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«Das können die Bewohner erst recht nicht bezahlen»
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Die Wohnungen in der Gartenstadt seien nicht mehr «zeitgemäss», findet der Zuger Stadtrat. Auf dem Foto eine der Liegenschaften an der Aabachstrasse. Die Bewohner fühlen sich glücklich in den günstigen, hellen Wohnungen. (Bild: mbe.)

Zuger Gartenstadt: Stadt kann nichts tun «Das können die Bewohner erst recht nicht bezahlen»

6 min Lesezeit 21.07.2015, 05:00 Uhr

Die kantonale Gebäudeversicherung und eine Zuger Baugenossenschaft halten daran fest, 13 Mehrfamilienhäuser in der Gartenstadt durch Neubauten ersetzen zu wollen. Die erfrischende Begründung: Man wolle für alle bauen. Nicht nur für diejenigen, die auf günstigen Wohnraum angewiesen sind.

Die Gartenstadt nahe des Bahnhofs ist eines der letzten klassischen Arbeiterquartiere der Stadt Zug. Die Neubaupläne in dieser Siedlung sorgen in Zug seit Monaten für Diskussionen und Proteste. Etwa bei den betroffenen Wohnungsmietern, die teilweise schon Jahrzehnte in den sehr günstigen Wohnungen mit einfachem Komfort zwischen Aabach- und Hertistrasse leben. Und mehr durch Zufall von den Plänen erfuhren (zentral+ berichtete).

Ein Komitee hat im Juni begonnen, Unterschriften für die Erhaltung des preisgünstigen Wohnraums zu sammeln. Angeführt wird der Protest von Astrid Estermann. Die grüne Grossgemeinderätin und Nationalratskandidatin wohnte bis vor einigen Jahren selbst in einem der Häuser. «Bis jetzt haben 500 Personen unsere Petition unterschrieben, darunter viele Betroffene aus der Siedlung, aber auch andere Zuger», sagt Estermann auf Anfrage. Man werde bis Ende September weiter Unterschriften sammeln und den Brief dann an die Grundeigentümer schicken. «Der Zuger Regierungsrat als Verwaltungsrat der Gebäudeversicherung erhält ebenfalls eine Petition», sagt Estermann.

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Nur noch 85 statt 100 Wohnungen

Auf politischer Ebene hat die Fraktion Alternative-CSP des Zuger Stadtparlaments im April eine Interpellation bei der Stadt Zug eingereicht. Ihr plakativer Titel: «Zerstörung von zirka einem Drittel des preisgünstigen Wohnraums in der ortsbildgeschützten Gartenstadt.» Laut den Interpellanten Monika Mathers-Schregenberger und Ignaz Voser sind 100 Wohnungen in 17 Häusern betroffen.

Nun liegt die Antwort des Stadtrats vor. Als Erstes kritisiert die Exekutive die Interpellanten, sie seien nicht richtig informiert über Zahlen und Akteure. Das erstaunt ob der spärlichen Information allerdings nicht wirklich. Die Gebäudeversicherung Zug (GVZG) besitzt 10 Mehrfamilienhäuser mit 64 Wohnungen im Gebiet. Die Baugenossenschaft Familia (BG Familia) ist Eigentümerin von 3 Blöcken mit 21 Wohnungen. Die Heimstätte AG Zug, welche keine Wohnbaugenossenschaft sei, sondern eine Aktiengesellschaft mit gemeinnützigen Zielen, besitzt 6 Mehrfamilienhäuser mit 36 Wohnungen.
Am geplanten Projektwettbewerb beteiligen sich aber gemäss Stadtratsantwort nur noch die GVZG und die BG Familia, aber nicht die Heimstätte AG Zug. Danach sind also nur 13 Häuser mit total 85 Wohnungen betroffen.

Heimstätte: Pläne nur aufgeschoben

Der Grund für die Kehrtwende: Vier der sechs Heimstätte-Häuser sind im Inventar schützenswerter Denkmäler verzeichnet. «Sie gehören zu den frühesten erhaltenen modernen genossenschaftlichen Wohnblöcken im Kanton Zug», schreibt die Stadt. «Aufgrund der Inventarisation gelten veränderte Rahmenbedingungen für die Erneuerung und Veränderung der Gebäude.» Die Heimstätte AG Zug habe keine konkreten Pläne für die Entwicklung ihrer Liegenschaften.

Wie gehts weiter?

Das Bauvorhaben in der Gartenstadt wird nun konkretisiert. Die beiden Grundeigentümer Gebäudeversicherung und Baugenossenschaft Familia führen einen Projektwettbewerb mit voraussichtlich 15 eingeladenen Architekturbüros im qualifizierten Verfahren durch. Auf der Grundlage der architektonischen Lösungsvorschläge solle dann ein qualitativ hochstehendes Bauprojekt ermittelt werden, heisst es in der Antwort des Stadrats auf die Interpellation. Richtschnur für das Wettbewerbsprogramm bildet das Gestaltungshandbuch Ortsbildschutzzone Gartenstadt. Die Grundeigentümer planten eine Arealüberbauung. Eine Bebauungsplanpflicht bestehe deshalb nicht. Das Vorhaben muss weder in den Grossen Gemeinderat noch in die BPK. Allenfalls wird sich die Stadtbildkommission damit beschäftigen müssen.

Erich Kalt, Verwaltungsratspräsident der Heimstätte AG Zug, bestätigt dies auf Anfrage. «Momentan machen wir nichts. Wir müssen aber in spätestens 10 Jahren renovieren.» Für die Wohnungen an der Hertistrasse und an der Aabachstrasse finde man – trotz günstiger Mietzinse – teilweise keine Mieter. «Viele Interessenten kommen schauen, sehen sich um, fragen nach einer zweiten Nasszelle und der eigenen Waschmaschine. Später sagen sie ab.» Dann mieteten «anspruchslose Personen» die Wohnungen. Man habe ein gutes Verhältnis mit den zumeist ausländischen Mietern, betont Kalt. «Wir wollen aber für die ganze Bevölkerung Wohnraum anbieten und nicht nur für eine bestimmte Gruppe.»Damit wiederholt er, was auch die anderen Grundeigentümer gegenüber zentral+ betont hatten: Man will andere oder einfach mehr Mieter ansprechen.

Das erstaunt. Noch 2010 hatte die Heimstätte AG Zug ihr Engagement in einer vom Zuger Historiker und GLP-Gemeinderat Silvan Abricht verfassten Jubiläumsbroschüre feiern lassen. Die Heimstätte sei «die älteste gemeinnützige Institution auf dem Gebiet des sozialen Wohnungsbaus im Kanton Zug», liest man. Der Titel der Broschüre: «100 Jahre günstig wohnen».

Angemessener Wohnkomfort ebenfalls wichtig

Zurück zur Interpellation: Die Alternative-CSP-Fraktion wollte auch wissen, wie sich die Stadtregierung dazu stellt, dass in der Gartenstadt Wohnungen entstehen, welche die finanziellen Möglichkeiten der heutigen Bewohner bei weitem übersteigen.

Der Stadtrat schreibt, es sei das Ziel der Stadt, dass preisgünstige Wohnungen «mit einem angemessenen Wohnkomfort» verfügbar seien. Die Gebäude von GVZG und BG Familia seien heute so günstig wegen ihrer einfachen Ausstattung. «Die Entwicklung der Liegenschaft obliegt den Eigentümern», so der Stadtrat. Mit den Neubauten sollten Wohnungen entstehen, die «angemessen und zeitgemäss» seien. «Der Stadtrat bedauert, dass mit dieser Entwicklung ausserordentlich günstiger Wohnraum verloren geht, kann die Gründe, die für einen Neubau sprechen, jedoch nachvollziehen.»

«Keine rechtliche Handhabe»

Die Frage, ob die Stadt im Sinne der Initiative «Wohnen in Zug für alle» nicht die Grundeigentümer überzeugen könnte, auch sehr (!) preisgünstigen Wohnraum zu erhalten, beantwortet der Stadtrat negativ. Die Stadt könne lediglich Überzeugungsarbeit leisten, habe aber keinerlei rechtliche Handhabe, den privaten Grundeigentümern entsprechende Auflagen zu erteilen.

Aus der Antwort geht aber auch klar hervor: Es ginge auch anders, ohne Abriss, mit einer sanften Sanierung. Das Zuger Baudepartement hat den Zuger Genossenschaften nämlich Wege aufgezeigt, wie sie ihre Liegenschaften sanieren und erweitern könnten. Es lud 2013 alle Zuger Genossenschaften zu einem Fachanlass zu diesem Thema ein.

Harald Klein: «Grundeigentümer sensibilisieren»

Im Juni 2014 nahmen Vertreter der bauwilligen Gartenstadt-Grundeigentümer – damals noch alle drei – an einer Besichtigung in Zürich teil und tauschten sich mit dortigen Wohnbaugenossenschaften aus. Der Zuger Stadtplaner Harald Klein nahm an der Besichtigung teil. Gemäss Klein war das Ziel der Tour, den Eigentümern Sanierungsprojekte zu präsentieren, bei denen mit dem baulichen Bestand gearbeitet wird. Also Umbau- und Erweiterungsprojekte statt Abriss und Neubau.

«Man kann beispielsweise zwei kleinere zu einer grösseren Wohnung zusammenlegen», erklärt der Stadtplaner. Andere Genossenschaften hätten einen Anbau an ein Haus erstellt und darin die Erschliessung oder Sanitäranlagen und Küche unterbracht. Geschossaufstockungen seien ebenfalls ein Thema gewesen. Klein: «Wir haben bewusst solche Projekte ausgewählt und angeschaut, um die Eigentümer für Alternativen zu sensibilisieren.»

Die Liegenschaftenbesitzer hätten sich interessiert gezeigt, sagt Harald Klein. «Sie sind aber bei ihrem Standpunkt geblieben. Die Grundeigentümer favorisieren klar den Weg, die bestehenden Bauten durch Neubauten zu ersetzen.»

Interpellanten enttäuscht von Antwort

Interpellantin Monika Mathers-Schragenberger (CSP) sagt auf Anfrage, die Interpellationsantwort sei aus ihrer Sicht weniger als nur dürftig. «Ich bin sehr enttäuscht und werde im Grossen Gemeinderat auch entsprechend darauf eingehen.» Zur Kritik an den Fakten meint die Gemeinderätin, man habe sich auf eine Publikation von Ernst Basler und Partner im Internet gestützt.
Eine kurze Nachprüfung von zentral+ ergibt: Die Firma nennt die Heimstätte Zug AG als einer von drei Auftraggebern für die Studie zur Projekt und Quartierentwicklung Gartenstadt auch heute noch frischfröhlich.

Weniger gut erging es der Interpellantin. Sie sei telefonisch und in einem Brief persönlich angegriffen worden von Vertretern der Heimstätte AG Zug, weil sie diese in der Öffentlichkeit zu den Abbruchwilligen gezählt hätte, erklärt Mathers-Schregenberger.
Was sagt Verwaltungsrats-Präsident Erich Kalt dazu? Er gibt zu, dass die Emotionen hoch gegangen sind. «Es wäre aber schön, wenn sich auch die Interpellanten an die Fakten halten würden», sagt der ehemalige Zuger CVP-Gemeinderat und Zuger Anwalt.

Nicht mehr zeitgemäss?

Auch Astrid Estermann ist nur teilweise zufrieden mit der Antwort des Stadtrats. «Dass die Stadt sich für die Renovation der Liegenschaften eingesetzt hat, kommt in der Antwort des Stadtrat nur schwach rüber», sagt Estermann. Besonders sauer stosse ihr die Aussage auf, die Wohnungen seien nicht mehr «zeitgemäss». «Die betroffenen Häuser sind keine Abbruchobjekte, das tönt aber ganz so», sagt die Zuger ALG-Gemeinderätin. Die neuen Wohnungen würden zwar zeitgemäss werden, aber später 1000 Franken mehr kosten, was über dem Einkommen der heutigen Bewohner liege. «Die Gebäudeversicherung hat sogar gesagt, im mittleren Segment bauen zu wollen. Das können die Bewohner erst recht nicht mehr bezahlen.»

Rolle des Regierungsrats klären

Sie frage sich, ob der Regierungsrat als Verwaltungsrat der Gebäudeversicherung Zug dieser vielleicht einen Auftrag für eine höhere Rendite gegeben habe. Die Renovation der betroffenen Liegenschaften, findet Estermann, sei möglich. Eventuell will die ALG auch auf Kantonsebene einen Vorstoss wegen der Gartenstrasse einreichen.

Sehen so Abbruchliegenschaften aus? Man traut seinen Augen kaum.

Sehen so Abbruchliegenschaften aus? Man traut seinen Augen kaum.

(Bild: mbe.)

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