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«Das Elend beginnt nicht erst in Zug»
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In Walchwil soll künftig eine Doppelspur entstehen. Nach fünf Jahren juristischem Streit geht es nächstes Jahr los mit dem Bau der 2,2 Kilometer langen Spange. (Bild: zentral+)

Bahnstrecke Zugersee-Ost: Ein Ausbau für die Katz? «Das Elend beginnt nicht erst in Zug»

6 min Lesezeit 1 Kommentar 13.08.2015, 09:35 Uhr

Eigentlich sollte die Bahnstrecke auf der Ostseite des Zugersees wegen den geplanten grossen Umbauarbeiten ab Ende 2016 gesperrt werden. Ob dieser Terminplan so eingehalten werden kann, scheint aber nicht mehr sicher. Und Experten finden gar, die 100 Millionen Franken, die das Projekt kostet, seien schlecht investiertes Geld.

Schon in naher Zukunft dürfte ein wichtiger Entscheid in Sachen Bahnausbau am Zugersee fallen. Laut Jürg Walpen, Mediensprecher des Bundesamtes für Verkehr (BAV) ist «voraussichtlich noch im Sommer 2015» mit einem Entscheid über das entsprechende Plangenehmigungsverfahren zu rechnen. Beim BAV sind 30 Einsprachen eingegangen. Mit dem Entscheid über die Plangenehmigung wird gleichzeitig über sämtliche Einsprachen entschieden, bei denen keine Einigung erzielt werden konnte.

Gemäss Programm sollten die Ausbauarbeiten am Ostufer des Zugersees Ende 2016 beginnen und rund eineinhalb Jahre dauern. Ob dies wirklich so ablaufen wird, ist nun aber nicht mehr klar. Plangenehmigungen  können immer beim Bundesverwaltungsgericht und danach beim Bundesgericht angefochten werden. Und dazu könnte es nun tatsächlich kommen.

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Weiterzug könnte Auswirkungen haben

Das Komitee IG NeatZug – es besteht primär aus Anwohnern von Walchwil – scheint jedenfalls gewillt, die Sache gegebenenfalls weiterzuziehen. «Der Gerichtsweg wird beschritten und hierfür sind auch schon die finanziellen Mittel bereitgestellt worden», erklärt Vereinspräsident Andreas Schaub.

Zeitlich könnte dies Konsequenzen haben: «Eine solche Beschwerde kann zu einer Verzögerung führen, die sich unter Umständen auch auf den Start der Bauarbeiten auswirken könnte», hält BAV-Sprecher Jürg Walpen fest. Zurückhaltend geben sich die SBB: «Wir wollen dem Entscheid des Bundesamtes für Verkehr nicht vorgreifen und uns aktuell nicht zu allfälligen Alternativszenarien äussern», erklärt SBB Mediensprecherin Lea Meyer.

Hans-Kaspar Weber vom Amt für öffentlichen Verkehr des Kantons Zug ist der Ansicht, dass zurzeit nichts dagegen spreche, dass das Vorhaben rechtzeitig umgesetzt werden könne. Zuerst müsse das BAV überhaupt die Plangenehmigung erteilen. Anschliessend werde sich zeigen, welche Aspekte der Genehmigung an höhere Instanzen weitergezogen und wie schnell die Gerichte entscheiden werden. Es gäbe darum viele denkbare Szenarien.

Die Frage des Kosten-Nutzenverhältnisses

Neben den Unsicherheiten der Anwohner drängen sich grundsätzliche Fragen auf. Wie steht es überhaupt um das Kosten-Nutzenverhältnis der Doppelspur Walchwil?

Der Zuger Regierungsrat begründete 2013 die Notwendigkeit einer Doppelspur Walchwil mit der «Fahrplanstabilität und der Möglichkeit einer Kreuzung des Stadtbahn mit den Fernverkehrszügen ins Tessin.» Andreas Windlinger vom Bundesamt für Verkehr (BAV) bezeichnet die Doppelspur in Walchwil als «unabdingbar», damit nach Einführung des durchgehenden Halbstundentakts auf der Fernverkehrsverbindung Zürich-Tessin der Fernverkehr und der Regionalverkehr weiterhin ohne Konflikte kreuzen können.

«Wir zahlen gar nichts an die Doppelspurinsel und erhalten dafür einen stabilen, langfristig gesicherten Fahrplan.»

Hans-Kaspar Weber vom Zuger Amt für öffentlichen Verkehr

Und Hans-Kaspar Weber vom Amt für öffentlichen Verkehr des Kantons Zug  sagt zum Kosten-Nutzenverhältnis des Projekts: «Für den Kanton Zug ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis gut. Wir zahlen gar nichts an die Doppelspurinsel und erhalten dafür einen stabilen, langfristig gesicherten Fahrplan der S2.»

Bloss: 100 Millionen Franken sind eine hohe Summe, wenn das Vorhaben «Doppelspur Walchwil» hauptsächlich oder gar einzig zur Aufrechterhaltung des S2-Fahrplanes dienen würde.

«Das Elend beginnt nicht erst in Zug»

Gemäss Hans-Kaspar Weber planten die SBB diese Doppelspur bereits lange vor dem Beschluss des Zuger Kantonsrates zur ersten Teilerweiterung der S2. Wird die geplante Doppelspur deshalb auch abgesehen von der erwähnten Kreuzungsproblematik etwas zur erwähnten Fahrplanstabilität beitragen können? Der Bahnexperte Paul Stopper – er gilt als Vater der neuen Durchmesserlinie in Zürich – äussert sich diesbezüglich kritisch. Er spricht in Bezug auf die geplante Doppelspur von einem ungünstigen Kosten-Nutzenverhältnis: Die 100 Millionen Franken, welche die Doppelspur kosten wird, sind für ihn schlecht investiertes Geld.

Zwar räumt er ein, dass die neue Doppelspur dann geringfügig etwas bringen könne, wenn die Züge von Zug/Zürich her Verspätung haben. In diesen Fällen können die Züge vom Gotthard her dank der neuen Doppelspur ein Stück weit in Richtung Norden vorrücken.

«Die SBB-Planung im Korridor Zürich-Zug-Arth-Goldau ist von Grund auf unbrauchbar.»

Paul Stopper, Bahnexperte

Für Stopper liegen die Probleme tiefer: «Die SBB-Planung im Korridor Zürich-Zug-Arth-Goldau ist von Grund auf unbrauchbar. Sie kostet nur viel Geld, Steuergelder, wohlverstanden.» Das Elend der Strecke Zug-Arth-Goldau beginne eben nicht erst in Zug, sondern bereits im Abschnitt Horgen Oberdorf – Sihlbrugg – Litti. Die dortige lange Einspur sei die Quelle allen Übels: «Wenn in diesem Abschnitt von Zürich her Verspätungen entstehen, dann ist auf der Weiterfahrt, insbesondere zwischen Zug und Arth-Goldau, leider fast nichts mehr zu machen.» Deshalb müsse die Strecke Horgen-Oberdorf –Litti auf Doppelspur ausgebaut werden. Nicht in Frage kommt für Paul Stopper allerdings der Bau eines Zimmerbergbasis-Tunnels. Mit Kosten von über 1.3 Milliarden Franken sei dieser viel zu teuer.

Kein Nutzen bei verspäteten Zügen aus Richtung Süden

Es kann davon ausgegangen werden, dass sich mit der neuen Doppelspur kaum hohe Zeitgewinne realisieren lassen. Wenn man auf dieser Strecke von einer  Durchschnittsgeschwindigkeit von 75 km/h ausgeht, wird die 1,7 Kilometer lange Doppelspur-Strecke wohl in weniger als eineinhalb Minuten durchfahren werden.

Zudem wird die Doppelspur kaum einen Vorteil bringen, wenn die Züge vom Gotthard her Verspätung haben. Das bestätigt man auch bei der SBB. Für die in Walchwil wartenden Züge wird in diesen Fällen ein Vorrücken auf der Doppelspur nicht möglich sein: Die Doppelspur wird dereinst im Bahnhof Walchwil enden. Dennoch relativiert die SBB-Sprecherin Lea Meyer: «Die Doppelspur Walchwil dient nicht primär Verspätungsszenarien, sondern ist notwendig für stabile halbstündliche Kreuzungen zwischen dem Fernverkehr und der S2.»

Fahrplanstabilität auch ohne Doppelspur-Ausbau möglich?

Bahnexperte Paul Stopper erwähnt einen weiteren Aspekt, der in den bisherigen Diskussionen nur wenig Beachtung erfuhr. Die neue Doppelspur wird für die sensible Landschaft am Ostufer des Zugersees eine Belastung darstellen: «Meiner Ansicht nach würde die geplante Doppelspur landschaftlich unakzeptable Eingriffe verursachen.» Der Preis für diese Doppelspur sei sowohl in Bezug auf die Finanzen als auch auf die Landschaftszerstörung zu hoch.

Paul Stopper sieht die Lösung in einem doppelspurigen, landschaftsschonenden Tunnel zwischen Walchwil und Oberwil. Die bestehende Einspurstrecke würde dann nur noch dem Stadtbahn-Verkehr dienen. Als grundsätzliche Alternative bringt Paul Stopper zudem nochmals die von den SBB verworfene Spange bei Rotkreuz ins Spiel.

Es stellt sich die Frage, ob das Ziel der grösseren Fahrplanstabilität in naher Zukunft – wenigstens teilweise – nicht auch anderswie erreicht wird. Einerseits wird der störungsanfällige ETR 470 – früher unter dem Namen Cisalpino bekannt – wohl schon bald definitiv ausrangiert. Zudem führten die SBB im Herbst 2013, fast unbemerkt von der Öffentlichkeit, unter anderem auch zwischen Zug und Goldau Testfahrten mit Neigezügen durch. Wenn ein Streckenabschnitt für den Neigezugfahrplan freigegeben wird, so dürfen die Neigezüge auf der entsprechenden Strecke mit einem beschleunigten Fahrplan verkehren.

Im Nachgang zu diesen Tests erklärte SBB-Mediensprecher Christian Ginsig auf Anfrage, dass für den Abschnitt Zug-Arth-Goldau auch bei einer Freigabe des Neigezugfahrplans die «normale» Geschwindigkeit geplant sei: «Im Verspätungsfall könnte ein Neigezug hingegen etwas schneller fahren und so die Verspätung reduzieren.»

Was halten Sie vom geplanten Ausbau der Bahnstrecke bei Walchwil? Sinnvoll oder völlig überteuert? Schreiben Sie uns Ihre Meinung mittels Kommentarfunktion.

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1 Kommentare
  1. Hans Zumstein, 14.08.2015, 07:08 Uhr

    wäre die Spange bei Rotkreuz. Dann könnte der Fernverkehr Nord/Süd/Nord auf dieser Strecke geführt werden und die einspurige Strecke zwischen Zug und Arth/Goldau der S2 vorbehalten werden. Mit dieser erst noch günstigeren Lösung könnten gleich zwei Probleme gelöst werden.