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«Das Imperium schlägt zurück»
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Die Krienser Hip Hop-Gruppe «Geiler As Du»: Einer der vielen Bausteine des aktuellen Luzerner Hip Hop-Hypes. (Bild: GeilerAsDu )

Hip Hop in Luzern und Zug «Das Imperium schlägt zurück»

8 min Lesezeit 6 Kommentare 27.01.2014, 06:01 Uhr

Die Zentralschweiz war in den neunziger Jahren an vorderster Front, als der Schweizer Hip Hop salonfähig wurde. Dann tauchte die Szene ab und überliess der Rockgitarre kampflos das Feld. Nun melden sich die Hip Hopper im grossen Stil zurück.

Immer in der ersten Januarwoche verleiht Radio 3FACH den «Kick Ass Award» für den besten Song des vergangenen Jahres. Eine Tradition, wie sie seit 13 Jahren durchgeführt wird. Alles andere als traditionell war dieses Jahr der Gewinnersong: Zum ersten Mal in der Geschichte der 3FACH-Preisverleihung gewann mit dem Song «Fallschirm» von der Band «Moskito» ein echter Hip Hop-Song. Überhaupt: Es ist das erste Mal, dass sich in der Zentralschweiz der Hip Hop bei einem wirklich prestigeträchtigen Award durchsetzte. Betrachtet man den Hip Hop in Luzern und Zug von seinen Anfängen bis heute, findet man eine Geschichte mit vielen Hochs und Tiefs.

Die goldenen 90er Jahre

Die Geburtsstunde des Schweizer Hip Hop müssen die Städte Luzern und Zug anderen überlassen. Es waren vor allem Bern und Basel, welche zu Beginn der 90er Jahre damit begannen, den amerikanischen Trend des Sprechgesangs in die Schweiz zu importieren.

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Führend waren dabei die Stadt Basel mit der Band «P-27» und dem Rapper «Black Tiger» (Urs Baur). Ihr Song «Murder by dialect» wird heute noch oft als DER erste Song mit schweizerdeutschen Rap-Passagen gehandelt. Das war im Jahr 1991.

Bis die Stilrichtung den Weg in die Zentralschweiz fand, sollte es noch ein paar Jahre dauern. 1996 veröffentlichten dann die in Luzern stationierten «Wrecked Mob» ihr erstes Album. Die Band war ein Zusammenschluss von damals angesagten Szenegängern aus allen Teilen der Schweiz: «Shape» (Emanuele de Caro), «Spooman» (Felix Jakob) und «Zora» (Bianca Angela Litscher) waren die bekanntesten Protagonisten von total acht Personen, welche bei «Wrecked Mob» mitmischten. Teil davon waren auch der Luzerner «Shark» (Harun Dogan) und der Zuger «P-Man» (Pius Portmann).

1998 geschah dann, was bis heute nicht mehr aus der Szene wegzudenken ist: Der Jugendsender Radio 3FACH ging auf Sendung und mit ihm auch das zweistündige, wöchentlich ausgestrahlte Hip Hop-Special «Reimstunde». Diese Plattform verlieh dem hiesigen Hip Hop einen grossen Schub, wie sich Ueli Häfliger, der damalige 3FACH-Musikchef und heutige musikalischer Leiter des Berliner Radios «Flux FM» erinnert: «Es war ja bereits eine Szene da und die Reimstunde als solches war dann die lang ersehnte Radioplattform für diesen kleinen, aber sehr viralen Kreis.»

Im selben Jahr erschien der Tonträger «NSB Hip Hop Delikatessen» der verschiedene Zuger Künstler auf CD verewigte. Dieses Sammelsurium von Hip Hoppern begab sich dann auf eine gemeinsame und erfolgreiche Club-Tournee durch die Schweiz.

Der «Übersong» und der Start in Zug

Tatsächlich erlebte der Hip Hop in Luzern rund um die Jahrtausendwende eine erste Blütezeit. Spooman und Shape von «Wrecked Mob» schlossen sich zu «Dynamic Duo» zusammen und veröffentlichten 1998 den Song «Vollkontakt». Für viele ist dieser Titel bis heute ein Monument in der Schweizer Hip Hop-Geschichte.

Der Virus breitete sich aus. In Zug schlossen sich «3-Sächser» zusammen, welche 2002 ihr erstes Album veröffentlichten. Mit Thomas Murer, bekannt als «Tomahawk», wurde ein Mitglied dieser sechsköpfigen Band Mitmoderator der Reimstunde auf Radio 3FACH. Somit kam es zum Schulterschluss der zwei Szenen Luzern und Zug. Eine musikalische Nähe zweier Städte, die bis heute nicht mehr erreicht werden konnte.

Ebenfalls Mitglied bei 3-Sächser war der zweite Reimstunden-Moderator Philippe Fries, welcher als «Freeze» zum Mikrophon greift. Er war auch Frontmann der Surseer-Hip Hop-Band «Onan», welche 2001 ihr erstes Album veröffentlichten.

Was rückblickend auf diese Zeit auffällt ist, wie oft sich die verschiedenen Protagonisten zusammengeschlossen und gemeinsam Songs veröffentlicht haben. Der im Hip Hop bekannten Featuring-Kultur wurde also schon damals Rechnung getragen – über die Kantonsgrenzen hinaus.

Die Zeit der Funkstille

Nach diesem ersten Hoch der Luzerner und Zuger Hip Hop-Szene verlor sich die Szene in den Nullerjahren zunehmend aus den Augen oder laut Mike Walker von «Geiler As Du» aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit: «Es war weniger los als heute, aber tote Hose sicher nicht. Es gab schon einige Künstler in Luzern die ich kannte und verfolgte.»

Die bekannten Acts wie Wrecked Mob oder 3-Sächser hatten sich aufgelöst und die Musiker gingen ihre eigenen Wege. So zum Beispiel Spooman, der 2002 sein erstes Soloalbum veröffentlichte oder Tomahawk, welcher 2003 den Alleingang wagte.

Zudem erstarkte vor allem in Luzern die Rockszene. Der Begriff «Luzern Rock City» nahm Gestalt an und erreichte ihren Höhepunkt mit dem «Hell Yeah – Luzern Rock City Sampler». 23 Luzerner Rockbands veröffentlichten darauf je einen Song, die Konzerte in den Clubs liefen gut. Im Schatten dieser Entwicklung geriet der Hip Hop in Vergessenheit, das Feld wurde anderen Städten wie Bern und wiederum Basel überlassen.

Ausgerechnet in dieser Zeit lieferten die Luzerner Hip Hopper «Emm» (Mario Wälti) und «Steven Egal» (Christoph Birrer) einen Song, der bis heute Kultstatus geniesst: «Ei Stadt i de Schwiiz» wurde 2007 veröffentlicht und gilt bis heute als die Hymne des FC Luzern. Ausgerechnet in der Zeit der Bedeutungslosigkeit gelang den zwei Rappern etwas, wovon viele Musiker träumen: Ein Hit. Beide waren zwar schon vorher als Solokünstler aktiv, aber es fehlte jene Öffentlichkeit, welche sie mit «Ei Stadt i de Schwiiz» erreichten.

In Zug war es zu dieser Zeit vor allem «Fratelli B», welche 2005 ihr Debutalbum veröffentlichten und damit nach langer Durststrecke ein Lebenszeichen des Hip Hop von sich gaben. Aber auch das heute noch wirkende Projekt «Zuger Shuger», ein loser Zusammenschluss der aktiven Zuger Rapper, leistete seinen Beitrag zur aktiven Szene.

«Geiler As Du» triumphieren am Open Air Soundcheck

Ein gutes Mittel den Stellenwert des Hip Hops jener Zeit abzulesen, sind die zahlreichen Bandwettbewerbe. Ob beim Kick Ass Award von Radio 3FACH, der Sprungfeder oder dem Nachwuchswettbewerb am Soundcheck in Neuenkirch: Keine dieser Plattformen konnte bis zu diesem Zeitpunkt eine Hip Hop-Band für sich entscheiden.

Dies änderte sich 2009 am Open Air Soundcheck in Neuenkirch. Die Gruppe «Geiler As Du» entschied den Nachwuchswettbewerb klar für sich, was zu jener Zeit doch eine Überraschung war. Damals in der Jury sass der Singer-Songwriter Reto Burrell, der sich zwar nicht mehr genau an den Auftritt erinnern kann, aber, «dass der Entscheid ziemlich eindeutig war und dass sich die Band, verglichen mit den anderen Acts, so ziemlich nach vorne spielte. Auch deshalb, weil sie eher vor als hinter den Monitoren abrockten».

Mit dieser Unbekümmertheit fassten «Geiler As Du» schnell Fuss in der Szene und mit dem Song «Deck im cho» (2008) schafften sie den Sprung auf erste Radiosendungen im Land, landeten auf der Playlist von Radio 3FACH und mauserten sich mehr und mehr zu einem Live-Act, der es verstand, sich auf der Bühne zu präsentieren.

Zurück im Rampenlicht

Der Erfolg von «Geiler As Du» war aber nur der Anfang. In jüngster Vergangenheit überschlugen sich die Ereignisse im Luzerner Hip Hop. 2011 war es «Mimiks», zuvor aktiv in der Band «Drunken Picasso», der mit dem Album «Hoi Monschter» eine erste Duftmarke setzte. Ein Jahr später veröffentlichten «Geiler As Du» ihr Zweitwerk «Flöchted». Ein Album, welches das Trio unter anderem als Vorband für die nationale Tour von «Steff la Cheffe» durch das Land führte.

Ebenfalls an dieser Stelle zu erwähnen ist Emm. Zusammen mit dem Beatproduzent «Kackmusikk» präsentierte er ein Kurzalbum, welches er im Internet zum freien Download angeboten hat. Und dann eben «Moskito», welche 2013 den Song «Fallschirm» veröffentlichten. Dieser Titel wurde vom Radio 3FACH-Publikum und allen für den Award nominierten Bands am «Kick Ass Award» zum besten Song des vergangenen Jahres ausgezeichnet. Zum ersten Mal in der 13-jährigen Geschichte des Kick Ass Awards stand somit ein reiner Hip Hop-Song an der Spitze der Rangliste.

Dass die nominierten Bands mit ihren Stimmen einer Hip Hop-Band zum Sieg verhalfen, überrascht. Denn nominiert waren mehrheitlich Acts aus dem Rockbereich. Es scheint also nicht nur der Hip Hop zurück, sondern die zwei Stile scheinen sich näher zu stehen als auch schon. Das mag wiederum damit zusammenhängen, dass es sich Bands wie «Geiler As Du» und die Rocktruppe «Alvin Zeolot» nicht nehmen lassen, auch mal zusammen einen Song zu präsentieren oder auf der Bühne zu stehen.

041 und Zuger Shuger

In beiden Städten fällt auf, dass sich die aktuelle Szene erfolgreich zusammenschliesst. In Luzern unter dem Namen «041» und in Zug unter dem schon länger existierenden und auch aktuell noch aktiven Kollektiv «Zuger Shuger». Diese Zusammenarbeit ist laut Mike Walker von «Geiler As Du» ein Grundpfeiler des momentanen Erfolges: «In Luzern sind wir ein Team. Wir wollen alle das Gleiche und helfen uns gegenseitig. Und das geht auch über die Hip Hop-Szene hinaus.»

Dabei ist es aber nicht nur die junge Garde die für Furore sorgt. Die Musiker aus der Blütezeit der 90er Jahre sind immer noch unterwegs. Solo oder in Form von Zusammenschlüssen. Wie etwa bei «Skilluminati», wo altbekannte Namen wieder auftauchen. Teil dieser Gruppe sind «Steven Egal», «Zoro» (Zoran Stojanovic, Wrecked Mob), Freeze (Onan) und der DJ Crazy Cut (Andreas Steiner).

Diese «ältere Garde» brachte dann auch die Szene von heute mit Hip Hop in Berührung, wie sich Mike Walker erinnert: «Meinen ersten Berührungspunkt mit Luzerner Rap hatte ich mit 3-Sächser.» Und auch Emm beantwortet die Frage, an wen er sich vor der Jahrtausendwende erinnern kann mit altbekannten Namen: «Wrecked Mob, Spooman, Shape.»

2041 – Erfolg ohne Fussnote

Kaum hat das neue Jahr begonnen, unterstreicht ein Zusammenschluss der angesagtesten Rapper der Stadt Luzern, dass der Weg des hiesigen Hip Hops noch nicht zu Ende ist. Gastgeber des Songs «2041» sind «Emm» und sein Produzent «Kackmusikk» (Raphael Spiess), geladen wurden «Mimiks» (Angel Egli), «Dave» (David Largier) und von «Geiler As Du» Luzi Rast und Mike Walker. Ein Song, der belegt, wie intensiv in der Luzerner Szene zusammengearbeitet wird und durchaus auch als Epos bezeichnet werden kann.

Doch was genau führte zu diesem erneuten Aufschwung? «Die Qualität ist besser geworden,» erklärt Emm, «der Austausch intensiver, die Zusammenarbeit ist mehr vorhanden. Man stellt sich Strukturen, aber auch die Fangemeinde gegenseitig zur Verfügung.» Mike Walker fügt an, dass sich die Wahrnehmung von Hip Hop verändert habe. Diese Veränderung komme aber nicht von ungefähr: «Das mussten wir uns hart erarbeiten. Wir haben neue Songs gemacht, geprobt und unzählige Shows gespielt. Wir haben nie aufgehört und einfach weiter gemacht. Die Geduld hat sich ausbezahlt. Die Leute wissen jetzt, dass wir auch wirklich was können.»

Erfreulich an der aktuellen Luzerner Hip Hop-Landschaft ist, dass die Musiker ihren Stil ohne «Fussnoten» zelebrieren, wie es Emm im Kulturblock auf zentral+ bezeichnet hat. Sie lassen die Musik für sich sprechen und verzichten darauf, zum Beispiel mit traditionellen Schweizer Instrumenten einen Bezug zu schaffen, der allen gerecht wird und den Hip Hop leicht verdaulich macht.

Zu hoffen ist nun, dass es dem hiesigen Hip Hop gelingt, was bisher in anderen Stilen zu oft verwehrt blieb: Der nationale Durchbruch.

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6 Kommentare
  1. Etienne Schorro, 28.01.2014, 23:29 Uhr

    Finde supper dass in dem Artikel auch die NSB Hip Hop Delikatessen erwähnt wird, wir sind gerade JETZT an der Nummer drei! Und falls sich noch eine Band anmelden möchte, denn wir möchten möglichst alle Zuger und um Zuger drauf haben, dann meldet euch hier: http://nsbrec.ch/de/projekte/hhd3_Anmeldung.html

  2. Markus Mathis, 28.01.2014, 14:29 Uhr

    Immer wieder interessant, so ein Artikel über Zentralschweizer Hip Hop. Trotzdem werden hier Zusammenhänge konstruiert, wo keine oder kaum welche sind. 3FACH find ich ja auch gut, aber es ist ein Luzerner Sender, der über Äther in Zug gar nicht zu empfangen ist, soviel ich weiss.
    Und wenn Tomahawk und andere Zuger oft in Luzern waren, scheint es mir doch verwegen hier eine Art gemeinsame Szene zu konstruieren. Zug und Luzern sind halt Nachbarstädte, so wie es Nachbarstädte zu andern Orten sind, wo Leute rappen. Man kennt sich zum Teil, so wie man auch Leute in Zürich oder anderswo kennt.

    Trotzdem toll, so einen Text auf zentralplus zu lesen.

  3. Mario Stübi, 28.01.2014, 10:03 Uhr

    Kann man so sehen, Liembd. Diese Argumentation hätte aber Folgen für Hip Hop im Allgemeinen. Rapper’s Delight (http://www.youtube.com/watch?v=b6gD_CwF5YM) als reiner Partytrack (wo sich “rappin to the beat” auf “try to move your feet” reimt) müsste man dann wohl zu einem Unfall in der Geschichte des Raps degradieren. Hab persönlich Mühe mit dem Credo, dass die Texte so unheimlich relevant und ernst sein müssen (bloss kein Spass, weil sonst nicht mehr real). Wie auch immer, ich denke, Soldat93 und Baba Uslender hätten es mit ihren vielen Facebook- und YouTube-Followern auch so geschafft. Und im Übrigen ist jeder Artikel zu Rap in Luzern – egal ob meiner oder anderer Meinung – Balsam für mein Post-Luzern-Rock-City-Trauma, darum nur weiter so.

    Danke und lieber Gruss.
    Mario

  4. Marco Liembd, 27.01.2014, 17:43 Uhr

    Hallo Mario. Vielen Dank für dein Feedback. «Bitte Spitte» vom Baba ist uns bekannt, dennoch ist in unseren Augen “Fallschirm” der erste, reine Hip Hop-Song, da er ohne Fussnote – in diesem Fall – Komik auskommt. Hätte Baba auch mit einem “normalen” Track gewonnen? Die Zeit war eben noch nicht reif für den reinen, von (wie EMM sagt) Fussnoten befreiten Rap. Heute ist sie es. Einverstanden?

    Gruss zentral+

  5. Beat Portmann, 27.01.2014, 17:04 Uhr

    Luzern und Zug, schön und gut, aber der wahre Gangsta-Rap kommt aus der zweitgrössten Stadt der Zentralschweiz: Emmenbrücke.

    http://www.youtube.com/watch?v=1_JF0e0UOmA

  6. Mario Stübi, 27.01.2014, 15:59 Uhr

    Der erste Hip-Hop-Track, welcher den Kick Ass Award abräumte, war aus meinr Sicht «Bitte Spitte» von Soldat93 feat. Baba Uslender: http://www.youtube.com/watch?v=nFJb-kBuHtE