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Das Leben, das Sterben und der Tod
  • Kultur
  • Rezension
Ein Ausschnitt des stimmungsvollen Filmplakats von Edwin Beelers neustem Dokumentarfilm «Die weisse Arche». (Bild: zvg)

«Die weisse Arche» von Edwin Beeler Das Leben, das Sterben und der Tod

3 min Lesezeit 19.04.2016, 13:00 Uhr

Die Dokumentation von Edwin Beeler ist ein meditatives und einfühlsames Porträt über Menschen, die dem Tod regelmässig durch ihre Lebenstätigkeit begegnen. Ein Film, der zwar nicht die Angst vor dem Tod nimmt, der jedoch nachdenklich über das eigene Leben macht.

Jeder verliert früher oder später einen geliebten Menschen und sieht sich mit grundsätzlichen Sinnfragen der menschlichen Existenz konfrontiert. Dennoch sind häufig das Sterben und der Tod aus der Sichtbarkeit unserer Gesellschaft verbannt. Ein noch viel grösseres Tabu der heutigen Zeit ist im Anbetracht des medizinischen Fortschritts, «dem Leiden zuzusehen», erzählt der Kapuzinermönch Martin Germann. Er ist einer der sechs Protagonisten, die der Innerschweizer Filmemacher Edwin Beeler bei ihrer Arbeit begleitet. Die Dokumentation ist ein meditatives und einfühlsames Porträt über Menschen, die dem Tod regelmässig durch ihre Lebenstätigkeit begegnen.

Dem Leiden und der Angst begegnen

Sie richtet unseren Blick genau auf die Momente des Lebens, die wir gerne meiden, und gewährt uns als stille Beobachter Einblicke in die intimsten Augenblicke des zerbrechlichen menschlichen Daseins. Wenn die Körperkräfte und das Gedächtnis nachlassen und von aussen das Leben vielleicht nicht lebenswert erscheint. Wenn starke und furchtlose Menschen plötzlich ängstlich und hilfsbedürftig werden und mit Dankbarkeit die helfende Hand entgegennehmen. Und schliesslich wenn nur noch die Körperhülle übrig bleibt und uns mit den Fragen zurücklässt, die unsere begrenzte menschliche Erkenntnisfähigkeit übersteigt: Was passiert danach? Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Am Übergang zu einer anderen Welt

Die Hauptperson, an dem sich der Erzählstrang der Dokumentation orientiert, ist Monika Dreier. Früher löste bei ihr allein der Gedanke an Krankheit und das Ende grosse Panik aus, bis ein Nahtoderlebnis bei einem Lawinenunglück ihr jegliche Angst vor dem grossen Unbekannten nahm. Dies veränderte ihre grundsätzliche Lebenseinstellung. Schmerzen sind für sie nun ein wertvoller Bestandteil des Lebens geworden, die uns einfühlsamer uns und anderen gegenüber machen. Für sie ist es nun auch vorstellbar, trotz Alzheimer glücklich zu sein. Monikas Erkenntnisse halfen ihr nicht nur, ihre Mutter in den letzten Tagen zuversichtlich zu begleiten, sondern auch zu mehr Verständnis und Hingabe in ihrem Beruf als Altenpflegerin.

«Zu Beginn ist die Langatmigkeit und Langsamkeit des 90-minütigen Filmes befremdlich.»

Sich für das Wesentliche öffnen

Die Szenen über die Dokumentierten sind unterbrochen durch eindrückliche Naturaufnahmen der Innerschweiz, die mit meditativer Musik von Oswald Schwander untermalt sind. Zu Beginn ist die Langatmigkeit und Langsamkeit des 90-minütigen Filmes befremdlich, wenn man gerade aus der Alltagshektik gerissen auf angenehme Kinounterhaltung hofft. Doch hat man sich darauf eingelassen, macht sich eine merkwürdige innere Ruhe breit. «Man muss sich leer machen, wie ein Gefäss, dann wird man das Wesentliche empfangen können», rät Sam Keller, der aufgrund der vielen Anfragen und seines Erfolgs als «Geisterjäger» den alten Beruf  als Förster aufgeben musst. «Viele Menschen sind hektisch auf der Suche nach dem Glück, dabei haben sie es hinten im Gepäck.»

«Die weisse Arche» ist einer der wenigen Filme, bei dem man gebannt alle Namen des Abspanns der Mitwirkenden und derer, die mit einem Kreuz versehen sind, liest. Bevor das Saallicht angeht, rührt sich keiner zum Gehen. Es ist ein Film über das Sterben, der zwar nicht die Angst vor dem Tod nimmt, aber der sehr nachdenklich über das eigene Leben macht. Einige Sätze hallen noch lange nach: «Innerhalb der Lawine konnte ich meine ganze Biografie nochmal anschauen. Mir wurde bewusst, dass ich Jahre durchlebt habe, ohne sie wirklich gelebt zu haben. Jetzt mache ich alles aus vollem Herzen oder ich lasse es sein.»

Im ausführlichen Eventkalender von zentralplus finden Sie eine weitere Besprechung und alle Daten zu diesem und allen weiteren, derzeit in der Zentralschweiz gezeigten Filmen.

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