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Das kleine Theater, wo jede alles macht
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Letzte Kulturtankstelle: Das Luzerner Kleintheater am Anfang seiner Zeit.   (Bild: Archiv Kleintheater)

Gratulation: Das Luzerner Kleintheater wird 50 Das kleine Theater, wo jede alles macht

4 min Lesezeit 15.09.2017, 15:47 Uhr

Auch wenn der Kultur in Luzern derzeit ein kalter Wind um die Nase pfeift, es gibt immer was zu feiern. Diesen Herbst ist es das Kleintheater Luzern, das seinen 50. Geburtstag begiessen darf. Doch Ausruhen kommt hier nicht infrage.

Das Jahr 2017 scheint das Jahr der Kleintheater zu sein: 50 Jahre Kleintheater Luzern, 50 Jahre Kellertheater Bremgarten und gar 60 «Fauteuil» in Basel wird gefeiert. Rund 400 Kleintheater gibt es heute in der Schweiz – eine Dichte, die weltweit spitze ist.

Mit seinen 50 Jahren ist das Theater am Bundesplatz eines der ältesten Kleintheater der Schweiz und eines der renommiertesten. Und der Erfolg hält an. In der vergangenen Saison empfing das Theater rund 20’000 Zuschauer – 4’000 mehr als budgetiert. Das neue Team hat seinen Weg gefunden.

«Das Kleintheater hat diese ungezwungene Nähe zwischen Künstlern und Publikum.»
Barbara Anderhub, ehemalige Co-Leiterin des Kleintheaters Luzern

Buntes Programm für ein buntes Publikum

Sonja Eisl und Judith Rohrbach übernahmen im April 2016 gemeinsam die Co-Leitung des Kleintheaters Luzern. «Es geht uns gut», sagt Eisl zufrieden und Rohrbach ergänzt: «Wir haben den Schlüssel gefunden, der funktioniert. Eine Mischung, bewusst aus grösseren Namen und Produktionen, die mehr Mainstream sind. Aber auch solche, die kleinere Publika ansprechen, uns gefallen und dem bunten Publikum, welches im Kleintheater zu Hause ist.» Pro Saison besteht das vielseitige Programm derzeit aus rund 160 Vorstellungen von rund 80 Produktionen.

Vom Tele-Café zum Kleintheater

Die kleine Bühne lässt seit 1967 grosse Namen auffahren. Mit dem prominenten Begründer ist das auch kein Wunder: Gegründet wurde das Kleintheater von Emil und Maya Steinberger. Sie wollten freischaffenden Bühnenkünstlern Auftrittsmöglichkeiten verschaffen und machten aus dem damaligen Tele-Café ein Zuhause für die Kleinkunst.

Das ist es bis heute geblieben. «Das Kleintheater hat diese familiäre Atmosphäre und diese ungezwungene Nähe zwischen Künstlern und Publikum», sagt Barbara Anderhub, die das Haus gemeinsam mit Pia Fassbind bis 2014 führte.

Das Tele-Café am Bundesplatz. Ein Ort für all die Luzerner ohne eigenen Fernseher.

Das Tele-Café am Bundesplatz. Ein Ort für all die Luzerner ohne eigenen Fernseher.

(Bild: Archiv Kleintheater)

Die Räume wurden bei der Übernahme fast genauso beibehalten wie zuvor, als sich die Luzerner Hausfrauen die eigens im oberen Stock produzierten Kochsendungen unten im Tele-Café anschauten.

Von den extrem engen Platzverhältnissen im Haus zeugt heute noch die schmale Treppe vom Backstage auf die Bühne, welche auch schon Künstler dazu zwang, ihren Auftritt aussen herum anzugehen.

Trouvaillen und Facelifting

Schräge Geschichten und Anekdoten aus dem Kleintheater gibt es zuhauf. Zum Jubiläum wird daraus im Haus in vier Etappen eine Ausstellung von Wada und Silvia Hess-Jossen gestaltet. Die beiden haben sich durch das Archiv des Kleintheaters gekämpft und präsentieren die Trouvaillen nun dem Publikum.

Darin kommen neben dem Schweizer Aushängeschild Emil auch die ehemaligen Kleintheater-Leiterinnen Marianne von Allmen und Heidi Vockinger zu Wort.

Zahlreiche witzige Briefe von der ehemaligen Kleintheater-Leiterin Marianne von Allmen finden sich im Archiv.

Zahlreiche witzige Briefe von der ehemaligen Kleintheater-Leiterin Marianne von Allmen finden sich im Archiv.

Zum 50-Jährigen gibt es zudem ein Facelifting: Die Bar wurde neu gestaltet, die Webseite und die Programmzeitung folgen. Eine vierteilige Eigenproduktion haben sich die Leiterinnen ebenfalls gegönnt, bei welcher sie mit den lokalen Theaternamen Reto Ambauen, Christoph Fellmann, Patric Gehrig, Christov Rolla und Martina Binz aufwarten.

Wenn Politik die Kultur bedroht

Co-Produktionen mit lokalen Gruppen und Auftritte regionaler Künstler sind ein wichtiger Teil des Programms im Kleintheater. Ein Teil, welcher durch die aktuellen Sparmassnahmen des Kantons, welcher besonders die Freie Szene betrifft, bedroht ist. Gerade liegt deswegen eine Produktion der lokalen Gruppe «Zell:stoff», die im kommenden Frühling im Kleintheater aufgeführt werden sollte, auf Eis.

Der Film

Zum 50-Jahr-Jubiläum bringen die Filmemacher Jörg Huwyler und Beat Bieri einen Dokfilm heraus. «Emil und die Kleintheaterdirektoren – Wer sich und andern eine Bühne baut» ist erstmals im Rahmen des Jubiläumsfestes am 16. September im Kleintheater zu sehen.

Der 52-minütige Film läuft anschliessend am Sonntag, 17. September um 11.55 Uhr in der Sendung «Sternstunde Kunst» auf SRF 1 und in der Wiederholung um 23.30 Uhr.

Da verwundert es nicht, dass sich die beiden Leiterinnen des Kleintheaters, Sonja Eisl und Judith Rohrbach, auch beim aktuellen Protest gegen die Streichung von Kulturgeldern stark einsetzen. Als lebendige Transparente gingen sie gegen die Sparmassnahmen des Kantons auf die Strasse und auch ins kalte Nass (zentralplus berichtete).

Bereits 2009 hat sich das Kleintheater bei der Aktion «Gelbe Schuhe» kulturpolitisch engagiert, erinnert sich Barbara Anderhub. Damals wurde gegen die Idee der Stadt demonstriert, das Luzerner Theater auf die Sparte Musiktheater zu reduzieren. In solchen Situationen brauche es unbedingt ein dezidiertes Engagement, findet Anderhub. Sie gibt aber auch zu bedenken: «Es ist eine Gratwanderung, sich ausserhalb von kulturpolitischen Anliegen politisch zu positionieren.»

Sonja Eisl (links) und Judith Rohrbach wühlen sich durch alte Fotografien vom Kleintheater.

Sonja Eisl (links) und Judith Rohrbach wühlen sich durch alte Fotografien vom Kleintheater.

(Bild: jav)

Neuer Elan, neue Leidenschaft

Von 2004 bis 2014 leiteten Anderhub und Fassbind das Kleintheater gemeinsam und verbrachten damit mehr Zeit gemeinsam als mit ihren Ehemännern zu Hause. Der Abschied fiel dementsprechend schwer (zentralplus berichtete).

«Aber es war der perfekte Zeitpunkt, um aufzuhören», ist Anderhub überzeugt. «Es war Zeit für uns, neue Wege zu gehen.» Zudem sei gerade Routine etwas, das einem Haus wie dem Kleintheater schnell gefährlich werden könne, so Anderhub. «Dieser Elan in den ersten Jahren, wie ihn Sonja und Judith jetzt haben, die Leidenschaft und die vielen neuen Ideen, mit welchen die beiden ans Werk gehen, das ist es, was so ein Haus braucht.»

Da die personellen Ressourcen extrem knapp sind, macht im Kleintheater jeder alles. «Wir schleppen Tische, führen Subventionsgespräche, stellen das Programm zusammen, schmeissen die Bar», sagt Judith Rohrbach lachend. Das sei gleichzeitig der Nachteil und der Vorteil: «Man muss extrem flexibel bleiben und darf sich für nichts zu schade sein», so Eisl.

Eine Wand aus Erinnerungen und Plakaten ziert neuerdings das Kleintheater.

Eine Wand aus Erinnerungen und Plakaten ziert neuerdings das Kleintheater.

(Bild: jav)

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