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«Das ist einfach grässlich, ein besonders schöner Fall»
  • Gesellschaft
Leuchtet freundlich in die Nacht hinaus: Dieser Liftschacht in der Baarer Gemeindeverwaltung pustet für 750 Liter Erdöl Energie in den Himmel. (Bild: André Masson )

Kampf der Energieverschwendung «Das ist einfach grässlich, ein besonders schöner Fall»

6 min Lesezeit 27.12.2014, 12:00 Uhr

Ein ehemaliger Physiklehrer durchkämmt die Nacht nach Energieverschwendung – und landet immer wieder bei der Baarer Gemeindeverwaltung. Eine Mission mit Wärmebildkamera, Impertinenz und netten Briefen an die Hauseigentümer.

Sein Kreuzzug ist einer aus Leidenschaft. Er führt ihn seit Jahrzehnten. «Wie komme ich bei den Leuten damit an», fragt André Masson seine Frau, «gelte ich als Spinner?» Sie lacht und enthält sich jeden Kommentars.

André Masson ist pensionierter Physiklehrer der Kantonsschule Zug, hat dreissig Jahre lang der Zuger Jugend beigebracht, was es mit Erdanziehung und Dichte auf sich hat. Und gleichzeitig, immer Anfang Winter, geht Masson auf die Jagd. Schnallt sich seine Wärmebildkamera um und läuft durch die Strassen. Und freut sich wohl auch ein bisschen, wenn er etwas erwischt: Leuchtende Wärmeinseln in tief violetter Kälte, undichte Dämmungen, verzogene Türen, offene Schachte leuchten ihm auf dem Kamerabildschirm verheissungsvoll entgegen. Das sind alles Gelegenheiten, massiv Energie zu sparen.

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Zumindest wenn es nach Masson geht. Er schickt den Eigentümern von undichten Häusern nette Briefe – und klärt sie über die Energieverschwendung an ihren Immobilien auf. «Die einen freuen sich darüber», sagt Masson und freut sich auch.

Baar ist undicht

Die Baarer Gemeindeverwaltung freut sich nicht besonders. Massons Bilder zeigen: Seit Jahren ist die Gemeindeverwaltung undicht, ein offener Liftschacht pustet warme Luft in die kalte Winternacht. «Das ist einfach grässlich», sagt Masson, «ein besonders schöner Fall.» Ein anderer solcher Fall hat ihm ein Hausverbot für gemeindliche Gebäude eingebrockt. Er lacht und sagt: «Naja, das war so ein Spruch.»

«Ich gehe davon aus, dass wir, wenn wir so weiter machen, ohne Zweifel untergehen werden»

André Masson, pensionierter Physiklehrer

Masson ist ein Wärmequerulant. Ein Physiker mit gesellschaftlicher Mission. «Die habe ich mir natürlich selber gegeben. Aber trotzdem ist das meine Aufgabe.» Warum das? «Naja, das hält mich auf Touren. Sehen Sie, ich gehe davon aus, dass wir, wenn wir so weiter machen, ohne Zweifel untergehen werden.»

Das gehe so schief mit der Menschheit, das könne man als Einzelperson gar nicht noch schlimmer machen. «Da habe ich eine recht düstere Lebensphilosophie. Aber sie gibt mir auch grosse Freiheit: Wenn man nichts mehr verschlechtern kann, lässt sich nur noch gewinnen. Ich versuche es einfach.»

Ein Megawatt Computerwärme in den Himmel blasen

Er habe zwar kein Recht, sagt er, private Hausbesitzer anzumahnen. «Aber bei einer Gemeindeverwaltung nehme ich mir das Recht heraus. Ich fordere einfach, dass sie diesen Liftschacht abdecken.»

Die Baarer Gemeindeverwaltung ist nicht die einzige, die von ihm Briefe bekommt. Masson ist zwar schon etwas ergraut, aber Energie hat er einige: Kürzlich hat er versucht, in seiner neuen Heimat Langenthal eine Firma ihrer Abwärme zu enteignen, weil sie ein Megawatt Computerabwärme in den Himmel bläst, ohne Pause. Damit hätte man einen Teil des Quartiers beheizen können.

«Das hat leider nicht funktioniert», sagt Masson und trinkt einen Schluck Kaffee. Und schüttelt mit Bedauern den Kopf. «Für solche Enteignungen gibt es die Gesetze noch nicht. Aber es braucht eigentlich auch nicht mehr Gesetze. Es muss nur die Energie teurer werden, dann wird schlagartig weniger verschwendet.»

Energie von 750 Litern Heizöl verschwendet

Dass Masson kein Spinner ist, das sollte sofort und jedem klar sein, der sich seine Argumente anhört: Energie wird durch undichte Häuser verschwendet, durch Missachtung und Desinteresse. Und das geht nur, weil sie so billig ist. Dass Energie aber ein knappes Gut ist, etwas, das nicht verschwendet werden sollte, etwas das man enteignen könnte, wenn jemand nicht sorgfältig damit umgeht, für diese Debatte ist die Schweiz offenbar auch nach dreissig Jahren Massonscher Impertinenz noch nicht bereit.

Und erst recht nicht die Gemeindeverwaltung in Baar, zumindest bis jetzt nicht. «Das ist ein Bau von Alfred Müller», sagt Masson, «ich habe ihm und der Gemeindeverwaltung schon diverse Male geschrieben, dass der Liftschacht keine Klappe hat.» Normalerweise und vom Bund vorgeschrieben hat jeder Liftschacht eine Entrauchungsöffnung, damit bei Feuer der Rauch aus dem Lift abziehen kann. Nur dann muss ein Liftschacht offen sein – sonst müsste er mit einer Klappe geschlossen sein. Der in Baar ist immer offen. Und wirkt wie ein Kamin, zieht die warme Luft aus allen Etagen nach draussen.

«Im nächsten Jahr werden wir das prüfen und schauen, was sich machen liesse»

Paul Langenegger, Baarer Bauchef

Masson schnappt sich Stift und Papier und rechnet aus: «Wenn man die Energie wieder hereinholen müsste, die Baar in den letzten zehn Jahren nur durch diesen einen Liftschacht verschwendet hat, dann müsste die Gemeinde 60 Quadratmeter Solarpanele aufstellen und sie zehn Jahre laufen lassen. Oder Bäume pflanzen, die pro Jahr vier bis fünf Kubikmeter Holz produzieren, um das CO2 auszugleichen.» Im Liftschacht der Bibliothek geht jeden Winter die Energie von umgerechnet 750 Litern Heizöl verloren.  

Nicht verschlafen, aber doch liegengeblieben

Massons nächster Brief an die Baarer Verwaltung liegt schon vor, und diesmal scheint er angekommen zu sein: «Wir haben das, nun ich will nicht sagen verschlafen», sagt Bauchef Paul Langenegger, «aber es ist doch etwas liegengeblieben.» Er meint André Massons Brief an die Gemeindeverwaltung von 2012. «Aber im nächsten Jahr werden wir das prüfen und schauen, was sich sinnvoll machen liesse.» Dauert das so lange, weil die Gemeindeverwaltung Massons Anliegen nicht ernst nimmt? «Auf jeden Fall nehmen wir das ernst. Ich hatte mit Herrn Masson schon gute Gespräche.»

Solche Dinge könnten in einer Gemeindeverwaltung nun auch mal untergehen, sagt er. Langenegger war damals auch noch nicht Gemeinderat. Was er grundsätzlich von Massons Kampf gegen die Energieverschwendung hält? «Es wird wichtiger werden, dass man über das Energiesparen nachdenkt. Aber man muss es mit gesundem Menschenverstand tun. Man sollte sich da nicht verrennen. Manchmal ist es nicht sinnvoll, etwas zu reparieren, auch wenn man es tun könnte.»

Keine Alterssturheit, war schon immer so

Masson verrennt sich nicht. Der Kampf gegen die Energieverschwendung ist keine Alterssturheit. Es ist ein Lebensprojekt. Schon bevor er bei der Kantonsschule Zug angeheuert hat, war er mit einer Wärmebildkamera durch die Schweiz unterwegs, für ein Forschungsprojekt. «Damals war das Ding so gross, man musste es zu zweit tragen.»

Heute ist alles viel handlicher. Den Job an der Kanti hat er bekommen, weil er Wärmebilder zum Vorstellungsgespräch mitgenommen hat. Seit damals hat seine persönliche Mission schon einige Früchte getragen. «Ganz kleine. Zum Beispiel die Rathausapotheke in Baar, bitte lobend erwähnen. Die haben reagiert, haben neue Schaufenster eingesetzt. Das ist wunderbar.»

Auch beim Schwesternhaus in Baar konnte ein mittleres Leck gestopft werden. Bei den anderen lässt Masson nicht locker. Ein undichtes Fenster im Chamer Städtlischulhaus hat er schon so lange immer wieder dokumentiert, dass die Tännchen davor auf den ersten Bildern noch winzig sind, auf den neuesten mittlerweile grossgewachsen. «Die schönen Stellen, die pflege ich. Also die furchtbaren Stellen.»

Und wird sie weiter pflegen. Denn irgendwann wird die Energie knapp werden, sagt Masson. «In 50 Jahren werden wir zurückschauen und denken: Was haben wir uns damals nur gedacht.»

Der Energieverschwendung seit Jahrzehnten auf der Spur: André Masson mit Wärmebildkamera.:

Der Energieverschwendung seit Jahrzehnten auf der Spur: André Masson mit Wärmebildkamera.:

(Bild: zvg)

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