Darum zeichnen diese Illustratorinnen Intimhaare und Hängebrüste
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Die Luzerner Illustratorin Line Rime (26). (Bild: zvg/Line Rime)

Luzernerinnen setzen Statements Darum zeichnen diese Illustratorinnen Intimhaare und Hängebrüste

7 min Lesezeit 2 Kommentare 14.03.2021, 19:09 Uhr

Es gibt einige Illustratorinnen in Luzern, die sich mit dem Frausein auseinandersetzen. Line Rime illustriert eine Vielfalt von Frauenkörpern, Nadja Baltensweiler hat als wissenschaftliche Illustratorin über 300 Illustrationen der weiblichen Geschlechtsorgane studiert und eine Aufklärungsbroschüre publiziert. Nora Ryser hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst keine Männer zu zeichnen.

Frauen mit hängenden Brüsten und Haaren im Intimbereich: Die freischaffende Illustratorin Line Rime (26) will mit gängigen Stereotypen brechen und die Norm hinterfragen.

«Ich möchte mehr Platz geben für jegliche Art von Frauenkörpern, so dass auch diese zur Norm werden», sagt Rime. «Oder zumindest mehr Diversität sichtbar wird.»

Denn durch die Werbung wird uns meist nur ein Frauenbild kolportiert: schlank, glattrasierte Beine und volle Lippen. Oder in klassischen Schulbüchern: Er, der Arzt oder Chef. Sie, die Krankenschwester oder Sekretärin.

Rime vertauscht die Rollen, macht diejenigen sichtbar, die ausgeblendet werden. Zeichnet die Frauen mollig oder haarig. Oder beides.

Diversität beim Zeichnen

Damit möchte sie andere zum Nachdenken anregen. «Und zeigen, dass es beispielsweise okay ist, sich zu rasieren – oder die Haare spriessen zu lassen. Die Entscheidung liegt bei jeder einzelnen Frau – ob inter, non-binär und trans – also sogenannten FINT-Personen.»

«Ich möchte mit meiner Arbeit andere Frauen ermutigen, so zu sein, wie sie sein wollen.»

Line Rime, Luzerner Illustratorin

Und nur die einzelne Frau habe darüber zu entscheiden. Und das frei vom Druck und den Erwartungen der Gesellschaft. Rime geht es um Empowerment: «Ich möchte mit meiner Arbeit andere Frauen ermutigen, so zu sein, wie sie sein wollen.»

Ihr gehe es nicht darum, den eigenen Körper zu lieben, sondern vielmehr, Körper in all ihren unterschiedlichen Aspekten zu respektieren und den eigenen Körper versuchen zu akzeptieren.

Frauen freuen sich mit ihr

Auf ihre Illustrationen bekommt Rime lobende Worte von Frauen. Hie und da frage sie ein Mann irritiert oder äussere die Meinung, dass glattrasiert eben schon schöner wäre.

Rime versteht das nicht. «Wieso stört es jemanden, wenn ich eine Frau mit hängenden Brüsten zeichne?» Doch immerhin kann sie dann an das Gespräch anknüpfen, eine Diskussion entsteht. «Und das ist der wichtige Punkt.»

Diese Diversität zeigt Rime unter anderem auch in ihrer Postkartenserie «Fraulenzen»:

Haare zeigt Line Rime auch hier:

(Illustration: Line Rime)

Persönliche feministische Anliegen

Natürlich fliessen auch persönliche Erlebnisse und Ansichten in ihre Arbeit als Illustratorin mit ein. «Feministische Angelegenheiten sind ein wichtiger Teil von meinem Alltag. Mein Bezug zum Körper und was in einer Gesellschaft als Norm gilt, beschäftigt mich in meiner Arbeit.»

Die Künstlerin liest Bücher über Feminismus, diskutiert mit ihren Freundinnen darüber, möchte aufzeigen, diskutieren und hinterfragen. Und manchmal, manchmal ist Rime auch selber wütend.

Etwa, wenn ein sexistischer Spruch fällt. Ihr jemand im Ausgang an den Po grabscht. Oder wenn ein «Nein» nicht als «Nein» akzeptiert wird, gerade im Kontext sexueller Beziehungen – das macht Rime richtig wütend.

«Manchmal frage ich mich auch, ob es so einen riesigen Unterschied macht, wenn ich die Frauen anders als der Norm entsprechend zeichne», sagt Rime. «Oder ob ich damit sogar eine falsche Version der Welt zeige.»

Denn Zeichnen alleine genügt nicht, wenn die Realität anders ist. Die Strukturen dagegen sprechen. Beispielsweise fragte sich Rime das, als sie im Auftrag einer Partei Illustrationen anfertigen musste. Die Partei wollte auch People of Color innerhalb ihres Parteihefts – obwohl innerhalb der Partei praktisch nur Weisse sitzen.

Luzernerin veröffentlichte Aufklärungsbroschüre

Auch andere Frauen setzen sich in Luzern in ihrer Arbeit mit dem Frausein auseinander. Eine von ihnen ist Nadja Baltensweiler. Die 35-Jährige arbeitet als wissenschaftliche Illustratorin und hat sich auf medizinische Inhalte spezialisiert.

In ihrer Arbeit nehmen Themen wie die weibliche Gesundheit einen grossen Platz ein. Sie arbeitet mit Gynäkologinnen, Ärztinnen und Spitälern zusammen, fertigt unter anderem Illustrationen im Bereich Geburtshilfe, Brustkrebsdiagnostik, Kaiserschnittaufklärung oder Frühgeburten an.

Die 35-jährige Nadja Baltensweiler arbeitet als wissenschaftliche Illustratorin und hat sich auf medizinische Inhalte spezialisiert. (Bild: Nadja Baltensweiler)

Vor vier Jahren hat sie die Aufklärungsbroschüre «So sieht’s aus bei der Frau» veröffentlicht. Und auch da gibt es Haare im Intimbereich. «Wenn auch viel zu wenig», meint Baltensweiler und lacht. «Das war ein Kompromiss.»

«Während meiner Recherche realisierte ich, dass äussere Geschlechtsorgane in populärwissenschaftlichen Publikationen oft fehlerhaft, verschwommen oder abstrahiert dargestellt werden.»

Nadja Baltensweiler, wissenschaftliche Illustratorin

Die Aufklärungsbroschüre entstand nicht aus einer feministischen Motivation. Ob sie Feministin ist oder nicht, fragte sie sich damals gar nicht.

Baltensweiler überlegte sich damals im Rahmen ihres Masterstudiums, über was es im medizinischen Bereich nur wenige Illustrationen gibt, beziehungsweise nur wenig gute. «Zwar zeichnete bereits Leonardo da Vinci das weibliche Geschlecht aus einer wissenschaftlichen Perspektive», so Baltensweiler. «Aber während meiner Recherche realisierte ich, dass äussere Geschlechtsorgane in populärwissenschaftlichen Publikationen oft fehlerhaft, verschwommen oder abstrahiert dargestellt werden.»

(Illustration: Nadja Baltensweiler)

Mit damals 30 Jahren lernte sie mehr über das weibliche Geschlecht

Mit damals 30 Jahren war sie geschockt, was sie alles nicht wusste. Beispielsweise, wie gross die Klitoris wirklich ist oder wie divers Vulven sind. Sie las sich weiter ins Thema ein, las Bücher und Fachartikel zu Anatomie und Darstellung der weiblichen Geschlechtsorgane.

Und Baltensweiler realisierte: Es gibt noch viel zu tun. «Während meiner Recherche 2013 kam ich zur Erkenntnis, dass das weibliche Geschlecht und die weibliche Sexualität noch immer tabuisiert werden.»

«Früher reagierte ich allergisch darauf, wenn man mich fragte, was denn mit den Männern sei.»

Nadja Baltensweiler

Auch wenn die Aufklärungsbroschüre für Frauen so alleine stehen kann, reizt es sie, ein ähnliches Projekt für die männlichen Geschlechtsorgane zu realisieren. «Früher reagierte ich allergisch darauf, wenn man mich fragte, was denn mit den Männern sei», so Baltensweiler. «Weil der Bedarf bei Frauen für mich offensichtlich war.» Baltensweiler analysierte über 300 Illustrationen, aus über 35 Publikationen aus dem Jahr 2013.

Bei gerade einmal bei 4 Prozent aller Darstellungen war die Klitoris komplett abgebildet und korrekt beschriftet. Das Wort Vulva – die korrekte Bezeichnung für die äusseren Geschlechtsorgane der Frau – kommt so gut wie nie vor.

«Ich habe mir für meine Arbeit vorgenommen, möglichst keine Cis-Männer zu zeigen.»

Nora Ryser, Illustratorin

Durch ihre Arbeit habe sie gelernt, mit vielen Menschen, sei es mit ihrer Grossmutter oder Freundinnen, ganz offen über das weibliche Geschlecht zu sprechen. «Dasselbe über die männlichen Geschlechtsorgane zu tun, wäre sicher spannend.»

Bernerin zeichnet möglichst nur Frauen und Kinder

Männer sucht man bei den Illustrationen der Bernerin Nora Ryser, die in Luzern studierte, (fast) vergebens. «Ich habe mir für meine Arbeit vorgenommen, möglichst keine Cis-Männer zu zeigen», sagt Ryser. Die 27-Jährige zeichnet Kinder, Frauen und Menschen anderen Geschlechts. «Männer erhalten in dieser Gesellschaft sonst schon sehr viel mehr Plattformen als Zugehörige anderer Geschlechter», begründet Ryser.

(Illustration: Nora Ryser)

Das immer umzusetzen, ist gar nicht so einfach. «Ich bin nicht immer ganz konsequent, in Auftragsarbeiten kommt es auch mal zu Kompromissen», so Ryser, die ein Masterstudium in Kunstvermittlung begonnen hat. Auch schon erwiderten Kunden, dass Illustrationen ganz ohne Cis-Männer – also Männer, die sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, identifiziert fühlen – nicht die ganze Gesellschaft abbilden würde.

Aber auch mit diesem Einwand hat Ryser etwas Wichtiges erreicht: Dass das Thema auf den Tisch kommt, darüber diskutiert wird. Als Kompromiss hat Ryser dann beispielsweise auch schon einmal einen Mann nur klein und von hinten gezeichnet. Oder sie kommt gänzlich ohne Figuren in ihren Illustrationen aus.

Ein Velo-Flick-Buch

«Gerechtigkeit und Antidiskriminierung sind wichtige Anliegen von mir und treiben mich in meinem Alltag und somit auch in meiner Arbeit stark um», sagt Ryser. Entstanden sind so Illustrationen für den Frauenstreik, zum Buch «Gruss aus der Küche» mit Geschichten zum Frauenstimmrecht in der Schweiz. Oder das «Velo-Flick-Buch», das als Abschlussarbeit ihres Studiums an der Hochschule Luzern entstanden ist.

«Nervst du dich auch, wenn dein Papa dir den Schraubenzieher oder die Fahrradpumpe aus der Hand nimmt, weil er denkt, dass er es besser kann, oder, weil er dir einfach nur helfen will?», fragt Ryser da. Ursprünglich wollte sie das Buch explizit für Mädchen machen. Davon kam sie jedoch wieder ab. «Weil ich das Gefühl hatte, dass ich so die Annahme repliziere, dass Mädchen weniger Bezug zu Technik hätten als Jungs.»

Die Bernerin Nora Ryser.

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2 Kommentare
  1. mebinger, 15.03.2021, 16:36 Uhr

    Interessant zu lesen, aber für mich völlig irrelevant. Ich will einfach eine Frau im Bett und kein rasiertes Baby. Aber jeder soll es halten wie er will. Wer gerne magersüchtige rasierte Frauen hat, der soll glücklich werden genau so wie derjenige, der gerne Fleisch am Knochen hat und auf Natürlichkeit steht. Eigentlich dient die ganze Diskussion nur dem Geldbeutel der Schönheitsindustrie und ist somit völlig irrelevant

  2. Sandra Muff, 15.03.2021, 10:43 Uhr

    Wie verklemmt sind wir denn? Geht mal an einen FKK Strand, da sieht man alle Formen, ob dick oder dünn, mit viel, wenig oder ohne Haaren. Und das ist gut so. Da braucht es keine Bücher mehr. Allerdings gibt es da auch Männer, die sich gewisse Frauen wohl am liebsten weg wünschen.

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