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Das ist der Mann, der Luzern smarter machen will
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Stefan Metzger will als Digitalchef die Stadt Luzern fit machen für die Zukunft. (Bild: zvg/montage wia)

Stefan Metzger ist Digitalisierungsexperte Das ist der Mann, der Luzern smarter machen will

7 min Lesezeit 2 Kommentare 22.03.2020, 12:00 Uhr

Das Timing ist perfekt. Der neue Digitalchef der Stadt Luzern hat genau zu dem Zeitpunkt seinen neuen Job angefangen, an dem digitale Lösungen elementar werden. Die Corona-Krise ist in vielerlei Hinsicht eine Katastrophe, für die Digitalisierung ist sie eine Chance.

Eigentlich hätte Stefan Metzger deutlich gemächlicher in seinen neuen Job starten sollen. Doch die Corona-Krise hat der Gemächlichkeit ein abruptes Ende gesetzt und dafür gesorgt, dass der neue Chief Digital Officer der Stadt Luzern ziemlich gefordert wird. Sein Job: Dafür zu sorgen, dass die Stadt fit ist für die Digitalisierung. Die Pandemie und das damit verbundene Zwangs-Homeoffice für viele ist seine erste Bewährungsprobe.

Weil das zunächst sehr abstrakt klingt, haben wir Metzger für ein Interview angefragt. Dieses findet statt in Metzgers Büro per Telefon statt, von Homeoffice zu Homeoffice quasi.

zentralplus: In den Bereich Smart City gehört unter anderem auch das flexible Arbeiten, etwa das Arbeiten im Homeoffice, um den Verkehr zu entlasten. Weil durch das Corona-Virus die Not gross ist, müssen sich plötzlich alle Firmen und Organisationen mit dem Thema befassen. Das dürfte Ihnen gelegen kommen.

Stefan Metzger: Ich wünschte mir, dass diese Entwicklung unter anderen Umständen passieren würde. Aber ja, nun werden wir plötzlich gezwungen, flexibel zu werden in unserer Arbeitsweise. Es entsteht eine Dringlichkeit, die viele Hürden einreisst. Das ist hilfreich und wertvoll für alles, was nachher kommt. Auch sehen wir so, was die Herausforderungen sind, die an die Stadt gestellt werden.

zentralplus: Von welchen Herausforderungen sprechen Sie?

Metzger: Die Stadt steht in der Verantwortung, mit seinen Anspruchsgruppen mitzuwachsen. Vor dreissig Jahren wohnte man meist noch dort, wo man arbeitete. Doch die Welt hat sich verändert. Viele haben einen langen Arbeitsweg, sind mobiler. Auch die Wirtschaft reagiert viel schneller auf ihre Umgebung. Die Stadt muss da mitgehen, gleichzeitig jedoch einen sicheren Wert bilden. Flexibel sein und trotzdem verlässlich.

zentralplus: Ihre Aufgabe als Digitalisierungs-Chef ist es, ein ganzes Team aufzubauen, das sich damit beschäftigt, die Stadt «smarter» zu machen. Was gehört in diesen Themenbereich?

Metzger: Wir teilen es in drei Themenfelder auf. Zum einen geht es um die städtische Infrastruktur. Public Wifi gehört dazu, oder Sensoren, die man an verschiedenen Standorten in der Stadt aufstellt und mit denen man die Schadstoff- oder Pollenbelastung messen kann. Ein zweites Themenfeld sind die verwaltungsinternen Abläufe. Wie können diese schneller, effizienter gestaltet werden und mit welchen Werkzeugen? Da gehört das Thema Work Smart hinein, oder aber das Dokumentenmanagement. In diesem Bereich ist innerhalb der Stadt schon viel gemacht worden. Das ist nur weniger gut sichtbar gegen aussen.

zentralplus: Und der dritte Themenbereich?

Metzger: Hier geht es um den Serviceteil. Wo kann man der Bevölkerung auch direkt erlebbaren Mehrwert liefern? Etwa, indem der Online-Schalter ausgebaut wird, oder aber eine Chatfunktion geschaffen wird, mit der die Bevölkerung eins zu eins mit der Stadt kommunizieren kann. Wir arbeiten intensiv an diesen Themen, denn gerade in der aktuellen Corona-Krise macht dieses Angebot Sinn.

«Sehr schnell mündete die Startphase jedoch in eine Ausnahmesituation mit vielen Herausforderungen.»

Stefan Metzger, neuer Digitalchef der Stadt Luzern

zentralplus: Es klingt, als hätten Sie keinen besonders entspannten Start gehabt bei der Stadt Luzern.

Metzger: Anfangs war noch nicht ganz klar, ob die Situation betreffend Corona so extrem würde. Sehr schnell mündete die Startphase jedoch in eine Ausnahmesituation mit vielen Herausforderungen. Doch kann ich auf ein Team zurückgreifen, das bereits toll funktioniert und sehr flexibel ist. Die Nutzung neuer Technologien und Werkzeuge ist nun umso wichtiger geworden, um die neue Abteilung zu formieren und sehr schnell Mehrwert für Stadt und Bevölkerung zu erzeugen.

zentralplus: Wo steht denn die Stadt Luzern bezüglich Smart City, wenn man sie mit anderen Schweizer Städten vergleicht?

Metzger: Ich würde sagen, Luzern ist in guter Gesellschaft. Keineswegs abgeschlagen, jedoch auch nicht an vorderster Front. Wie gesagt, es wurde bereits viel gemacht, vieles davon jedoch im Verborgenen, etwa indem sich die Verwaltung laufend selber optimiert. Doch geht es auch nicht darum, möglichst viel Technologie anzuwenden um jeden Preis.

zentralplus: Wie meinen Sie das?

Metzger: Es geht vielmehr darum, intelligent vorzugehen, um die Infrastruktur gezielt zu entwickeln. Wenn wir die Realität besser verstehen, können wir besser planen.

«Wir können Probleme mit High-Tech-Methoden verstehen, um sie dann low-tech und damit sehr nachhaltig umzusetzen.»

zentralplus: Wie könnte das aussehen?

Metzger: Als Beispiel. Wenn wir etwa Sensoren einsetzen, welche die Luftqualität und vor allem die CO2-Belastung an verschiedenen Standorten messen, dann können wir genau dort Grünflächen schaffen, wo der positive Effekt am grössten ist. Wir können Probleme mit High-Tech-Methoden verstehen, um sie dann low-tech und damit sehr nachhaltig umzusetzen. Wir können noch so digital sein, Strassen bleiben analog. Doch auch im Bereich der Mobilität ist viel möglich.

zentralplus: Was denn beispielsweise?

Wenn wir noch besser verstehen, wie sich die Pendlerströme verhalten, kann man das ÖV-Angebot noch besser planen oder auch die Velo-Infrastruktur gezielt ausbauen. Zudem kennen wir alle das Bild, dass sich der Verkehr morgens auf der einen Seite staut und auf der Gegenfahrbahn ist das Verkehrsaufkommen gering und abends genau umgekehrt. Was wäre, wenn man die Spuren dynamisch gestaltet, zum Beispiel den Mittelstreifen verschieben könnte? Das ist noch Zukunftsmusik, doch müssen wir in diese Richtung denken. Ausserdem gäbe es die Möglichkeit, Verkehrsspitzen zu brechen.

zentralplus: Sprechen Sie Homeoffice an?

Metzger: Gängig ist, dass jemand beispielsweise an einem Tag in der Woche Homeoffice macht. Das könnte man aber auch anders umsetzen: Morgens erst von zuhause aus arbeiten und erst später ins Büro fahren. So kann man die Stosszeiten gut umgehen. Ich habe das selber oft so gemacht, als ich noch nach Zürich oder Bern gependelt bin. Das bedingt jedoch, dass Firmen und vor allem Teams eine gewisse Flexibilität aufweisen. Es braucht hier ein Umdenken.

«Ist es Arbeitgebern wichtiger, dass die Mitarbeiter gute Ergebnisse bringen oder 8 Stunden anwesend gearbeitet haben?»

zentralplus: Ebenfalls bedingt das ein gewisses Vertrauen des Arbeitgebers.

Metzger: Es geht mehr um die Frage: Geht es den Arbeitgebern eher darum, Arbeitszeit zu messen oder das Arbeitsergebnis? Ist es ihnen wichtiger, dass die Mitarbeiter gute Ergebnisse bringen oder 8 Stunden anwesend gearbeitet haben? Eine flexiblere Gestaltung der Arbeit wird auch zu einer flexibleren und dadurch effektiveren Nutzung von Räumen führen.

zentralplus: Dass etwa Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz vermehrt teilen?

Metzger: Ja. Es geht nicht darum, Arbeitnehmern ihren Platz wegzunehmen. Arbeitsplätze werden heute viel zu wenig genutzt, meist nur wenige Stunden im Tag. Im Prinzip sind heutige Büroflächen ziemlich verschwenderisch. Das ginge deutlich effektiver und würde im Endeffekt auch die Energiebilanz eines Gebäudes in einem anderen Licht dastehen lassen.

«Wir sind die erste Stadt in der Schweiz, die eine eigenständige Digitalabteilung auf die Beine stellt.»

zentralplus: Sie haben vorhin erwähnt, in welchen Bereichen Luzern schon gut dasteht. Hand aufs Herz: Wo hat Luzern in Sachen Digitalisierung Nachholbedarf?

Metzger: Wir alle tun uns schwer, Themen zu bündeln, also die bereichsübergreifende Zusammenarbeit zu verbessern. Das geht jeder Stadt gleich. Wir sind die erste Stadt in der Schweiz, die eine eigenständige Digitalabteilung auf die Beine stellt. Natürlich gibt es im Bereich Services Potential, da die Erwartungen der Anspruchsgruppen, also etwa das Gewerbe oder die Einwohner, sich laufend entwickeln.

zentralplus: Sie sagen, Luzern ist die erste Schweizer Stadt mit einer Digitalabteilung. Das klingt nach Vorreiterrolle.

Metzger: Stimmt. Nicht einmal Zürich hat eine dedizierte Dienstabteilung dafür. Das muss man schon sagen, da hat Luzern sehr fortschrittlich gehandelt und rechtzeitig gemerkt, dass man sich in einem Kulturwandel befindet.

zentralplus: Nun nehme ich jedoch an, dass ihre erste Aufgabe darin liegen wird, dass der Betrieb der Stadt trotz Krise so gut wie möglich läuft?

Metzger: Genau. Wir sind auf ganzer Linie gefordert. Mir persönlich ist es ein Anliegen, in der aktuellen Situation mit unseren Möglichkeiten bestmöglich zu unterstützen. Da muss man auch kreativ sein. Das gehört sicher auch in unsere Rolle rein: Dass wir querdenken. Wir haben als Digitalteam zwar kein Sonderrecht, doch wohl eine Sonderstellung. Unsere Rolle ist es auch, neue Wege aufzuzeigen und unser Know-how über die technologischen Möglichkeiten einzubringen. Es gilt jedoch stets, die Menschen, Mitarbeiter genauso wie Einwohner, ins Zentrum zu stellen.

zentralplus: Heisst?

Metzger: Technisch ist noch viel möglich. Doch müssen die Mitarbeiter Veränderungen auch mittragen. Wir verstehen uns quasi als Reiseleiter und wollen so viele Menschen wie möglich auf diese Reise mitnehmen.

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2 Kommentare
  1. Hugo Ball, 24.03.2020, 21:56 Uhr

    Interessant und aufschlussreich: Die Kinder von Managern, Ingenieuren und Entwicklern der Tech-Branche im Silicon Valley besuchen immer öfter analoge Erziehungseinrichtungen oder Waldorf-Schulen, die völlig auf den Einsatz von Technik verzichten – und dies absolut bewusst und konzeptuell durchdacht! Die müssen’s ja wissen. Mir scheint, als wäre doch nicht alles Gold, was glänzt!

    1. Joseph de Mol, 24.03.2020, 22:30 Uhr

      Hier greift dann wohl der uralte Leitsatz: Halt du sie doof, ich halt sie arm!! Version 2020…

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