Das Crowdfunding-Business brummt – und Zug bereitete den Nährboden
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Pionier: Michael Borter aus Zug, CEO von Cashare AG. (Bild: zvg)

Pionierplattformen behaupten sich als Marktführer Das Crowdfunding-Business brummt – und Zug bereitete den Nährboden

6 min Lesezeit 17.07.2018, 10:05 Uhr

Die Crowdfunding-Szene wächst und wächst. Alleine im letzten Jahr lag das vermittelte Volumen bei über 350 Millionen Franken. Und auch die Plattformen werden immer mehr. Zuger Firmen haben gleich in mehreren Bereichen Pionierarbeit geleistet – und vermitteln heute unter anderem auch Gelder für Scheidungen.

Das Crowdfunding in der Schweiz boomt. Dies geht aus einer aktuellen Studie des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) der Hochschule Luzern hervor. Die Zahlen, welche Studienleiter Andreas Dietrich und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Simon Amrein präsentieren, sind beeindruckend.

So wurden im vergangenen Jahr in der Schweiz 374,5 Millionen Franken mittels Crowdfunding vermittelt. Das entspricht fast einer Verdreifachung im Vergleich zu 2016 (zentralplus berichtete). Um diese Zahl in ein Verhältnis zu setzen: In den letzten acht Jahren waren es total 568 Millionen Franken, die auf diesem Weg vermittelt wurden.

In Hünenberg wird Crowdfunding-Geschichte geschrieben

Tatsächlich geht die Schweizer Crowdfunding-Geschichte noch etwas weiter zurück, ins Jahr 2008. Michael Borter und Roger Müller gründen im Hünenberger Industriequartier Bösch «Cashare» – und damit nicht nur die erste Crowdfunding-Plattform in der Schweiz, sondern eine der ersten in ganz Kontinentaleuropa (zentralplus berichtete).

«Als Neueinsteiger musst du schnell viel Geld investieren.»

Michael Borter, CEO und Co-Gründer von «Cashare»

«Es war damals mehr ein Versuch denn etwas anderes», erinnert sich CEO Michael Borter zurück. Der Neuheimer wollte ins Unternehmertum einsteigen und wurde auf einen kleinen Zeitungsartikel aufmerksam, in dem beschrieben wurde, wie bei einem Geschäftsmodell namens «Kredit aus dem Internet» die Zwischenhändler, also die Banken, ausgeschlossen werden können.

Fasziniert von der Idee, gründete Borter mit Roger Müller Cashare. Was damals einzigartig war, gibt es heute 43 Mal in der Schweiz (Stand: Ende April 2018). Doch zahlreiche Plattformen verschwinden nach relativ kurzer Zeit bereits wieder vom Markt. In den letzten drei Jahren waren es deren zwölf.

Hohe Anforderungen der Kunden

Borter glaubt, die Erfolgsformel zu kennen, um in diesem Boom-Markt mit immer stärkerer und zahlreicherer Konkurrenz überleben zu können: «Es braucht relativ schnell eine gewisse Mindestgrösse der Community. Dazu muss man sich möglichst rasch einen gewissen Bekanntheitsgrad und das nötige Vertrauen der Kunden erarbeiten.»

 

 

Ausserdem müsse man in diesem stark regulierten Markt viel rechtliches Know-how und das nötige Kleingeld mitbringen: «Als Neueinsteiger musst du schnell viel Geld investieren. Denn die Kunden kennen die Professionalität der etablierten Plattformen und haben entsprechend hohe Anforderungen», so Borter. Man unterschätze leicht die Komplexität einer solchen Plattform in Bezug auf Marketing, Kreditprüfung, Technologie oder vertrauensbildende Massnahmen.

«Eine Scheidung trifft die Betroffenen oft unerwartet und es muss schnell darauf reagiert werden.»

Michael Borter

Auch für Cashare war es ein langer Weg zum Marktführer im Bereich Crowdlending (siehe Box) mit knapp 26’000 Mitgliedern. «Unser erstes Jahr war sehr schwierig. Wir haben bloss gut 100’000 Franken vermittelt. Doch die Kunden waren uns fremde Personen, die uns ihr Geld anvertraut haben. Dadurch wussten wir, dass es funktionieren kann», erzählt Borter. Im zweiten Jahr sei es bereits das Doppelte gewesen und im dritten wurde die Millionenmarke ein erstes Mal geknackt.

Auch Scheidungen werden finanziert

Cashare bietet sowohl eine Plattform für KMU also auch Private. Die Pallette der Firmen, die den Weg zum Hünenberger Crowdfunding-Pionier finden, sei dabei sehr breit, wie Borter betont: «Dies reicht von Bäckereien, Veloherstellern und Wellness-Spas über Immobiliengesellschaften, Fitnesscenter bis zu Privatkliniken», so der ehemalige Bankangestellte. Die Kredite bewegten sich dabei im Durchschnitt zwischen 200’000 und 250’000 Franken. Das grösste Darlehen in der bisherigen Firmengeschichte lag bei einer Million. Dabei ging es um Alterswohnungen der Spitex Seeblick.

Auf privater Seite zielten die Anträge oft auf Ausbildungen, Autos, Hausrenovationen oder Scheidungen. Borter erklärt: «Auf Hochzeiten spart man hin und bereitet sich darauf vor. Doch eine Scheidung trifft die Betroffenen oft unerwartet und es muss schnell darauf reagiert werden.»

«Volumenmässig stecken wir noch immer in den Kinderschuhen.»

Roger Bossard, Geschäftsführer von «Crowd4Cash»

Bei der zweiten im Kanton Zug ansässigen Crowdlending-Plattform «Crowd4Cash» mit Sitz in Zug sind es Projekte aus ähnlichen Bereichen, die dominieren, wie Gründer Roger Bossard erzählt: «Die Top drei sind bei uns Fahrzeuge, Umschulungen und Ausbildungen.» Crowd4Cash ist erst seit Anfang des letzten Jahr auf dem Markt.

«Potenzial nach wie vor riesig»

Als Grund nennt Bossard den boomenden Crowdfunding-Markt und die immer noch überschaubare Anzahl Player. «Volumenmässig stecken wir noch immer in den Kinderschuhen», sagt er. «Das Potenzial ist nach wie vor riesig», ist er überzeugt.

Roger Bossard und Co. haben Crowd4Cash vor rund zwei Jahren gegründet.

Roger Bossard und Co. haben Crowd4Cash vor rund zwei Jahren gegründet.

(Bild: zvg)

Sich als junges Unternehmen gegen die Konkurrenz durchzusetzen, sei nicht einfach. Da kann es nicht schaden, wenn man sich von der Konkurrenz abheben kann. Bei Crowd4Cash tut man dies, indem Investitionszahlungen auch mit Crypto Currencies möglich sind. «Im Crypto Valley ist das eigentlich recht naheliegend», sagt Roger Bossard mit einem Schmunzeln. Es sei jedoch regulatorisch nicht ganz einfach zu bewerkstelligen.

Erste Crowdinvesting-Plattform der Schweiz

Neben dem Crowdlending gibt es auch die Form des Crowdinvesting (siehe Box). Und auch da war eine Zuger Plattform Vorreiterin. 2010 gründeten Lukas Weber und Steffen Wagner «Investiere». Es war damals schweizweit die erste Plattform im Bereich Crowdinvesting. «Investiere» ist zusammen mit ihrem Minderheitsaktionär Zürcher Kantonalbank der führende Startup-Investor der Schweiz und gehört zu den international bekanntesten Schweizer Fintech-Unternehmen.

«Ich könnte mir vorstellen, dass sich pro Crowdfunding-Bereich ein Marktführer durchsetzen wird.»

David Sidler, Kommunikationsverantwortlicher von «Investiere»

«Wir haben auch schon Projekte in Österreich, Spanien oder Grossbritannien unterstützt», sagt der Kommunikationsverantwortliche David Sidler. Im Schnitt belaufe sich das Volumen pro Startup auf gut eine Million Franken. Der Rekord liege bei drei Millionen. Die Plattform zählt inzwischen rund 3’000 Investoren und hat in seiner Zeit über 50 Unternehmen finanziert.

Noch internationaler agiert die zweite Crowdinvesting-Plattform mit Sitz im Kanton Zug. «Conda» ist für Startups, KMU und Immobilienprojekte in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Slowenien, Slowakei und Polen zuständig. Das Unternehmen um die beiden Österreicher Paul Pöltner und Daniel Horak stellt mit 20 Vollzeitstellen die grösste Crowdfunding-Plattform des Kantons.

Wie viele Plattformen werden überleben?

Obwohl die Diversität der Plattformen weiter zunimmt, glauben weder Borter noch Wagner, dass dieser Trend ewig anhalten wird. Michael Borter sagt dazu: «Momentan tun sich die Plattformen noch nicht gegenseitig weh, sondern vielmehr den Banken. Doch ich erwarte, dass sich irgendwann zwei bis drei Plattformen an der Spitze etablieren werden.»

David Sidler sieht es ähnlich. «Ich könnte mir vorstellen, dass sich pro Crowdfunding-Bereich ein Marktführer durchsetzen wird, da der Schweizer Markt eigentlich zu klein ist für mehrere Big Player pro Bereich.»

Fünf Formen von Crowdfunding

Crowdsupporting: Meist kreative und kulturelle Projekte sowie Kampagnen aus dem Sportbereich. Der Investor erhält für seinen Beitrag ein Produkt, ein künstlerisches Werk oder eine Dienstleistung.


Crowddonating: Mehrheitlich Spenden für soziale, karitative und kulturelle Projekte, die an keine Gegenleistung geknüpft sind.


Crowdinvesting: Investitionen von Eigen- oder Fremdkapital in Unternehmen (Startups) oder Immobilien. Als Gegenleistung erhalten die Investoren eine Gewinnbeteiligung.


Crowdlending: Vermittlung von Krediten an Unternehmen oder Private. Als Gegenleistungen erhalten die Geber Zinszahlungen, deren Höhe vom Risiko des Kapitalnehmers abhängt.


Invoice Trading: Hier kaufen Investoren offene Rechnungen von Unternehmen und erhalten im Gegenzug eine Rendite. Die Unternehmen können so Zahlungsfristen überbrücken oder liquide Mittel freisetzen.

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