Teil unserer abendländischen Kultur: Gipfelkreuz auf der Rigi.
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Teil unserer abendländischen Kultur: Gipfelkreuz auf der Rigi. (Bild: Emanuel Ammon/ Aura)

Religiöse Symbole in öffentlichen Räumen Das Kreuz mit dem Kreuz – pragmatisch gelöst

4 min Lesezeit 1 Kommentar 16.08.2013, 06:12 Uhr

Auch wenn die öffentliche Hand in der Verfassung zu religiöser Neutralität verpflichtet wird: Noch hängen in zahlreichen Gebäuden der Zentralschweiz Kreuze. Beispiele sind Schulen oder Spitäler. Was die einen als Teil unserer abendländischen Kultur verstehen, führt bei anderen zu Unmut. Konflikte aber sind selten.

In der Schweiz ist die Entflechtung von Staat und Religion stecken geblieben, davon zeugt nur schon die Anrufung Gottes in der Bundesverfassung. Einzig in den Kantonen Genf und Neuenburg ist die Trennung beinahe vollständig. In der katholischen Zentralschweiz hingegen trifft man selbst in den Kantonsratssälen noch auf religiöse Symbolik.

Als 2001 der heutige Luzerner Kantonsratssaal umgebaut wurde, verschwand das grosse Kruzifix aus der Präsidialnische. Seither hängt im Zentrum des parlamentarischen Halbrundes ein dezentes, rund zwanzig Zentimeter hohes Kreuz. Es symbolisiere die «christliche Haltung unseres Parlaments», begründete damals der Regierungsrat das Festhalten an religiöser Symbolik. In der Luzerner Kantonsverfassung kommt die «Verantwortung vor Gott» noch vor jener gegenüber den Mitmenschen und der Natur.

Die Zuger Verfassung beruft sich zwar nicht auf Gott, im Kantonsratssaal hängt aber trotzdem ein Kreuz. Für den Zuger Regierungsrat hat es eine religiöse Bedeutung, ist «aber auch elementarer Ausdruck christlicher-abendländischer Tradition und unserer gesamten Wertordnung.»

Ein heikles Thema

Während in Luzern weder am Kantonsgericht, noch in den Bezirksgerichten Kreuze zu finden sind, hängt im Zuger Verwaltungsgericht ein solches. Unlängst verlangten die beiden Kantonsräte Manuel Brandenberg und Philip C. Brunner (beide SVP), dass auch im Obergericht eines anzubringen sei. Die 14-seitige Antwort des Regierungsrats auf dieses simple Begehren illustriert, wie delikat die Handhabung religiöser Symbole in öffentlichen Gebäuden ist.

In der Tat sei es schwierig, zu religiösen Symbolen im öffentlichen Raum allgemeingültige Regeln zu finden, denn die Interpretation dieser Symbole sei sehr subjektiv, erklärt der Luzerner Religionswissenschaftler Andreas Tunger-Zanetti. «Während für manche das Kreuz etwa für das kulturelle Erbe oder christlich-abendländische Werte steht, symbolisiert es für andere einen persönlichen Bezug zu Gott.»

Aus dem Verfassungsrecht und der bundesgerichtlichen Praxis lässt sich ein explizites Kreuzverbot weder ableiten, noch verneinen. Glaubens- und Gewissensfreiheit sind ein individuelles Grundrecht, verpflichten aber auch die gesamte Staatstätigkeit zur religiösen Neutralität. Nur: absolut ist diese nicht, weshalb Kreuze im öffentlichen Raum auch zulässig sind.

Weniger Kreuze in Schulzimmern

An Zuger Volks- und Kantonsschulen hängen heute nur noch vereinzelt Kreuze, wie eine Nachfrage zeigt. «Es liegt in der Kompetenz der Rektoren, an ihren Schulen Kreuze aufzuhängen», sagt der Zuger Bildungsdirektor Stephan Schleiss. Im Falle von Reklamationen sind die Rektoren angewiesen, pragmatisch zu handeln. «Bislang kam es aber nie dazu», so Schleiss.

In Luzern hallt derweil der «Fall Triengen» noch etwas nach, scheint es. 2010 musste die dortige Schulpflege auf Wunsch eines Vaters zwei Kreuze aus Primarschulzimmern entfernen. Die kantonalen Dienststellen für Volksschul- bzw. Gymnasialbildung äussern sich auf Anfrage nur knapp zum Thema: Kreuze seien an Schulen kaum mehr verbreitet und seit «Triengen» kein Thema mehr. An der Hochschule Luzern ist religiöse Symbolik gänzlich abwesend. Mit Ausnahme des «Raums der Stille» sucht man auch in den öffentlichen Räumlichkeiten der Universität vergeblich nach religiösen Symbolen.

Aus der Reihe tanzt derweil das Gymnasium St. Klemens in Ebikon, das mit dem Kanton eine Leistungsvereinbarung hat. Die Privatschule beruft sich ausdrücklich auf christlich-humanistische Werte, zählt aber auch Andersgläubige zur Schülerschaft. «Bei uns hängen in allen Schulzimmern dezente Kreuze», bestätigt Rektor René Theiler. Sie seien noch nie in Frage gestellt worden. Aber was wäre wenn? «Dann müssten wir die entsprechenden Kinder oder Eltern auf die freie Schulwahl hinweisen. Das Gymnasium ist ja keine obligatorische Schule.»

Sich dem Kreuz entziehen können

Tatsächlich ist Schule nicht gleich Schule. «In öffentlichen, mit religiösen Symbolen ausgestatteten Räumen stellt sich immer die Frage, ob man sich dort aufhalten muss oder nicht», stellt Religionswissenschaftler Tunger-Zanetti klar. «Es muss den Betroffenen möglich sein, sich dem Kreuz zu entziehen. Dies gilt auch, wenn das Bundesgericht festgehalten hat, dass Bürger a priori kein Recht darauf haben, vor jeglicher Konfrontation mit religiösen Symbolen oder Handlungen wie etwa dem sonntäglichen Glockenläuten verschont zu werden.» Ein gewisses Mass an Toleranz sei von jedem gefordert.

Doch wie verhält es sich, wenn man nach einem Unfall mit gebrochenen Beinen im Spitalbett liegt? Sowohl im Kantonsspital als auch in jenem in Luzern hängen nämlich in allen Patientenzimmern schlichte Kreuze. Dies sei ein «Ausdruck der christlichen Tradition» und entspreche «einem Bedürfnis der Mehrheit aller Patienten», argumentiert Mediensprecherin Ramona Helfenberger. Auf Wunsch würden die Kreuze aber entfernt. Gleichermassen agiert man im Kantonsspital Zug.

Zurückhaltung in Altersheimen

In den gemeinschaftlich genutzten Räumen der städtischen Alterszentren Luzerns sucht man derweil vergeblich nach religiösen Symbolen. Ihre Zimmer können die Bewohner nach freiem Willen gestalten. Christoph Furrer, stellvertretender Leiter des Betagtenzentrums Dreilinden in Luzern, weist auf den separaten Andachtsraum hin, der für religiöse Zwecke genutzt werden kann. «Dort hat es natürlich christliche Symbole, wir sind aber grundsätzlich konfessionell neutral.» Ein weiterer Raum kann für Anlässe selber eingerichtet werden.

Auch in den Zuger Alterszentren findet man religiöse Symbolik einzig auf den Zimmern oder in den Andachtsräumen. «Wir sind diesbezüglich sehr zurückhaltend», betont Margrit Berg, Leiterin des Betagtenzentrums Neustadt und ergänzt: «Die Anzahl nichtchristlicher Bewohner wird in Zukunft sowieso noch zunehmen.»

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1 Kommentare
  1. Martin von Reding, 24.08.2013, 10:20 Uhr

    Wer die Wurzeln abschneidet, weiss, dass der Baum -oder was immer es ist- kaputt geht. Dies ist bei jeder Pflanze so!
    Der Mensch besteht aus Geist, Körper und Seele. Die Seele braucht die Nahrung wie der Körper. Den Geist kann man -offenbar auch ohne Wurzeln- mit der Intelligenzia trainieren -wahrscheinlich ohne Nahrung-?
    Wer kann einen Körper ohne trinken, essen und schlafen erhalten? Seit Menschengedenken kann das niemand. Da die Seele auch gepflegt werden muss, ist nur die Frage WIE ?
    Wir haben die Freiheit -ein köstliches Gut- selbst zu entscheiden -im Unterschied zum Tier- ob wir mit oder ohne Gott leben wollen. Es gibt kein J/ein! Ja oder Nein, also stehen wir zu unseren christlich-abendländischen Wurzeln, die uns diesen heutigen Wohlstand und das Wissen gebracht haben.
    Wenn wir nun darüber diskutieren ob Kreuz oder nicht Kreuz, ob klein oder gross, ob dezent oder ???, dann drehen wir in der Dialektik die uns zerreisst, aber nichts mehr bringt! ??

    Doch, die Andersgläubigen -die Nichtchristen- sehen unseren Glaubensabfall, die Verleugnung unserer Herkunft, etc., etc,
    Der Zuger Regierungsrat -jedenfalls die, die gegen das Kreuz sind- sollte nicht mehr gewählt werden.
    Wenn man überlegt, dass die Firmen Kirchensteuer bezahlen müssen für keine Leistung, dann ist es nicht nur Abzocke sondern Betrug.
    Nun haben wir in öffentlichen Räumen -Spital, Schulen, Gerichte- nicht einmal mehr Kreuze? Für was sind denn die Steuern?
    Unrecht GUT, tut selten gut!
    Dieser Spruch wird dem Regierungsrat, dem Kantonsrat und allen Personen, die dazu die Entscheidung haben oder tragen sollten, keinen Segen bringen -trotz Zwangsabgaben von ungerechtfertigten Firmen-Kirchen-Steuern-!
    Also nicht nur ein Kreuz mit dem Kreuz, auch ein Kreuz mit den Steuern!
    Aber, wie lange noch?
    Hoffentlich ist das Volk so schlau und sagt zu solcher Abzockerei von Firmen-Kirchen-Steuern (wenn man schon keine Kreuze mehr will) eine kräftige und deutliche Absage!

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