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«Das Attentat war allenfalls drei, vier Jahre ein Thema in Zug»
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Der ehemalige FDP-Kantonsrat Michel Ebinger ist selbst ein Opfer des Zuger Attentats vom 27. September 2001, das er schwer verletzt überlebte. (Bild: woz)

Michel Ebinger zum Schicksalstag von 2001 «Das Attentat war allenfalls drei, vier Jahre ein Thema in Zug»

5 min Lesezeit 26.09.2018, 15:03 Uhr

Am 27. September jährt sich das Zuger Attentat von 2001. Es gibt wie jedes Jahr einen «schlichten» kirchlichen Gedenkanlass, Blumen auf den Gräbern, Kirchengeläut und Flaggen auf Halbmast. Werden diese Rituale der Erinnerung den Opfern gerecht? zentralplus sprach mit Michel Ebinger, der heute noch unter den Folgen des Attentats leidet. 

Man kann und darf die beiden Ereignisse eigentlich nicht vergleichen: Den Terroranschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 und das Zuger Attentat – nur wenige Tage später, auf das Regierungsgebäude in der kleinen schweizerischen Kantonshauptstadt.

«Nine-Eleven» der Schweiz

«Nine-Eleven» in New York war ein Anschlag islamistischer Terroristen auf das Symbol des internationalen Welthandels mit knapp 3000 Todesopfern. Das Zuger Attentat von Friedrich Leibacher, der zuerst 14 Kantonspolitikerinnen und -politiker und dann sich selbst erschoss, war die Folge des Amoklaufs eines psychisch verwirrten Querulanten, der sich vom Rechtsstaat schlecht behandelt fühlte.

Und doch ist das Zuger Attentat bis heute so etwas wie das «Nine-Eleven» der Schweiz – eine so nie zuvor dagewesene und nie zuvor erlebte menschliche Katastrophe und Tragödie.

Eine Tragödie, die im Prinzip genauso wie der Terroranschlag in den USA nie vergessen werden darf. Doch während in New York die Namen sämtlicher 2977 Opfer am Nine-Eleven-Memorial in Bronze eingraviert sind und während einer Gedenkfeier schon alle öffentlich vorgelesen wurden, stehen die Namen der Zuger Opfer nicht einmal auf der Gedenkplatte vor dem Zuger Regierungsgebäude.

«Man sollte die Namen aus Respekt gegenüber den Verstorbenen aufführen.»

Michel Ebinger, Opfer des Zuger Attentats

Ganz zu schweigen davon, dass man die Gedenkplatte auf dem Boden eher suchen muss, als dass man sie sofort erblicken würde. Dafür gibt’s seit dem Zuger Attentat eine kantonale Ombudsstelle sowie im Regierungsgebäude eine Sicherheitsschleuse plus Fluchtweg mit Wendeltreppe.

Am Nine-Eleven-Memorial in New York sind die 2977 Namen der Opfer des Terroranschlags alle in Bronze eingraviert.

Am Nine-Eleven-Memorial in New York sind die 2977 Namen der Opfer des Terroranschlags alle in Bronze eingraviert.

(Bild: zvg)

«Das mit dem Vorlesen der Namen in New York empfinde ich als Show. Dass man aber die Namen der Zuger Opfer nicht einmal auf der Gedenkplatte oder sonstwie verewigt hat, finde ich auch nicht in Ordnung. Man sollte sie aus Respekt gegenüber den Verstorbenen aufführen», sagt Michel Ebinger.

Als Kantonsrat beim Zuger Attentat schwer verletzt

Der 57-jährige Rotkreuzer, der sechs Jahre lang FDP-Kantonsrat war, hat das Zuger Attentat selbst schwer verletzt wie 17 andere Personen überlebt. Der studierte Jurist lebt heute von einer IV-Rente und leidet unter Leistungsschwäche und einer Gehbehinderung – «Folgen einer massiven Hirnblutung, die infolge der Explosion einer Rohrbombe beim Zuger Attentat ausgelöst wurden».

Eigentlich ist Ebinger eher ein «Erinnerungsgegner» in Sachen Zuger Attentat. Wie er in einem jüngsten Leserbrief schreibt, stört er sich jedes Jahr am Kirchengeläut, das ihn an die schrecklichen Vorkommnisse am 27. September 2001 erinnert.

Der «zweite» Geburtstag am 27. September

«Am 27.9. eines jeden Jahres rege ich mich über das Glockengeläute am Mittag auf, wie ich mich über jedes Glockengeläute aufrege, welches mehr als die Zeit angibt», schreibt er. «Ich werde immer von Dritten daran erinnert, weshalb die Glocken läuten. Von selber kommt es mir nie in den Sinn, dass am 27.9. mein zweiter Geburtstag ist. Ich frage mich jedoch ernsthaft, ob es im Interesse derer ist, welche sich mit dem Ereignis schwer tun, jedes Jahr daran erinnert zu werden.»

«Ich schaue nie zurück.»

Michel Ebinger

Und doch räumt auch Ebinger ein, dass der Kanton Zug keine kollektive Verarbeitung des Attentats betrieben habe, die Opfer bei ihrer Verarbeitung sich weitgehend selbst überlassen habe. «Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es jemals die Möglichkeit gegeben hat, dass Opfer und Angehörige der Verstorbenen gemeinsam über das Zuger Attentat hätten sprechen können.» 

Wobei Ebinger von sich sagt, er sei selbst durch das Zuger Attentat nicht traumatisiert gewesen. Er habe kein einziges Mal davon schlecht geträumt. «Ich schaue nie zurück.» Er habe die Sache abgehakt und gelernt, mit den Folgen zu leben.

Die Gedenkplatte zum Zuger Attentat vor dem Regierungsgebäude: Die Zuger Opfer bleiben anonym.

Die Gedenkplatte zum Zuger Attentat vor dem Regierungsgebäude: Die Zuger Opfer bleiben anonym.

(Bild: woz)

«Mehrere Tage, nachdem ich damals im Spital aufgewacht bin, habe ich eine halbe Stunde lang mit einem Mitarbeiter des Care-Teams gesprochen. Danach musste ich keine psychologische Betreuung mehr in Anspruch nehmen.» Man habe ihn auch in all den Jahren nach dem 27. September 2001 nie mehr auf den Zuger Schicksalstag angesprochen. «Das war allenfalls drei, vier Jahre ein Thema in Zug.»

«Ich habe erfahren, das Leben schätzen zu lernen.»

Michel Ebinger

Liegt es vielleicht an der Kleinheit des Kantons Zug, warum über das Attentat nie in einem grösseren Rahmen gesprochen wurde – oder dass es bis heute ausser einem wiederholt betont «schlichten», religiösen Gedenkanlass keine anderen öffentlichen Gedenkveranstaltungen gibt? Schliesslich waren die 14 Opfer des Zuger Attentats ja alle gewählte Volksvertreter. Also, öffentliche Personen.

Doch in Zug wird über das Attentat eisern geschwiegen. Während sich hochrangige ehemalige Regierungsvertreter durchaus mal in der «Neuen Zürcher Zeitung» zu einem Jahrestag äussern – in der Zuger Öffentlichkeit herrscht zumeist komplette Funkstille. Auch 17 Jahre danach. Warum eigentlich?

Ein Vertreter der Zuger Regierung, dem zentralplus Fragen zur Zuger Erinnerungskultur in Sachen Zuger Attentat geschickt hatte, antwortete, er habe sich noch nie zum Attentat geäussert und wolle dies auch in Zukunft nicht tun – um keine Wunden aufzureissen.

Ebinger: Beziehung zu Familie profitierte

«Das mit der Kleinheit des Kantons kann natürlich zutreffen, weil hier jeder jeden kennt», meint Ebinger, der sich ansonsten auch nicht erklären kann, warum dieses Thema politisch so zurückhaltend behandelt wird. Denn der Kanton habe sich ja bei der Untersuchung des Zuger Attentats nichts vorzuwerfen. «Es wurde von den Behörden nichts versteckt, und es wurden keine Fehler gemacht», ist Ebinger überzeugt.

Zm Gedenktag am 27. September steht ein Blumenstrauss am Denkmal.

Zm Gedenktag am 27. September steht ein Blumenstrauss am Denkmal.

(Bild: woz)

Für ihn persönlich hat das Zuger Attentat nach all den Jahren vor allem eines bewirkt: «Ich habe erfahren, das Leben schätzen zu lernen. Ich habe heute ganz andere Prioritäten – für mich selbst zu sorgen, viel zu lesen. Und es gibt für mich die Gewissheit, dass es ausser Arbeiten noch andere Dinge gibt. Auch die Beziehung zu meiner Familie ist viel besser und intensiver geworden.»

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