Das raten Gefangene des Bostadels in Zug den Einsamen in der Pandemie
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Gefangene im Bostadel kennen die Einsamkeit bestens. Und wissen, wie man mit ihr umgehen kann. (Bild: wia)

Sie kennen die Isolation und wissen mit ihr umzugehen Das raten Gefangene des Bostadels in Zug den Einsamen in der Pandemie

3 min Lesezeit 1 Kommentar 12.03.2021, 05:00 Uhr

In Zeiten, in denen sich viele Menschen mit der Einsamkeit auseinandersetzen müssen, haben wir bei Menschen nachgefragt, die äusserst vertraut sind mit dem Thema. Auch ohne Pandemie. Bei Menschen, die sich im Zuger Gefängnis Bostadel im Justizvollzug befinden. Ihre Tipps: durchaus brauchbar.

Trotz Frühling, trotz geöffneter Läden und gestarteter Impfoffensive: Der Ausnahmezustand rund um Corona hält vorläufig an, und damit auch das Gefühl von Isolation und Einsamkeit, dass viele Menschen im letzten Jahr verspürten.

Isolation? Einsamkeit? Themen, welche für die Inhaftierten im Zuger Gefängnis Bostadel auch ohne Corona ständige Gefährten sind. Und gegen die es Strategien gibt, wie eine schriftliche Umfrage zeigt. Zwar haben nur gerade zwei Gefangene auf die Umfrage reagiert. Deren Antworten sind jedoch berührend und differenziert, die Tipps sind durchaus hilfreich.

Ein Mann, der sich seit vier Jahren und zwei Monaten im Strafvollzug befindet, schreibt auf die Frage, in welchen Situationen das Gefühl der Einsamkeit besonders auftrete: «Wenn man nach dem Besuch der Angehörigen wieder auf der Zelle verweilen muss.» Und weiter: «Oder aber, wenn man am Abend in die Zelle eingeschlossen wird, die Fotos der Familie betrachtet und darüber nachdenkt, was diese wohl im Moment denken und wie sie sich fühlen.»

Eine Zeit, um Lebensziele zu überdenken

Dem Betroffenen helfe es in diesen Momenten, positiv zu sein und an die Zukunft zu denken. «An die Zeit, wenn man wieder nach Hause gehen kann zu seinen Liebsten.» Auch helfe es, sich darüber Gedanken zu machen, was man nachholen möchte und was man alles noch erleben wolle.

«Lernt, geduldig zu sein.»

Gefangener der JVA Bostadel

Für Menschen, die sich derzeit aufgrund der Coronapandemie isoliert fühlen, hat der Gefangene folgende Tipps bereit: «Lernt, geduldig zu sein. In der Freiheit ist so ziemlich alles hektisch geworden. Nicht so im Gefängnis. Man sollte sich in dieser schwierigen Zeit mehr mit sich selber befassen, sich Gedanken machen über das eigene Wohlbefinden und die Gesundheit.» Nun sei eine gute Zeit, um seine eigenen Lebensziele zu überdenken und zu planen.

Auch ein langjähriger Inhaftierter hat auf unsere Fragen geantwortet. Seit dem Oktober 1994, also seit 26,5 Jahren sitzt er ununterbrochen in Haft. «Davor, von 1973 bis 1992 mit kurzen Unterbrechungen, total 15 Jahre in verschiedenen Vollzugsformen.»

An Weihnachten ist es besonders schlimm

Für den Gefangenen sei das Gefühl der Isolation und des Verlassenseins an traditionellen Feiertagen wie Ostern und Weihnachten besonders stark. Auch sei die Einsamkeit bei persönlichen Feiern der Familie und des Bekanntenkreises, etwa bei Hochzeiten, Einschulungen und Lehrabschlüssen, deutlicher spürbar. «Die Kontaktpflege mit Angehörigen ist im Justizvollzug auch ohne Pandemie sehr begrenzt.»

Besuchszellen in einem Gefängnis. (Symbolbild/ Adobe Stock)

Wie er mit solchen Situationen umgeht? «Für Menschen im Sanktionsvollzug ist es von grösster Wichtigkeit, aktiv gute Kontakte zu seinen Bezugspersonen zu pflegen.» Etwa mit Briefen, Telefonaten oder Besuchen. «Ausführliche Gespräche mit nahestehenden Bezugspersonen am Telefon oder bei Besuchen helfen, solche Krisen zu bewältigen und zu überwinden.» Ebenfalls hilfreich und unterstützend seien für ihn die Gespräche mit internen Betreuungspersonen und Therapeuten.

«Die Gesellschaft muss wieder lernen miteinander zu leben und nicht gegeneinander

Ein langjähriger Gefangener der JVA Bostadel

Hat er einen Ratschlag, wie man der aktuellen Einsamkeit ausserhalb der Gefängnismauern begegnen kann? «Bedauerlicherweise hat die Vereinsamung, insbesondere bei älteren Menschen, nur wenig mit der aktuellen Situation zu tun», so der Inhaftierte. «Die Pandemie rückt die Tatsache nun verstärkt ins Blickfeld, da nun jeder betroffen ist.»

Der Mann hat deshalb einen Ratschlag, der allen gilt: «Die Gesellschaft muss wieder lernen miteinander zu leben und nicht gegeneinander.» Gute Nachbarschaften zu pflegen und gegenseitige nachbarschaftliche Unterstützung zu praktizieren könnten Möglichkeiten sein. «Momentan bleibt vielleicht nur Kontakt auf Distanz möglich, dieser jedoch sollte gepflegt und praktiziert werden. Egal, ob per Telefon, als Videochat oder Balkongespräch.»

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1 Kommentare
  1. Sandra Klein, 12.03.2021, 07:37 Uhr

    Eindrücklich!

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