewachsen. Der Vorteil ist, dass Französisch stets gepflegt klingt, was es beileibe nicht ist, wenn ich richtig wütend bin. Zusammen mit Deutsch und Englisch fluche ich in drei Sprachen.

23. Musicals gelten als «leichte Kost». Wäre es im Zeitalter von Donald Trump, AFD und kulturellen Sparmassnahmen des Kantons Luzern nicht Zeit, politisch Stellung zu beziehen?

Das machen andere schon genügend und die machen das gut. Ich verfolge es, doch ich habe eine andere Aufgabe. Wir wollen nicht «more of the same» machen, das braucht es nicht. Wir können mit Stolz sagen: Wir sind für die Populärkultur zuständig. Und zum Vorwurf der «leichten Kost» sage ich: Unsere Geschichten sind menschlich nicht leicht – da werden wir oft unterschätzt. Es geht einfach nicht um politische Themen.

«Uns mögen alle von links bis rechts.»

24. An der Premiere von «95 – Ninety Five, das Musical»  hat man gesehen: Sie sind stark vernetzt. Vor allem auch viele Politiker nahmen an der Premierenfeier teil. Wie wichtig ist es, in der Politik gut anzukommen? Schliesslich ist das «Le Théâtre» nicht von kulturellen Kürzungen betroffen.

Die politischen Entscheide in Sachen Kultur tangieren uns nicht, das stimmt. Doch es ist wichtig, dass man sieht, was wir hier machen. Dass gerade die Politiker, die seitens gewisser Kulturkreise viel einstecken mussten, auch sehen: Neben der Subventionskultur gibt es noch anderes. Politiker urteilen manchmal sehr pauschal über uns Kulturproduzenten. Unabhängige Betriebe finden in ihren Köpfen nicht statt, weil wir sehr pflegeleicht sind. Wir stellen keine Forderungen und beschweren uns nie, trotzdem ist es wichtig, dass sie uns im Hinterkopf haben.

25. Unter den Premierengästen traf man Marcel Schwerzmann, Felix Müri, Damian Müller, Urs Dickerhof – man hätte den Eindruck bekommen können, vor allem Bürgerliche sind Musical-Fans. Stimmt das?

Dieser Eindruck ist falsch. Das politische Verhältnis war an der Premiere ausgeglichen, da sind wir stolz drauf. Das ist ja das Schöne am Musical: Es gibt für für alle etwas, uns mögen alle von links bis rechts. Ich rede übrigens auch sehr gerne mit allen. Das kann nicht jedes Kulturhaus von sich behaupten.

«Wir protestieren eben nicht ständig gegen politische Verhältnisse, das passt nicht allen.»

26. Stört es Sie, dass die oft als «kulturaffin» geltenden Städter eher keine Musicals sehen wollen?

Wirklich kulturaffine Leute meiden das Haus nicht. Wir haben mit dem «Luzerner Theater» eine hohe Übereinstimmung bei der Zielgruppe. Viele kulturell interessierte Städter kommen zu uns. Aber wenn gewisse Kulturkreise, die sich in einem bestimmten politischen Lager sehen, unser Handwerk nicht ernst nehmen, kann ich nur lächeln.

27. Warum nimmt man das «Le Théâtre» denn nicht ernst?

Wir protestieren eben nicht ständig gegen politische Verhältnisse, das passt nicht allen. Aber das ständige «Kulturgemotze» hat man inzwischen gehört. Diese Kreise sollten nicht immer gegen etwas sein, sondern anfangen, für etwas einzustehen. Das «Le Théâtre» ist für alle da. Wenn man das aufgrund einer gesellschaftskritischen Lebenshaltung nicht kann, ist das schade.

Andréas Härry in seinem Reich: dem Theatersaal.

Andréas Härry in seinem Reich: dem Theatersaal.

(Bild: pze)

28. Andere Musicals nehmen Stellung: Das politische Broadway-Stück «Hamilton» thematisiert im Zeitalter Donald Trumps die Geschichte der Immigration nach Amerika. Das Musical wird mit Preisen überhäuft.

«Hamilton» hat etwas ganz Neues auf die Bühne gebracht. Da hat jemand eine schwere Thematik grossartig umgesetzt. Hätte ich eine solche Idee, würde ich das sofort inszenieren. Nur sehe ich in meinem Umfeld noch keinen solch genialen Ansatz. Und diese «politische Motzkultur», die müssen wir nicht mitmachen.

29. Sie sind gleichzeitig Autor und Leiter des Hauses. Was fällt Ihnen leichter, das Kreative oder das Organisatorische?

Das Kreative. Das Kaufmännische habe ich vor langer Zeit in einer gutbürgerlichen Ausbildung gelernt, das Kulturelle lag mir aber immer schon. Heute kann ich die beiden Felder verbinden, das ist toll.

«Wenn jemand Geld verdient, sage ich à priori ‹Bravo!›.»

30. Sie sind gleichzeitig Journalist und in der Geschäftsleitung des «Le Théâtre». Sind Sie unabhängig?

Das bin ich. Ich weiss, was eine gute journalistische Geschichte ist. Dadurch, dass ich selber aber weiss, wie eine Buchhaltung aussieht, gehe ich gerade bei Wirtschaftsthemen anders an die Arbeit als gewisse Journalisten. Wenn jemand Geld verdient, sage ich à priori «Bravo!». Ich disqualifiziere Erfolg nicht zum Vornherein – was leider teilweise geschieht. Das heisst aber nicht, dass ich die Geschichten nicht ebenso gründlich herausarbeite. 

31. Sie sind sehr aktiv, haben schon viele Stücke auf die Bühnen der Zentralschweiz gebracht. Was war Ihr grösster Misserfolg?

(zögert lange) Wir haben gewisse Stücke zu früh gebracht: beispielsweise «Cabaret» – ein Musical von Weltformat und ich würde behaupten, von uns handwerklich gut d . Aber niemand hat uns das abgenommen, weil man uns in den Anfängen nicht gekannt hat. Entsprechend waren die Zuschauerzahlen tief. 

Andréas Härry in seinem Büro – das Musical ist allgegenwärtig.

Andréas Härry in seinem Büro – das Musical ist allgegenwärtig.

(Bild: pze)

32. Und Ihr grösster Erfolg?

Wir bieten inzwischen 24 Personen eine Arbeitsstelle und bringen jährlich Musicals auf die Bühne. Ich würde sagen, das ist ein Erfolg.

33. Musicals gelten als Klischee-behaftet. Inwiefern zementieren Musicals gesellschaftliche Rollenbilder?

Gerade in Love-Stories breiten wir natürlich gewisse Klischees aus. Denn es berührt die Leute. Und das ist es, was ich will: Gefühle entstehen lassen. Ansonsten zementieren wir keine gesellschaftlichen Rollenbilder. Die Frauen sind in unseren Stücken immer die Macherinnen, das war bei mir immer schon so. Frauen reagieren in Extremsituationen einfach souveräner, deshalb sind unsere Heroinnen immer die klügsten Figuren auf der Bühne. (lacht)

34. Sind Musicals der Schlager der Theaterkultur?

Nein. Schlager ist für mich Halb- oder Vollplayback. Wir haben eine genauso aufwändige Produktion wie Opern, es ist alles live und die Darsteller erbringen eine grosse Leistung. Ein Musical ist eher die moderne Operette.

35. Was sagen Sie, wenn sich jemand über Musicals lustig macht?

Dass er keine Ahnung davon hat.

36. Was geht gar nicht auf der Bühne?

Schlechtes Handwerk. Es gibt gewisse Regeln auf der Bühne, die eingehalten werden müssen. Das kann man uns nicht vorwerfen: Unser Bühnenhandwerk ist sauber. Licht, Sound, Regie – das stimmt bei uns inzwischen. Zu Beginn hatten wir die Möglichkeiten nicht, heute sind wir da absolut auf der Höhe.

37. Zeichnen Sie sich bitte als Musical-Darsteller auf der Bühne.

Das ist einfach, denn auf der Bühne bin ich ein Geist:

Andréas Härrys «Geist».

Andréas Härrys «Geist».

(Bild: pze)

38. Singen oder tanzen?

Singen – und beim Tanzen zusehen.

39. Blues oder Jazz?

Klassischer Jazz.

40. CDs oder Streaming-Dienste?

Ich bin noch CD (lacht). Ich komme mir gerade alt vor.

41. Kiosk-Krimis oder Bertold Brecht?

Schon Brecht.

42. «Cats» oder «Lion King»?

Nein! (lacht und überlegt) Cats, wegen der historischen Bedeutung.

43. Jeans und T-Shirt oder Anzug?

Beides gehört zum Job – aber schon lieber casual. Der Anzug gehört eben zum Handwerk, da gibt es klare Regeln.

44. Divertimento oder Michael Elsener?

Michael Elsener.

«Wenn ich die Fäden aus der Hand verliere, dann werde ich unausstehlich.»

45. SP oder FDP?

Joker.

46. Wanderferien in Island oder Strandferien in Spanien?

Beides sehr gerne, beides toll.

47. Badehose oder Skischuhe?

Badehose.

48. Erzählen Sie einen Witz für ein Video.

Ich kann keine Witze erzählen.

49. Aber Sie sind Autor. Da müssen Sie doch Witze kennen?

Wie gesagt, ich liebe rhetorischen Witz und keine Schenkelklopfer. Das liegt mir nicht, deshalb bin ich Autor und nicht auf der Bühne.

50. Was bringt Sie so richtig in Rage?

Wenn ich die Fäden aus der Hand verliere, dann werde ich unausstehlich. Die Rage ist dann aber vor allem innerlich. Ich weiss meistens, wo ich angestaute Wut rauslassen kann.

zentralplus ist Medienpartner des «Le Théâtre». 

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