Das gefährliche «Band»: Wo Wanderer den Kick suchen
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Das Klimsenhorn auf dem Pilatusmassiv mit dem letzten Abschnitt des Bandwegs: Der berühmt-berüchtigte Weg führt von den bewaldeten Felsen links im Bild rechts hinauf zur Kapelle. (Bild: istockphotos)

Wandersaison Das gefährliche «Band»: Wo Wanderer den Kick suchen

4 min Lesezeit 28.06.2013, 14:01 Uhr

Der gesperrte Bandweg auf dem Pilatus ist ein Mythos. Er ist steil, steinig und wegen Felsstürzen gefährlich. Trotzdem können viele Wanderfans dem knapp zwei Kilometer langen Teilstück nicht widerstehen. Sie brauchen die Herausforderung abseits der Touristenpfade. Auch SAC-Präsident Bruno Piazza kennt den Weg: «Ich ging an den heiklen Stellen so zügig wie möglich vorbei.» Die Route sorgt bei Behörden und Verbänden für Unruhe.

Der Todessturz von letzter Woche am Grossen Mythen hat in der Zentralschweiz für wenig Aufregung gesorgt. Gerade in dieser Gegend sind solche Unfälle keine Seltenheit. Viele Wanderer überschätzen sich oder nutzen inoffizielle Wege. Dass gewisse Routen sogar gesperrt sind, hat aber meistens seine Berechtigung.

Auch am Pilatus gibt es ein verbotenes Teilstück: Der Bandweg – oder einfach nur «das Band», wie die Wanderfans die steile Strecke nennen. Das «Band» gilt als historisch und führt von der Fräkmüntegg auf den Klimsen. Es ist mit seinen knapp zwei Kilometern Länge die kürzeste und alpinste Route in Richtung Kulm.

Vor allem aber gilt das «Band» bei den Kennern als attraktive Alternative fernab der Touristen, welche den offiziellen Gsässweg oder den Heitertannliweg nutzen. Die zwei Kilometer verlangen einiges ab, gelten als grosse Herausforderung oder bei Einsteigern auch als Mutprobe. Bruno Piazza, Präsident der Sektion Pilatus des Schweizerischen Alpenclubs (SAC), gibt zu, dass er den gesperrten Bandweg auch schon gegangen ist: «Nur alleine und privat. Als Bergführer oder mit Kindern würde ich das nie tun», sagt er, «es sind bergsteigerische Kenntnisse nötig.»

Das Schwierige am Weg ist nicht nur die enorme Steigung. Zu Beginn des «Bandes» muss man eine Schutthalde übersteigen, später ist es zwingend, dass man seine Hände beim Aufsteigen einsetzt. Und dann gibt es eine Stelle, bei der sogar Felsstürze drohen. «Dort ging ich etwas schneller vorbei, da ist doppelte Vorsicht geboten», sagt Piazza.

Sogar gute Berggänger meiden das «Band»

Das hört sich nach Risiko an. Und wahrscheinlich ist genau das der Kick, den die Wanderfreaks suchen. Erfahrungsberichte im Internet zeigen, wie beliebt der Bandweg ist. Auch Karten mit der akribisch eingezeichneter Route findet man dort. Es existiert sogar eine Interessengruppe «Pro Band», die soweit geht, dass sie vor Ort Hand anlegt: Mit der Befestigung von Ketten und Seilen sorgt sie dafür, dass der Bandweg trotz der Sperrung begehbar bleibt.

«Ich warne eindringlich davor, den Bandweg zu benutzen.» 
Otto Siedler, Präsident Pro Pilatus

Eine geübte Berggängerin ist Silvia Heiz aus Luzern. Die 63-Jährige kennt das Massiv in- und auswendig. Obwohl sie einen sehr sportlichen Eindruck macht und pro Sommer mehrmals den Pilatus bewandert, traut sie sich nicht mehr auf das «Band». Heiz sagt: «Die meisten Unfälle passieren, weil sich die Leute selbst überschätzen. Die Müdigkeit spielt auch eine Rolle. Ich jedenfalls habe den Bandweg nie mehr begangen, seit er gesperrt ist.»

Seit Felssturz gesperrt

Die Sperrung wurde im Jahr 2000 veranlasst. Damals lösten sich gut 1500 Kubikmeter Felsen beim so genannten Lungenstutz und donnerten fast bis zur Rodelbahn Fräkmüntegg hinab. Geologische Gutachten ergaben, dass sich vom verbliebenen Felsen jederzeit neue Brocken lösen könnten. Daraufhin liess die zuständige Gemeinde Hergiswil den Bandweg sperren und ein paar Jahre später aus den offiziellen Wanderkarten entfernen. Die Gemeinde kann so allfällige Haftungen ausschliessen. 

Das Thema «Band» sorgt aber heute noch für viel Unruhe und Unsicherheit bei den offiziellen Stellen. Bei der Gemeinde Hergiswil reagiert man nervös auf die Anfrage von zentral+ und weist sofort jede Haftung bezüglich Unfällen von sich. Und der Verein Pro Pilatus, der die «Pilatusputzete» organisiert, stellt sich ganz quer und verweigert uns Bilder. Immerhin nimmt Vereinspräsident Otto Sidler Stellung: «Bei der Rodelbahn auf der Fräkmüntegg sieht man die Absturzstelle und den hängenden Felsen deutlich. Das sollte jedem Warnung genug sein. Ich warne eindringlich davor, den Bandweg zu benutzen. Man darf das Thema nicht verharmlosen.» 

Ganz unbegründet ist die Nervosität nicht. Seit der Sperrung haben sich mindestens zwei tödliche Unfälle auf dem Bandweg ereignet, und das auch ohne Felssturz. 

Bandweg bleibt geschlossen 

Nun bleibt die Frage, ob es bei der grossen Faszination des «Bandes» nicht eine Möglichkeit gäbe, den Weg wieder sicher zu gestalten. Die Kosten für eine Instandsetzung sind aber ernüchternd: Weil unter anderem Sprengungen nötig wären, redete man bei geologischen Gutachten von über 100’000 Franken. Auch eine Umleitung kam wegen hoher Kosten nicht in Betracht. Die Stadt Luzern lehnte schon vor zehn Jahren eine Beteiligung ab. Und im Jahr 2009 scheiterte das Thema am runden Tisch aller Interessierten in der Gemeinde Hergiswil, die vom Grossteil der Kosten betroffen wäre. Gemeinderat Renato Durrer meinte auf Anfrage, neue Vorschläge müsste man prüfen.

SAC-Präsident Piazza sagt: «Wenn es eine Möglichkeit gäbe, den Weg wieder zu eröffnen, würde ich das sehr begrüssen.» Dann könnte er das «Band» auch wieder als Bergführer und offiziell geniessen.

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