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«Das Asylzentrum Gubel ist schweizweit ein Paradebeispiel»
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Der reformierte Pfarrer Michael Wiesmann war zwei Jahre lang als Seelsorger beim Bundesasylzentrum auf dem Gubel tätig. (Bild: lob)

Michael Wiesmann über seine Zeit als Seelsorger «Das Asylzentrum Gubel ist schweizweit ein Paradebeispiel»

6 min Lesezeit 04.10.2017, 10:10 Uhr

Er hat viel gehört über Krieg, Angst und Zerstörung. Pfarrer Michael Wiesmann war zwei Jahre lang Seelsorger beim Bundesasylzentrum Gubel bei Menzingen. Er erzählt uns von seinen Erlebnissen – und wieso er das Dublin-System höchst fragwürdig findet.

Im Frühling 2015 wurde das Bundesasylzentrum auf dem Gubel bei Menzingen trotz einigen Widerstandes für drei Jahre eröffnet (zentralplus berichtete.) Die Kapazität: 120 Betten, zwischendurch wurde diese auf 168 Betten erhöht. Vier Seelsorger betreuen die Asylsuchenden, die auf einen Asylentscheid oder – meistens – als Dublin-Fälle auf ihre Weiterreise warten.

Einer davon ist der 36-jährige Michael Wiesmann, der bis Ende August 2017 dort gearbeitet hat. Dafür braucht es vermutlich eine dicke Haut – als ehemaliger Gefängnisseelsorger, unter anderem in der Strafanstalt Zug, dürfte der reformierte Pfarrer diese aber mitbringen. Wurde es ihm trotzdem zu viel, sodass er seine Tätigkeit vorzeitig beendet hat?

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zentralplus: Herr Wiesmann, bis mindestens im Frühjahr 2018 wird das Zentrum noch geführt, sie haben per Ende August allerdings als Seelsorger aufgehört. Spielten die Umstände eine Rolle?

Michael Wiesmann: Nein, ganz und gar nicht. Das hat in erster Linie mit meiner familiären Situation zu tun, ich bin mittlerweile Vater geworden. Ausserdem war ich in Uetikon schon länger als Jugendpfarrer tätig und kann mich jetzt ganz der Arbeit in meiner Gemeinde widmen. An meinem Job auf dem Gubel lag es definitiv nicht – im Gegenteil.

zentralplus: Sie arbeiten eigentlich schon lange im Zürcherischen als Pfarrer – wie sind Sie nach Zug gekommen?

Wiesmann: Ich habe schon bald nach meinen Studienabschluss ein Praktikum in der Gefängnisseelsorge und ein Nachdiplomstudium in diesem Bereich begonnen. Durch die Arbeit in Anstalten und Bezirksgefängnissen kam ich schlussendlich auch nach Zug, wo ich in der Strafanstalt rund zwei Jahre lang als Gefängnisseelsorger gearbeitet habe. Irgendwann kam dann die Anfrage des Kirchenrats, meinem Arbeitgeber also, ob ich mir auch Seelsorge unter Asylsuchenden in einem Bundeszentrum vorstellen könnte – und so kam ich auf den Gubel.

zentralplus: Was hat Sie gereizt, mitzumachen?

Wiesmann: Eine spannende Aufgabe mit anderen Menschen. Die Begegnung mit verschiedenen Kulturen. Und die Möglichkeit, ein Seelsorgeteam in Zusammenarbeit mit katholischer und reformierter Kirche aufzubauen.

«Wir wollen in erster Linie für den Einzelnen als Mensch da sein.»

Michael Wiesmann, ehemaliger Seelsorger Bundesasylzentrum Gubel

zentralplus: Wie kann man sich einen Arbeitstag vorstellen?

Wiesmann: Das ist nicht ganz einfach zu beantworten, weil es jeden Tag etwas anders ist. Das Bundeszentrum ist für Asylsuchende da, die in der Regel in einen anderen Dublin-Staat zurückkehren müssen. Dementsprechend bleiben sie nicht sehr lange, meistens vier bis sechs Wochen. Sehr viel Zeit verbringen wir also damit, auf die Leute zuzugehen, uns vorzustellen und in Kontakt zu treten.

zentralplus: Und den Rest?

Wiesmann: Mit Gesprächen natürlich. Oder mit Angeboten zur Freizeitgestaltung, gerade auch für die Kinder, mit denen wir oft auch spielen. Im Winter eine kleine Teerunde im Speisesaal. Oder wir veranstalten Feiern und Aktivitäten an den christlichen Feiertagen wie Ostern und Weihnachten, inklusive Besuch des Samichlaus und Ostereierfärben.

Mit Peace-Zeichen und Krakeleien: Jetzt gehen die Türen auf. Für drei Jahre wird die Truppenunterkunft der Schweizer Armee auf dem Gubel als Bundesasylzentrum genutzt.

So präsentierte sich der Eingang zum Bundeszentrum bei seiner Eröffnung 2015.

(Bild: Fabian Duss)

zentralplus: Wie reagieren die Bewohner des Zentrums auf solche Events?

Wiesmann: Interessiert und dankbar. Sie machen gerne mit. Wir wollen damit etwas Tradition vermitteln, aber ohne Zwang. Es geht um ein gegenseitiges Kennenlernen. Wir sind da sehr transparent darüber, dass wir von der Kirche sind. Wir drängen aber niemandem etwas auf, sondern wollen in erster Linie für den Einzelnen als Mensch da sein.

zentralplus: Was interessiert die Asylsuchenden besonders?

Wiesmann: Zu sehen, wie wir leben, wie das Miteinander funktioniert. Und auch, wie wir glauben: Wir veranstalten oft Spaziergänge zum Kloster, wo dann auch die Messe besucht werden kann. Gerade auch Moslems gehen oft mit, um sich die Art, wie der christliche Glaube hier gelebt wird, anzuschauen.

«Vielleicht sollte der kritische Blick mal auf das System anstatt auf die Menschen gelenkt werden.»

zentralplus: Haben Sie auch Konflikte erlebt?

Wiesmann: Ich könnte die Gegenfrage stellen: Wo gibt es keine? Es gab hin und wieder schon mal Streit oder kleinere Konflikte. Das passiert, vor allem wenn Menschen auf engem Raum leben – man könnte es vielleicht auch Lagerkoller nennen. Grosse oder schlimme Konflikte habe ich aber nie erlebt. Im Gegenteil: Das Miteinander hat gut funktioniert. Nicht zuletzt auch, weil man sich im Menzinger Zentrum seitens Betreuung und Sicherheit sehr bemüht hat, einen sicheren Ort zu schaffen und Menschenwürde zu vermitteln.

Zur Person

Michael Wiesmann ist 36 Jahre alt, studierter Theologe und mittlerweile Vollzeit-Gemeindepfarrer der reformierten Kirche in der Zürcher Gemeinde Uetikon. Dort lebt Wiesmann auch mit seiner Familie. Durch ein Praktikum kurz nach Studienabschluss kam er bald in Berührung mit der Gefängnisseelsorge und absolvierte einen Nachdiplom-Studiengang Seelsorge im Straf- und Massnahmenvollzug. So amtete Wiesmann als Jungendpfarrer einerseits und Seelsorger in diversen Anstalten und Bezirksgefängnissen andererseits. Nach zwei Jahren Tätigkeit in der Strafanstalt Zug war Wiesmann ebenso lange, bis Ende August diesen Jahres, als Seelsorger beim Bundesasylzentrum Gubel bei Menzingen tätig.

zentralplus: Sind Ihnen einzelne Gespräche oder Erlebnisse speziell in Erinnerung geblieben?

Wiesmann: Da gab es einige. Zum Beispiel sass ich einmal mit vier jungen Afghanen im Aufenthaltsraum, der Fernseher lief im Hintergrund. Sie erzählten mir gerade von den Problemen mit den Taliban, von der Angst, die herrscht. Plötzlich fragte einer der Männer den anderen: «Ist das nicht dein Nachbardorf?» Bilder von brennenden Häusern wurden gezeigt – die Taliban hatten praktisch sein ganzes Nachbardorf in Brand gesteckt. Das war für mich der Moment, in dem ihre Erzählungen, der Krieg überhaupt, Realität wurden. Umso weniger kann ich heute Menschen verstehen, die mit Aussagen kommen wie «die wollen doch hier eh alle nur schmarotzen».

zentralplus: Machen Sie solche Aussagen wütend?

Wiesmann: Durchaus. Genauso wie das Theater, wenn Asylsuchende Smartphones besitzen. Die sind oft die letzte Verbindung in ihre Heimat – Fotos, Kontakte, alles ist dort drauf. Ist doch klar, sind die Geräte für sie das Wichtigste. Und neben den Kleidern am Leib oft eins der einzigen Dinge, die sie noch besitzen nach einem langen und anstrengenden Weg. Auf diesem sind sie ja noch immer – da sie als Dublin-Fälle meist nicht bleiben können. Vielleicht sollte der kritische Blick mal auf das System anstatt auf die Menschen gelenkt werden.

«Viele der Menschen befinden sich in einer Art Standby-Modus. Man hofft und wartet, viele Probleme bleiben im Hintergrund.»

zentralplus: Sie meinen das Dublin-System – wie es hierzulande gehandhabt wird?

Wiesmann: Nein, in der Schweiz wird das human und mit viel Sachverstand umgesetzt, das ist zumindest mein Eindruck. Aber es geht mir um das Dublin-Prinzip an sich. Es schiebt die Verantwortung primär ärmeren Staaten zu, die damit überfordert sind. Es ist aus menschlicher und völkerrechtlicher Sicht höchst fragwürdig. Eigentlich eine ziemliche Sauerei. Da dürfen sie mich durchaus zitieren.

zentralplus: Was war für Sie die grösste Herausforderung während Ihrer Zeit auf dem Gubel?

Wiesmann: Einerseits wären da zum Teil die Sprachbarrieren, aber oft haben wir es mit den Gesprächen irgendwie hinbekommen. Mit Händen und Füssen, oder am Ende dann halt mit einem Dolmetscher. Auch, dass immer neue Leute im Zentrum ankamen und die Asylsuchenden in der Regel nur wenige Wochen dort verbringen, war nicht immer einfach. Die Zeit pro Person war beschränkt. Überhaupt ins Gespräch zu kommen, kann schwierig sein: Viele der Menschen befinden sich in einer Art Standby-Modus. Man hofft und wartet, viele Probleme bleiben im Hintergrund.

«Die IG Gubel war sehr um das Miteinander zwischen Asylsuchenden und Dorfbewohnern bemüht.»

zentralplus: Was ist Ihr Fazit zur Organisation des Bundesasylzentrums?

Wiesmann: Ich kann allen Beteiligten nur ein riesiges Kompliment machen. Alles war auf Kooperation ausgelegt, was sich auf die Stimmung und die Bereitschaft zur Mitarbeit der Asylsuchenden spürbar ausgewirkt hat. Der Verein IG Gubel war zudem sehr um das Miteinander zwischen Asylsuchenden und den Dorfbewohnern bemüht: Begegnungen, Spaziergänge, Einladung an Dorffeste. Dies alles ist auf beiden Seiten auf sehr grosse Wertschätzung gestossen. Das Asylzentrum Gubel ist in diesem Sinne geradezu ein Paradebeispiel – schweizweit, denke ich.

zentralplus: Ist eine Weiterführung vor diesem Hintergrund denkbar?

Wiesmann: Das kann ich nicht sagen. Aber was man sieht: Die Zahlen im Asylwesen sind seit dem letzten Jahr stark rückläufig. Das merkt man auch an den Zahlen in den Bundeszentren. Von daher gibt es für eine Weiterführung vermutlich kaum Anlass.

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