«Das Coronavirus wird dem Tourismus in Luzern nicht den Todesstoss versetzen»
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Finanzdirektorin Franziska Bitzi-Staub tritt zur Wiederwahl an. (Bild: ber)

CVP-Finanzdirektorin Franziska Bitzi im Porträt «Das Coronavirus wird dem Tourismus in Luzern nicht den Todesstoss versetzen»

7 min Lesezeit 10 Kommentare 13.03.2020, 09:00 Uhr

Der Luzerner Finanzdirektorin weht ein harter Wind entgegen: Sie muss der Bevölkerung ein tiefrotes Budget präsentieren – und will gleichzeitig am 29. März die Wiederwahl schaffen. Ein Glück, dass sie nicht davor zurückscheut, sich unbeliebt zu machen.

Wer fügsame Weiblichkeit sucht, der ist bei Franziska Bitzi-Staub falsch. Die 46-Jährige ging ihren Stadtratskollegen mit einem Thema geschlagene zwei Jahre lang auf die Nerven. Am 1. März 2017 trat sie ihr Amt als Nachfolgerin von Stefan Roth (CVP) an. Und von dem Tag an machte sie klar: Das «Ausgedruckte auf Papier» gehört in Bälde der Vergangenheit an.

«Ich war entsetzt, dass der Stadtrat nicht längst digital arbeitet, als ich hier anfing», sagt Franziska Bitzi, als wir sie in ihrem Büro zum Gespräch treffen. Wie erwartet, hält man hier vergebens nach Post-Its, Notizbüchern und ähnlichen Anzeichen von «kreativem Chaos» Ausschau.

Von ihrem Vorgänger Stefan Roth hat Franziska Bitzi nicht nur das Amt übernommen, sondern auch die Büroeinrichtung. Einzig die «maskulin wirkenden, schwarzen Konferenzstühle» hat sie unter pastellfarbigen Überzügen verschwinden lassen. Auf dem Pult befinden sich ein Computer und ein Headset – und sonst nichts.

Franziska Bitzi, die mit Abstand Jüngste im Stadtrat, setzte sich durch. «Ich arbeitete vorher mit dem Tablet. Aber es macht keinen Sinn vorzupreschen, wenn der Betrieb auf Papier ausgelegt ist.» Also hat sie Schritt für Schritt die Stadtratskollegen überzeugt. Mit Argumenten, mit Diplomatie – und einer Hartnäckigkeit, welche die Nerven im Kollegium teils ganz schön strapaziert hat, wie man im Stadthaus munkelt.

Kritik mit liebevollem Unterton

Seit Januar 2019 werden die Geschäfte digital vorbereitet, die Stadträte sind mit mobilen Geräten ausgerüstet und das Papier gehört der Vergangenheit an. «Ich war die Erste, die voll umstellte. Dann zog Manuela Jost nach, dann Martin Merki. Und mit einem Jahr Verzögerung ist nun auch Beat Züsli digital unterwegs.» Und Adrian Borgula?

«Er war zwar damals der Erste im Stadtrat mit einem Smartphone. Aber dieses ist inzwischen veraltet. Es gibt längst keine Updates mehr und ständig funktioniert irgendetwas nicht», erzählt Franziska Bitzi schmunzelnd. Inzwischen komme aber auch er mit einem Tablet an die Sitzung. Nur zum Telefonieren nutzt er noch ein altes Handy. «Das ist gelebte Nachhaltigkeit und passt sehr gut zu ihm», findet Bitzi.

Sie hofft, der Kollege möge ihr diese Äusserung nicht als Indiskretion auslegen. Denn obschon sie in der Sache eine klare Haltung hat, ist und bleibt Franziska Bitzi eine Teamplayerin. Egal wen man fragt, ob Weggefährtinnen oder politische Gegner, alle sagen, die CVP-Stadträtin habe ein offenes Ohr für ihre Anliegen. Und sie sei immer bestens auf die politischen Geschäfte vorbereitet.

Schnell wie ein Maschinengewehr

Dazu passt ein Gegenstand, den sie in der Handtasche hat: die Swisscard. Eine Art Sackmesser im Kreditkarten-Format. Ein Messer, eine Schere, eine Feile. Die Message ist klar: Komme, was da wolle, Franziska Bitzi weiss sich zu helfen.

Franziska Bitzi hat immer eine Swisscard dabei, eine Art Sackmesser im Kreditkartenformat.

Wenn die Finanzdirektorin auf ihr Metier zu sprechen kommt, rattert sie Zahlen, Fakten und Einschätzungen herunter wie ein Maschinengewehr. Ihr grösster Erfolg der letzten Legislatur ist die moderate Ausweitung der Ladenöffnungszeiten. Die grösste Herausforderung für die kommende ist, Luzern vor dem «Over-Tourism» zu bewahren (zentralplus berichtete).

Wobei: Im Moment bereitet ihr eher das Gegenteil Sorgen. Grund zur Panik bestehe aber nicht. «Das Coronavirus wird dem Tourismus in Luzern nicht den Todesstoss versetzen», ist Bitzi überzeugt. Es werde massive Einbussen geben. Aber die Branche sei in Luzern breit aufgestellt, 80 Prozent der Gäste stammten aus der Schweiz. Zudem bestehe die Hoffnung, dass das neue Virus bis zur Hochsaison wieder abflaue.

Trotzdem: Die finanziellen Aussichten der Stadt sind schlecht, es ist auch ohne diese wirtschaftlichen Einbussen mit einem Defizit zu rechnen. Bereitet es ihr Mühe, die Überbringerin schlechter Nachrichten zu sein? Nein. Müssen wir die Steuern erhöhen? Nein. Was ist die Aufgaben- und Finanzreform des Kantons? Ein Desaster, eine «finanzpolitische Blackbox».

Franziska Bitzi redet schnell, präzis und pointiert. Man kann sich gut vorstellen, dass einem politischen Gegner in einem Wortgefecht mit ihr angst und bange werden kann. Aber sie ist keine berechnende «Claire Underwood», wie man sie aus der TV-Serie «House of Cards» kennt.

«In der Rechtswissenschaft pflegt man eine Sprache, die von anderen als schulmeisterlich empfunden wird.»

Zwar hat Franziska Bitzi einiges für Intrigen, üble Nachrede und Games übrig. Aber nur abends. Sie schaut sich TV-Serien an und findet Gefallen an den Hochs und Tiefs der vom Schicksal gebeutelten Protagonisten. «Regelrecht süchtig», sei sie. Das sei der Grund, weshalb sie Netflix geflissentlich aus dem Weg gehe. «Reiner Selbstschutz», meint sie.

Das harte Los der selbstbewussten Frauen

Es passt zu ihr, ihre Schwächen von vornherein zu umschiffen. Dass sie die Kontrolle über sich verlieren könnte, kann man sich kaum vorstellen. Wenn sie wütend wird, atmet sie durch und zählt bis zehn, bevor sie «etwas sagt, was ich später bereuen würde», wie sie meint. Mit dem Resultat, dass sie eigentlich nie etwas sagt, was sie bereuen müsste.

Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb die Stadträtin in der Vergangenheit mehrfach als «distanziert» beschrieben wurde. «Vor allem in meiner Zeit im Stadtparlament habe ich das immer wieder gehört», erinnert sie sich.

«Meiner Ratskollegin Luzia Vetterli ist es ganz ähnlich ergangen. Ich glaube es liegt daran, dass wir beide Juristinnen sind. In der Rechtswissenschaft pflegt man eine Sprache, die von anderen als schulmeisterlich empfunden wird.» Sagt’s, und zuckt mit den Schultern. Schlaflose Nächte dürfte ihr das kaum bescheren.

«Eigenschaften, die einen Mann erfolgreich machen – etwa Selbstbewusstsein –, werden einer Frau negativ ausgelegt.»

Es ist wohl ihrem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn geschuldet, dass Franziska Bitzi Jus studiert hat. Das von ihr verinnerlichte juristische Denken soll sicherstellen, dass gerechte Entscheidungen getroffen werden und Verfahren fair ablaufen. Und auch wenn ihre Amtskollegen teilweise über ihre Pedanterie stöhnen: Franziska Bitzi legt grössten Wert darauf, dass der Stadtrat formell juristisch korrekt arbeitet.

Wenn es sein muss, kann sie sehr fordernd auftreten. Was ihr früher im Stadtparlament wohl der eine oder andere Ratskollege übelgenommen hat. «Es ist mir mehrfach aufgefallen, dass Eigenschaften, die einen Mann erfolgreich machen – etwa Selbstbewusstsein –, einer Frau negativ ausgelegt werden.» Wohl, weil es nicht ins traditionelle Frauenbild passe. «Von Image her müssten wir ja mitfühlend und fügsam sein.»

Aus dem Landei ist eine Städterin geworden

Doch die traditionellen Wertvorstellungen ihrer Kindheit hat Franziska Bitzi längst hinter sich gelassen. Aufgewachsen im ländlichen Entlebuch lebt sie heute im urbanen Tribschenquartier. «Mitten im Leben», wie die 46-Jährige sagt. Es hat die Tankstelle um die Ecke, viele Restaurants, fünf Buslinien fahren vorbei und der See ist ganz in der Nähe. «Mich persönlich hat der Strassenstrich nicht gestört, als er noch praktisch vor meiner Haustüre war. Ich fände das bis heute besser für die Frauen.» Dass diese nun fernab jeglicher sozialer Kontrolle im Gebiet Ibach arbeiten müssen, bereitet ihr Unbehagen.

«Mich persönlich hat der Strassenstrich nicht gestört, als er noch praktisch vor meiner Haustüre war.»

Aus dem Landei ist eine Städterin geworden. Es ist kein Geheimnis, dass Franziska Bitzi in der Stadt fast nur mit dem Velo unterwegs ist. «Die Verkehrsprobleme, der Alltag, die Lebensrealitäten sind ganz andere als auf dem Land», stellt sie fest. Das schlägt sich aus Bitzis Sicht in dem angespannten Verhältnis zwischen dem Stadtrat und der Kantonsregierung nieder, das sich beispielsweise an einem Projekt wie der «Spange Nord» schnell mal entzündet.

Im Video sagt Franziska Bitzi-Staub, was sie an der Stadt Luzern noch verbessern würde. (ber)

Vor zehn Jahren noch wurde Franziska Bitzi selber als Regierungsrätin gehandelt. Ihre Partei stieg dann aber mit Esther Schöneberger ins Rennen um den zweiten Sitz in der Regierung. «Im Nachhinein bin ich froh, dass es so gekommen ist.» Ihr gefalle es sehr, die Luzerner Finanzdirektorin zu sein und es gebe viel zu tun. «Aber wie heisst es so schön: Sag niemals nie.» Begraben scheinen diese Ambitionen also noch nicht zu sein.

Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer zentralplus-Serie zu den Kandidatinnen und Kandidaten für den Luzerner Stadtrat. Mehr Infos zu den Wahlen vom 29. März gibt’s in unserem Dossier.

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10 Kommentare
  1. Casagrande Robert, 14.03.2020, 18:09 Uhr

    Ich habe viel Respekt für Franziska. Finde Sie ist ein guter Finanzdirektor.
    Ueber den Tourismus rede ich gerne mit Dir. Wuensche Dir eine erfolgreiche Wahl.

    1. Hugo Ball, 16.03.2020, 08:43 Uhr

      Hauptsache es können wir tonenweise Plastik-Gugus-Müll à la mode de Schweizer Folklore den Besitzer wechseln. Nachher sieht man dann wieder die Propaganda-Plakatserie zur 2000-Watt-Gesellschaft rumhängen (wir schaffen das) und fragt sich nur noch total enerviert: Ist das Absicht? Diese Widersprüchlichkeit unisono?

  2. Hafen Hans, 13.03.2020, 12:39 Uhr

    VBL-Affäre: Schmassmann muss zurücktreten. Eine Alternative dazu gibt es nicht mehr. Auch Selbstkritik genügt nicht. Sonst könnte sich jeder konventionelle, reguläre Betrüger Asche auf sein Haupt streuen, um so der gerechten Strafe zu entgehen! Jetzt müssen Taten und nicht nur beschwichtigende Worte und Süssholzraspeleien folgen. Aber eben, die Cliquen und Klüngel sind halt auch bei der CVP wirkmächtig. Und offensichtlich will und darf die CVP-Stadträtin den CVP-Kantonsrat und Kirchenvertreter (welche Bigotterie!) Schmassmann nicht abservieren! Vetternwirtschaft und Nepotismus aller erster Güteklasse und schändlich, verwerflich und nicht tragbar!

    1. faktencheck, 13.03.2020, 16:26 Uhr

      Die eine unwissende Person schreit der anderen nach.
      Punkto Klüngel könnte man auch fragen, ob es Zufall ist, dass die SP dringend einen Vorstoss einreicht und das BAV, geführt von SP-Kadermann Dr. Peter Füglistaler, wenig eindeutig kommuniziert… Ein Schelm, der böses denkt 😉

    2. Hafen Hans, 16.03.2020, 08:40 Uhr

      Links wie rechts diesselbe Misere – klar ist, es gibt nicht die „Sauberen“ und die „Beschmutzten“! Von der sog. Mitte gar nicht zu reden, das sind die Schlimmsten!! Aber wenn wir schon die Fakten checken wollen, bleibt pragmatischerweise dennoch nur ein gangbarer Weg übrig: Die Kausalketten müssen Direx Schmassmann zugänglich gemacht werden (von oben!), auch wenn eine Einsicht (intrinsisch) seinerseits Fehlen möge. Das intessiert niemanden! Die Interdependezen zwischen Fehlverhalten (ob es beabsichigt war oder nicht ist in dieser Fragestellung zweitranging!) und Konsequenzen müssen Schmassmann spürbar gemacht werden. Hier personeller Natur!

  3. Kaufmann, 13.03.2020, 12:17 Uhr

    Interessant wären Fragen zur Verantwortung als Verwaltungsrätin in der VBL-Affäre gewesen. Warum ist die gute Juristin so oft im Ausstand? Hat sie sich echt für die getroffenen Entscheide und Protokolle in ihrer Abwesenheit interessiert? Warum kritisiert sie erst jetzt im Nachhinein ein Geschäftsmodell, das solche Winkelzüge möglich macht?

    1. faktencheck, 13.03.2020, 16:19 Uhr

      Die Stadtluzern wird im Verwaltungsrat der VBL durch Martin Merki vertreten.
      Die Frage ist gut, aber die Adressatin die falsche.

  4. allyourbasearebelongtous, 13.03.2020, 10:55 Uhr

    Nein Selbsbewusstsein wird Frauen nicht negativ angerechnet. Ja, der Luzerner Tourismus ist total verblödet.

  5. Stefan Hofmann, 13.03.2020, 09:06 Uhr

    Erfreulich wäre, wenn das Virus zu einem Umdenken führt und der unsinnige Cartourismus verschwindet. Insbesondere für Velofahrer ist die Situation rund um den Schwanenplatz massiv besser geworden, seit die ortsunkundigen Carchauffeure verschwunden sind!

    1. allyourbasearebelongtous, 13.03.2020, 17:18 Uhr

      Hauptsache Bucherer & Co. kassieren am Schwanenplatz dick ab. Ob das Stadtbild, die Ladenkultur und das Lebensgfühl in der Altstadt auf das Niveau einer viertklassigen Disney World Attraktion runtergehundet wird ist scheinbar ein Problem geringer Priorität. Statt Spange Nord würde man der auf dem Sedel lieber einen Luxuskonsum und Tourismustempel errichten, oder den ganzen Humbug am besten gleich in die Mall of Switzerland verschieben wo man die Landschaft sowieso schon verschandelt hat. Bucherer Drive-In.

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