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«Das Bild des klassischen Clochards trifft kaum zu»
  • Gesellschaft
Hier gibts auch für Zuger Zuflucht in der kalten Nacht. Die Luzerner Notschlafstelle. (Bild: wia)

Warum Zug keine Notschlafstelle hat «Das Bild des klassischen Clochards trifft kaum zu»

5 min Lesezeit 11.01.2015, 11:00 Uhr

Der Kanton Zug verfügt über keine Notschlafstellen für Obdachlose. Wer also in der Not ein Bett braucht, reist nach Luzern. Und das wiederum kostet die eigene Gemeinde viel Geld. Zwar ist es nicht so, dass Zug eine richtige Obdachlosen-Szene hätte. Dennoch gibt es Stimmen, die sagen: Eine Notschlafstelle wäre nötig.

Randständigkeit ist im Kanton Zug unauffällig, ja beinahe versteckt (zentral+ berichtete). Nur heisst das nicht, dass sie inexistent ist, dass es nicht auch Menschen gibt, die für kurz oder lang auf der Suche nach Unterschlupf sind.

Sandra Heine von der Zuger Gassenarbeit bestätigt, dass der Bedarf einer Notschlafstelle auch in Zug vorhanden wäre. «Wir sind täglich konfrontiert mit Menschen, die jeden Tag woanders unterschlüpfen und keine feste Bleibe haben.» Die Alternative, nach Zürich oder Luzern zu reisen, um in einer Notschlafstelle unterzukommen, sei wenig ansprechend. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie sich dafür ein Zugticket leisten müssen. Hie und da gäbe es laut Heine auch Obdachlose, die während einer gewissen Zeitspanne in Wartehäuschen übernachten, oder in Tiefgaragen.

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Obdachlosigkeit: Kein Thema für die Zuger Polizei

Aber auch jene Menschen scheinen unauffällig zu bleiben. Die Zuger Polizei sieht sich jedenfalls selten konfrontiert mit Obdachlosen, die irgendwo in der Öffentlichkeit schlafen. Polizeisprecher Marcel Schlatter sagt: «Von Zeit zu Zeit begegnen wir Leuten, die am Bahnhof stranden und dort übernachten. Das ist jedoch relativ selten der Fall.» Und auch nicht immer würden sie dann von ihren Schlafplätzen verwiesen. «Es kommt darauf an, ob sie an einem Ort sind, wo sie andere stören könnten. Dann werden sie weggewiesen. Im Grundsatz geht es jedoch um die Gefährdung. Wenn sich also jemand bei minus zehn Grad auf die Bank legt, ist das nicht so eine gute Idee. Dann nehmen wir sie mit und weisen sie einer Institution zu.» Doch eigentlich sei Obdachlosigkeit kein Problem, welches die Polizei in Zug beschäftige.

141 Franken für eine Nacht

Wenn ein Zuger Obdachloser in Luzern in der Notschlafstelle unterkommt, zahlt er als Auswärtiger laut Urs Schwab, dem Leiter des Vereins Jobdach 141 Franken. 141 Franken? Wie kann das sein? «Damit werden insbesondere die Personalkosten gedeckt. Bei uns sind jeweils zwei Mitarbeiter vor Ort und wir haben 365 Tage im Jahr offen. Dazu kommt die ganze Infrastruktur und das Frühstück. Dieser Betrag gilt übrigens erst ab der vierten Nacht. Die ersten drei Nächte zahlen Auswärtige so viel wie Lokale, nämlich 10 Franken.»

Die Luzerner, die in der lokalen Notschlafstelle übernachten, würden im Prinzip ebenfalls 141 Franken zahlen, so Schwab. Nur dass die Luzerner Gemeinden und der Zweckverband für institutionelle Sozialhilfe und Gesellschaft (ZiSG) den Betrag übernehmen. Nach zwei Wochen steigt der Preis, den die Luzerner aus dem eigenen Sack zahlen jedoch von 10 auf 32 Franken. «Diese Preiserhöhung ist als sanftes Druckmittel zu verstehen, damit Betroffene möglichst schnell die nötigen Schritte unternehmen, um Organisatorisches zu erledigen oder sich bei der Fürsorge zu melden.» Durchschnittlich seien es laut Schwab elf bis zwölf Leute, die pro Nacht in die Notschlafstelle kommen.

Die Kosten für Zuger in der Luzerner Notschlafstelle werden von den gemeindlichen Sozialämtern in Zug beglichen. Ob es in Zug ein Bedürfnis nach einer Notschlafstelle gebe, kann Schwab nicht beurteilen. «Es ist nur schon schwierig, zu wissen, wie viele Leute in Luzern draussen schlafen oder in prekären Verhältnissen leben. Die sind ja nicht bei uns und werden daher gar nicht erfasst.»
Im Gegensatz zur Luzerner Notschlafstelle ist eine Übernachtung für Auswärtige in der Stadtzürcher Stelle nur in Notfällen möglich, erklärt Rolf Schuppli, Leiter Wohnen und Obdach.

Zugs Notzimmer sind zu 90% ausgelastet

Die Stadt Zug verfügt über 18 Notzimmer und sechs Notwohnungen. Diese seien laut Markus Jans, dem Leiter des Stadtzuger Sozialamtes derzeit zu etwa 90 Prozent belegt. Dennoch findet er, eine Notschlafstelle brauche es nicht. «Bis vor etwa zehn Jahren gab es in der Stadt eine solche Unterkunft, die von der Gemeinde organisiert war. Die Notschlafstelle wurde jedoch kaum benutzt, weshalb sie wieder abgeschafft wurde.» Würde man eine solche Stelle errichten wollen, müsste man das heute laut Jans im Einbezug mit allen Gemeinden machen. «Die Notzimmer und Notunterkünfte, welche die Gemeinden selber zur Verfügung stellen, reichen meines Erachtens momentan jedoch aus.»

Es besteht also derzeit kein Bestreben darin, Notschlafstellen zu schaffen. Steckt dahinter vielleicht auch die Hoffnung, dass Obdachlose erst gar nicht in Zug bleiben, sondern gleich nach Zürich oder Luzern abwandern? Jans sagt dazu: «Unsere Gemeinden haben den finanziellen Aufwand ja trotzdem, wenn jemand in Luzern in der Notschlafstelle nächtigt. Entsprechend kann nicht die Rede davon sein, dass der Kanton Obdachlose abschieben will. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass Randständige in eine grössere Stadt ziehen, da dort die Möglichkeiten besser sind.»

Zug hat keine Obdachlosen-Szene

Jris Bischof, die Leiterin des kantonalen Sozialamtes in Zug bestätigt, dass die Errichtung einer Notschlafstelle auf kantonaler Ebene noch nie ein Politikum gewesen sei – wohl auch, da dies in der Verantwortung der Gemeinden liege. Sie begründet: «In Zug gibt es keine richtige Obdachlosen-Szene. Wir haben kaum öffentliche Plätze, an denen sich Randständige treffen. Um das ‹Podium 41› ist zwar ein Treffpunkt, das macht aber noch keine Szene. Wenn eine solche Szene jedoch entstehen würde, müsste ein allfälliger Handlungsbedarf diskutiert werden.»

«Es liegt in der Natur der Sache, dass sie nicht fassbar ist. Obdachlosigkeit kann eine Nacht dauern, ein paar Wochen, ein Jahr.»

Urs Schwab, Leiter des Vereins Jobdach in Luzern

Menschen in sogenannt prekären Verhältnissen, die beispielsweise bei Freunden oder Familienmitgliedern unterkommen, sind nirgends verzeichnet, auch werden jene Menschen, die tatsächlich im Freien oder beispielsweise in Tiefgaragen übernachten, nirgends erfasst.

Urs Schwab vom Verein Jobdach sagt dazu: «Es liegt in der Natur der Sache, dass sie nicht fassbar ist. Obdachlosigkeit kann eine Nacht dauern, ein paar Wochen, ein Jahr. De facto können auch wir von der Luzerner Notschlafstelle diese Menschen nur für eine einzige Nacht fassen. Auch sieht man es den Leuten oft nicht an, ob sie obdachlos sind. Das Bild des klassischen Clochards, der im langen, verlotterten Mantel auf der Parkbank schläft, trifft wohl auf die wenigsten Obdachlosen zu.»

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