Das Luzerner Fest ist weder dekadent noch verdorben
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Feierwütiges Publikum am Luzerner Fest. (Bild: Heinrich Weingartner)

Eine Jasstirade auf das Massenbesäufnis Das Luzerner Fest ist weder dekadent noch verdorben

7 min Lesezeit 26.06.2016, 13:43 Uhr

Luzern feierte sich dieses Wochenende trotz verlorenem EM-Achtelfinal selber – mit Lokalmusikprostitution. Denn jährlich grüsst das Luzerner Fest. Eine Jasstirade mit theatralischem Plot-Twist. Und Video-Beweisen.

Die siebte Auflage des Luzerner Fests war am Freitagabend bei bestem Sommerwetter gestartet. Dieses Wetterglück sei mit ein Grund für den Erfolg und den grossen Publikumsaufmarsch am Freitag und Samstag, teilten die Veranstalter mit. Der Grossanlass fand dieses Jahr erstmals nicht mehr in der Altstadt, sondern vor allem an der Reuss und am See statt. Der Festlaune tat das neue Konzept keinen Abbruch, die meisten Anpassungen haben sich laut den Organisatoren bewährt.

Nach 1 Uhr feierten noch immer Tausende in der Innenstadt. Der Grossanlass verlief aus Sicht der Polizei friedlich. Zu grösseren Zwischenfällen kam es nicht. Eine im Internet angekündigte Kundgebung fand nicht statt. Das Fest auf die Beine stellten über 1000 ehrenamtliche Helfer …

«I find it hard to tell you, 
I find it hard to take. When people run in circles,
 it’s a very, very mad world, mad world»
Gary Jules

Verschifft, versifft und versoffen

So oder ähnlich hätte die Medienmitteilung nach dem diesjährigen Luzerner Fest wieder lauten können. Es handelt sich hierbei um diejenige von 2015. Das diesjährige Luzerner Fest hingegen wurde verschifft, versifft und versoffen. Egal. Was zählt, ist der Spass, der gute Zweck und der Spass. Und das Bier. In Hektolitern und Heineken-aber-nicht-Heineken-Heineken-Bier. Und der gute Zweck! Wöll, Oliver Furrer, OK-Präsident: «Feiern für einen guten Zweck macht doppelt Freude.» Looogisch.

Dem grassierenden Provinzalkoholismus vorbeugen

Nicht-mehr-Stapi und Stiftungsratspräsident Luzerner Fest Stefan Roth trifft es noch ein My besser: «Es ist ein Fest für alle und bietet die einmalige Chance, Spass zu haben und Gutes zu bewirken.» Nur Gutes bewirken alleine ist boring, weil man ja dann keinen Spass hat. Looogisch. Das Luzerner Fest 2016 schafft Abhilfe! «Feiern für einen guten Zweck macht doppelt Freude.» Oh, ja. Immer noch. Und jährlich grüsst Herr Furrer – mit Spenden.

Besoffene, noch nicht Besoffene und bald Besoffene lockt das Luzerner Fest seit 2009 aus ihren Aggloschneckenhäuschen.  (Bild: Heinrich Weingartner)

Besoffene, noch nicht Besoffene und bald Besoffene lockt das Luzerner Fest seit 2009 aus ihren Aggloschneckenhäuschen.  (Bild: Heinrich Weingartner)

Im Jahr 2011 kamen noch über 140’000 Franken zusammen, 2012 waren es 81’000, am Fest im Jahr 2013 waren es noch 51’000, letztes Jahr kamen 40’000 Franken (abgerundet von 42’000 Franken) für gute Zwecke zusammen. Unter anderem 5000 Franken für Prävention- und Suchttherapie. Dem grassierenden Provinzalkoholismus beugt man also mit dem Festli gleich vor.

«Rüer das i Dräksak, du Dräcksack!»

Rund 100’000 Besucher, unfreiwillig anwesende Chinesen, Besoffene, noch nicht Besoffene und bald Besoffene lockt das Luzerner Fest seit 2009 aus ihren Aggloschneckenhäuschen und zum geliebtem Nach-dem-ist-vor-dem-Anlass. Der gute Zweck ist dabei schon so gut, dass weniger Spenden nicht so schlimm ist. Weniger ist ja mehr.

Das OK, Stiftungsrat und Kompanie beschäftigt das minder, beim Luzerner Fest geht es darum, dass auch die Privatstände, die Zünfte und die Sponsoren genug Spass haben: 100’000 Leute mal fünf, nein, sechs Bier mal «Füüf Franke Föfzg, bitte» macht öppe Zweimillionenundsiebenhundertfünzigtausend Franken. Das ist viel Spass. Die Pastrami Hot Chili Cheese Burger, Frühlingsrollen und a whole galaxy of Bratwürste, Cervelats, Doggwilerwürste und alles, was zwei Enden hat, finanziell ausgenommen. Whole Lotta Fun.

Aber, hey, Hauptsache, für einen guten Zweck! Und dann plötzlich, irgendwo vom See her, Gefühl für Sprache: «Rüer das sofort i Dräksak, du Dräcksack!» Grossartig! Dräcksäck, überall Dräcksäck.

Feuerwerk? «Es Longekarzinömli före Fretzli»

Eine Statistik vom Luzerner Fest

Junggesellenabschiede: gefühlte zu viele
Regentropfen: Viele
Menschen: «Fuck, wohär chömed all die Lüüt?»
Polizei: Auch da
Alkohol: Prozentual
Massimo Portmann
: Anwesend, hat aufgelegt, und wurde dabei gestört, wie er gemütlich ein Glace fressen wollte – von ein paar Nötlischtreichlern, die am freien Samstag die Strassen verstopften.
Zwischenfälle: Vielleicht
Stimmung: Ja
Text geschrieben um: Spät
Ironie: Was ist das?
Chronologie: Nein
Radio 3fach: Wo? Und wieso nicht?!
Chuelee: Auch dabei und immer noch grenzrassistisch
Wiederholungsrate: Sehr hoch

Weil immer weniger Geld für gute Zwecke gesammelt werden konnte, wird die teure Infrastruktur neuerdings länger genutzt. Looogisch: Um 2 Uhr früh und besoffen schiesst ja amigs die Bändelikaufrate nochmals in die Höhe. Nein: Die kapern eher ein Info-Häuschen und dekorieren den Schwanenplatz mit Prospekten. So geschehen zum Beispiel heute.

Apropos – Umweltverschmutzung hatten wir doch schon? Ah, genau, das Feuerwerk: «Innert kürzester Zeit wird an solchen Feiertagen jeweils die Belastung der Luft durch Feinstaub massiv erhöht. Bei dem lungengängigen Feinstaub (Particulate Matter PM101) werden die Grenzwerte von 50 µg/m3 jeweils klar überschritten. In Zahlen ausgedrückt werden als Folge von Feuerwerkskörpern pro Jahr in der Schweiz etwa 300 Tonnen Feinstaub oder 1-2 Prozent der Jahresmenge ausgestossen. Die Luftbelastung durch diesen gesundheitsgefährdenden Feinstaub ist vielerorts jeweils so hoch, wie sonst im ganzen Jahr nie mehr.» (Bundesamt für Gesundheit)

Da ist es doch richtig, dass öppe 10’000 Franken der Spendengelder an die Kinderkrebshilfe Zentralschweiz gehen. Wenigstens das schlechte Gewissen abbezahlt. Aber de Fretzli hed de öppe trotzdem es Karzynömli em Löngali. Egal. Hauptsache, für einen guten Zweck. Hä? Das haben wir heute doch schon mal gehört?

Idee: Wenn man die ganze Aktion beim nächsten Mal abblasen würde und die 108’000 Franken, die die Stadt Luzern in das Fest investiert, einfach spenden würde, würde ja mehr gespendet? Oder? Ah, geht es letztlich doch nicht nur um den guten Zweck?

Faith in Humanity Restored 

Ausgelassene Stimmung, Feierwütige, Highlights. Wollt ihr wirklich das Immergleiche hören? Es bringt doch nichts, umherzufloskeln. Kann man ja gleich copypasten von den früheren Medienmitteilungen vor und nach dem Sturm. Es ist ja eigentlich schon schön, so ein Fest. Leute, Lachen, Musik, gute Stimmung und Mimiks. So weit, so gut.

Aber weshalb hat man jedesmal das Gefühl, das einem an diesem Tag eine Stadt verkauft wird, die man jeden Tag gratis hat? Weshalb verliert man den Glauben an die Menschheit, wenn auf der Seebrücke ein stark alkoholisierter Spätfünfziger einem fünfzehnjährigen Mädchen den Rock lüpft?

Und dann plötzlich: Faith in Humanity Restored. Die Pavillon-Bühne beim Luzernerhof: Oakes, Konincks, Heidi Happy. Lokal, gut, saugut! Es regnet zwar gerade in Strömen, aber wenn man lange genug Regenpellerinli anstarrt, hat man das Gefühl, weniger nass zu sein, Ehrenwort!

«Sanschäin»-Reggae

Um cirka 23 Uhr brüllt Stagehand Christoph «Rotbart» Ruckli: «Dub Spencer & Trance Hill, die bescht Band vode Schwiiz!» Es war nicht übertrieben. Diese Band zauberte in knapp eineinhalb Stunden einen so abartig geilen Groove hin, dass der Regen einpacken konnte.

Und: Es hörte tatsächlich auf zu regnen, als die ersten Offbeat-Phrasierungen die Pavillon-Bühne narkotisierten. Wann sah man zuletzt eine Band, die so in ihrem Element ist, dass sie innert kürzester Zeit jedmögliche Konzert-Klientele für sich gewinnt? Beaty Bossie? Led Zeppelin? Man hatte den Eindruck, dass selbst Dub Spencer & Trance Hill vom Gejauchze und Gejohle überrascht war, das nach der Zugabe nicht mehr aufhören wollte. Völlig verdient. Wow: Jazz-Reggae auf höchstem Niveau mit Biss und Beat. Luzerner Fest – I’m lovin’ it.

Und dann Mimiks am Nachmittag so: «D’sonne schiint ned, aber mer send am shine!» Yesss, mer send alles geili Siecheee! Moderner Eskapismus ist so genial, dass er sich nicht einmal mehr tarnen muss. Wir bleiben wach, bis die Wolken wieder lila sind! Wir feiern feiern, bis die Leber wieder lila ist!

Radio Sunshine beim Schwanenplatz: «Möchid mol chli Lärm do uf de Sanschäin Stäitsch, Lozärn-People, er send sooones Hammer-Publikum!» Was sind das für Menschen, die so reden und solche Sätze rauslassen? Sind das Menschen? Und noch viel wichtiger: Wurde Mimiks dafür bezahlt, dass er auf der Sunshine-Stage «Shine» sagt?

Easy absurd

Plot-Twist: Das sind allesamt Statisten, das ist nur Theater. Das ganze Luzerner Fest war Teil des neuesten Geniestreichs von Daniel Korber und Dominik Wolfinger mit ihrem «Hollywood Expedition Classics Nr. 6»! Diesmal ohne viel Werbung im Vornherein und daher auch familiärem Grüppchen.

Ehrlich: Dani und Dominik instruierten uns im Intro der letzten Hollywood-Classics-Reihe im Hotel Weinhof, dass wir uns vorstellen sollten, dass beim Luzernerhof alles Statisten seien. Stimmt, die spielen ihre Gewohnheiten nur mechanisch nach: Feiern, damit gefeiert ist. Sau useloh ond domm tue, damet d’Fasi nöch esch. Sha-la-la-la-la-la-la. Wir liefen zu acht durch’s Luzerner Fest und suchten nach geloopten Bill Murrays. Paranoia, Absurditäten und Absurderitäten. In der Kunsti zeichneten wir unsere Tipps mit Kohle- und Farbstiften auf Papier und dann kam die Auflösung:

Aus Nichts viel gemacht – oder umgekehrt

Kann man eine schon geniale Theaterperformance-Reihe noch genialer abschliessen? Ich behaupte nicht. Dani & Dominik: Heute aus Nichts viel gemacht. Luzerner Fest: Aus viel nichts gemacht (ausser Pavillon!). Easy absurd, oder?

Während unzählige Feierwütige (da ist das Wort schon wieder) irgendetwas feierten und zuglotzten, wie die Albanerelf Penaltys verschoss, habe ich mit acht Theaterzuschauerinnen und Theaterzuschauern ein wunderbares Erlebnis und anregende Diskussionen gehabt. Klingt überheblich, ist auch so. Unbezahlbar und unkäuflich.

Unaushaltbare Umgebung, damit die Leute saufen?

Um etwa 01:30 Uhr wurde es dann beim Schwane recht schwierig, ohne richtig derb einen am Helm zu haben. Ich glaube, das ist einer der Tricks: Ein Umgebung zu kreieren, die unaushaltbar ist, damit die Leute trinken und konsumieren. Genial, funktioniert jedes Jahr.

Eine halbe Stunde später sprüht irgendein Vollidiot auf der Seebrücke Leute mit einem Feuerlöscher an. Woher hatte der einen Feuerlöscher? Das Luzerner Fest ist weder dekadent noch verdorben … Und ich heisse Donald Duck. Ist das Theater jetzt fertig oder gehört das noch dazu? Dani? Dominik? Herr Furrer?

 Auch jedes Jahr ein Bijou: Die Beiträge in der Facebook-Veranstaltung des Luzerner Fests. Einer am Donnerstag so:

Guten Abend Fortsetzung !!! Tschüss !!!

Heinrich Weingartner

Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit kulturteil.ch entstanden und kann dort ebenfalls gelesen werden.


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