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Das Märchenhaus für einen Neustart ins Leben sinkt in den See
  • Gesellschaft
Die Villa Hotz von der Uferpromenade in Zug aus gesehen.

Wer wohnt hier eigentlich... Villa Hotz in Zug Das Märchenhaus für einen Neustart ins Leben sinkt in den See

5 min Lesezeit 22.07.2018, 12:17 Uhr

Wohl jedem Zuger ist sie bekannt, die Villa Hotz am See, zwischen dem Sikahirschgehege und dem Goldenem Kiosk. Doch wer wohnt in dem rund 90-jährigen Gebäude, das nun langsam absinkt und renoviert werden muss? Es sind Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung, die das Gebäude im Sinne einer WG nutzen.

Seit rund 30 Jahren wird die Villa Hotz von Menschen bewohnt, die sich nach einer psychischen Krise neu orientieren müssen und dabei Unterstützung brauchen. Sie nutzen das Gebäude als Wohngemeinschaft – der Fachbegriff dafür lautet «Betreutes Wohnen». «Wir haben hier in den letzten Jahren eine schöne Erfolgsgeschichte geschrieben», sagt Charles Douw van der Krap, der den Betrieb im «Übergangswohnhaus» der Stiftung Phoenix Zug leitet.

«Etliche Bewohner und Bewohnerinnen konnten in der Zeit im Übergangswohnhaus eine Lehre abschliessen oder eine neue Lehre anfangen. Einige haben Halt in einer neuen Beziehung gefunden, eine eigene Wohnung gefunden, oder sich wieder in einem Job etabliert.»

Charles Douw van der Krap ist Betriebsleiter in der Villa Hotz.

Charles Douw van der Krap ist Betriebsleiter in der Villa Hotz.

(Bild: mam)

«Fast immer ausgebucht»

Douw van der Krap arbeitet zwar ständig in der Villa Hotz, wohnt aber nicht hier – denn über Nacht sind die WG-Bewohner alleine. «Telefonisch sind wir natürlich jederzeit erreichbar», sagt er. Meist seien es Menschen zwischen 20 bis 50 Jahren, die eine Weile in der Villa Hotz wohnten und grösstenteils aus dem Kanton Zug stammten. «Wir sind meist ausgebucht.»

«Einige Bewohner haben in ihrer Zeit im Übergangswohnhaus Halt in einer Beziehung gefunden, oder sich wieder in einem Job etabliert.»

Charles Douw van der Krap, Betriebsleiter Übergangswohnhaus, Stiftung Phönix

Bei unserem Besuch entspannt sich eine Frau in den Vierzigern im Wohnzimmer, ein junger Koch hastet durch den Korridor und ein Mann in weissen Berufskleidern, eben von der Arbeit gekommen, sucht sich einen Platz im kühlen Garten. Der ist immer noch gleich angelegt wie zur Bauzeit des Hauses in den 1920er-Jahren – mit einem Laubengang und gekiesten Spazierwegen.

Der reich verzierte Kachelofen.

Der reich verzierte Kachelofen.

(Bild: Stadt Zug)

Am Feierabend beim Geigenspiel auf den See schauen

Das eigentlich Tolle an der Villa Hotz ist jedoch neben der Seesicht das Innere des Hauses, wo Stilmöbel und ein hochwertiger Ausbau eine angenehme Wohnatmosphäre schaffen. Ja, es sei schön hier, sagt Douw van der Krap.

Die Villa Hotz ist in ihrer Bausubstanz noch originalgetreu erhalten und kündet von ihrem ersten Bewohner – dem «blonden Geiger». So wurde Alois Hotz-Schilling in Zug genannt, obwohl er kein Violinist, sondern Rechtsanwalt war. Aber er war sehr kulturbeflissen, verstand sich als Förderer der Kunst und wünschte sich als passionierter Geiger ein Musikzimmer neben der Stube. 

650 waren obdachlos geworden

Dieses liess er sich denn auch im ersten Stock einbauen. Sein Wunschhaus, eine Art Erinnerung an gründerzeitliche Stadtvillen, errichtete ihm von 1928 bis 1930 das Zuger Baugeschäft Josef Kaiser, «Eternit-Kaiser» genannt. Architekt war Martin Müller, bei Kaiser angestellt und auch gleich als Bauleiter mit von der Partie.

Es muss ganz schön Nerven gekostet haben, die Villa am Seeufer zu bauen. Erst im Juli 1887 waren unweit der Baustelle 35 Häuser der Vorstadt in den See gerutscht. Ein Dutzend Menschen starben damals, 650 wurden obdachlos. Die Zuger Katastrophenbucht entstand.

Die Zuger Vorstadtkatastrophe im Jahre 1887.

Die Zuger Vorstadtkatastrophe im Jahre 1887.

(Bild: Kantonale Denkmalpflege Zug)

Plattform auf Pfählen

Das Desaster war 40 Jahre später immer noch in Erinnerung und die Erbauer der Villa Hotz versuchten der Problematik zu begegnen, indem sie das Haus auf einer grösseren Platte errichteten, die ihrerseits auf Pfählen steht. Dennoch ist das Haus leicht gegen den See hin abgekippt und sinkt seither auch in den Seegrund. Mit 2,5 bis 3,5 Millimetern pro Jahr zwar sehr langsam, aber dafür unaufhörlich.

Hotz, «der blonde Geiger», zeigte sich als sozial gesinnter Kunstfreund, der begabten Handwerkern aus der Umgebung Gelegenheit gab, sich bei ihm auszutoben und ihr Können zu beweisen. Geld spielte dabei keine Rolle. Dem wohlhabenden Anwalt war nur das beste Material gut genug.

Historisierender Ausbau

So sind das Entrée und das Treppenhaus in gelbem Marmor gehalten, Gästezimmer wurden kostbar ausgebaut und die Stube erhielt eine Kassettendecke, einen Boden mit Holzeinlegearbeiten und einen historisierenden Kachelofen. Stilistisch findet man neo-klassizistische Anleihen. Neo-barocke Stukkaturen erscheinen ebenso wie Jugendstil-Verzierungen.

Das Ganze blieb so erhalten, da Alois Hotz‘ einzige Tocher nichts am Bau veränderte und die Villa den Schwestern vom Heiligen Kreuz in Cham vermachte. Diese hatten jedoch keine Verwendung für das Haus an bester Zuger Zentrumslage. Die Nonnen verkauften es 1978 an die Stadt Zug, um zu dringend benötigtem Geld zu kommen. Die Stadt vermietet es seit 1986 der sozialpsychiatrisch tätigen Stiftung Phönix.

Nur sanfte Renovation – das Haus darf einfach nicht schwerer werden

Die Stadt Zug soll die erneuerungsbedürftige Villa Hotz an der Chamerstrasse 1 für 2,01 Millionen renovieren – aber nur sanft. Dies schlägt die städtische Bau- und Planungskommission vor. Einzig im Kellergeschoss soll es einige Eingriffe geben, ansonsten lediglich Ertüchtigungsmassnahmen, um die Villa in Schuss zu halten. 

Das Haus darf einfach nicht schwerer werden, damit es nicht noch schneller in den Grund sinkt. Es ist anfänglich wie der schiefe Turm von Pisa auch 15 Zentimeter in Richtung See abgekippt, bewegt sich aber seit 1950 vertikal nicht mehr. Die Idee, den Untergrund der Villa mit einer Injektion von Baustoffen zu verfestigen, wurde verworfen, weil dies erstens 6,5 Millionen Franken gekostet hätte und zweitens fester Fels erst in 100 Metern Tiefe anzutreffen ist – die Intervention also nutzlos sein könnte.

Die Villa Hotz gilt der Denkmalpflege als besonders wertvolles Objekt, auch die Zuger Politiker halten es mit seiner musealen Ausstrahlung für «eine Perle im städtischen Liegenschaftsportefeuille». Die betreutete Wohneinrichtung der Stiftung Phönix Zug zieht während der Bauarbeiten in ein Provisorium an der Zugerbergstrasse und kehrt im Herbst 2019 ans Zuger Seeufer zurück.

Bildstrecke zum Innenleben der Villa Hotz:

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