Darum kann eine Nacht in der Notschlafstelle Luzern 32 Franken kosten
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Urs Schwab vom Verein Jobdach hat tagtäglich mit den Obdachlosen und Drogensüchtigen zu tun. (Bild: zvg / Jobdach.ch)

Viel Geld für Obdachlose Darum kann eine Nacht in der Notschlafstelle Luzern 32 Franken kosten

5 min Lesezeit 3 Kommentare 06.02.2021, 19:00 Uhr

Die Notschlafstelle in Luzern ist oft die letzte Station für Obdachlose – und müsste darum möglichst günstig sein. Warum eine Übernachtung statt 10 32 Franken kosten kann, erklärt uns Urs Schwab vom Verein Jobdach Luzern.

«Sorry, hesch mir ächt en Stutz für’d Notschliifi?» Eine Frage wie diese dürften die meisten von uns schon einmal gehört haben. Manch ein Bedürftiger argumentierte schon, dass eine Übernachtung in der Notschlafstelle in Luzern überteuerte 32 Franken kostet – was in der Bevölkerung für Irritation sorgt. Besonders weil eine Übernachtung in anderen Kantonen viel günstiger ausfällt. In Basel kostet eine Nacht beispielsweise sechs Franken, in Zürich und Bern sind es fünf Franken. Wie setzt sich also der Preis in Luzern zusammen? Auf der Website von Jobdach gibt es diesbezüglich keine eindeutige Auskunft.

Also hat zentralplus bei der Notschlafstelle Luzern nachgefragt. «Der Preis von 32 Franken ist falsch – und trotzdem richtig», erklärt Urs Schwab, Fachbereichsleiter vom Verein Jobdach, der die Notschlafstelle in Luzern betreut.

Verschiedene Preise als Anreiz

«Grundsätzlich kostet eine Übernachtung für Personen aus dem Kanton Luzern bei uns 32 Franken», sagt Schwab. «Für Selbstzahler, Menschen, die ohne Kostengutsprache – also ohne Unterstützung durch ein Sozialamt – bei uns eintreten, gilt der ermässigte Tarif von 10 Franken.» In diesem Preis inbegriffen ist jedoch nicht bloss ein Bett, sondern auch ein Frühstück, die Benützung von sanitären Anlagen inklusive Hygieneartikeln und einem Konsumationsraum für Süchtige. Weiter stehen Handwerksmaterialien wie Nadel und Faden bereit und die Küche darf benutzt werden. Auch Beratungsgespräche sind möglich – sofern sie denn gewünscht sind.

«Bei uns steht der Mensch im Zentrum und wir wollen ihm weiterhelfen. Wir zwingen ihn aber zu nichts.»

Urs Schwab, Fachbereichsleiter Verein Jobdach

Der Preis von 10 Franken gilt für 15 Nächte pro Monat und für Obdachlose wie auch Personen, die aus anderweitigen Gründen kurzfristig ein Obdach suchen. Wer jedoch mehr als diese 15 Nächte pro Monat bleibt, muss für die weiteren Nächte den höheren Preis von 32 Franken pro Nacht berappen. Das soll als Anreiz dienen, damit nicht immer die gleichen Personen die Zimmer belegen, sondern auch andere Bedürftige die Möglichkeit haben, von den Angeboten der Notschlafstelle zu profitieren. Wer insgesamt 30 Nächte in der Notschlafstelle verbracht hat, wird für 30 Tage gesperrt und muss sich für diese Zeit eine andere Lösung suchen.

Biegsame Regeln

Aber selbst diese Regel ist nicht in Stein gemeisselt. Je nach Situation und Antrieb der Besucher wird anders entschieden. «Wenn jemand zu uns kommt und an sich arbeiten will – beispielsweise eine Wohnung oder einen Job suchen möchte – dann kann diese Person bis zu drei Monaten bleiben.»

Dann nämlich setzen sich Schwab und sein Team mit dem Betroffenen hin und planen die nächsten Schritte, die für das Ziel des Bedürftigen notwendig sind. Manchmal, erzählt Schwab, brauche es Jahre, bis eine Person den nächsten Schritt mache. Aber: «Bei uns steht der Mensch im Zentrum und wir wollen ihm weiterhelfen. Wir zwingen ihn aber zu nichts.» Weil es aber auch viele Bedürftige gebe, die keine Ambitionen hätten, seien die Preisregelungen notwendig.

«In der Schweiz gibt es für jeden ein Sozialhilfesystem.»

Der Verein Jobdach legt grossen Wert darauf, die Bedürftigen wieder ins Sozialsystem zu integrieren. «Wir haben es mit Menschen zu tun, die drogensüchtig, krank oder anderweitig benachteiligt sind.» Viele von ihnen hätten keine Krankenkasse und dadurch auch keine Sicherheit mehr. Darum helfe und begleite man willige Personen auch in dieser Hinsicht. Schwab stellt klar: «In der Schweiz gibt es für jeden ein Sozialhilfesystem.»

Hotels stellten im Sommer freie Zimmer zur Verfügung

Natürlich hat die Coronakrise auch die Arbeit von Schwab und seinem Team stark beeinflusst. «Wir haben die Anstrengungen mit unseren Leuten massiv intensiviert.» Weil in der Notschlafstelle in Gruppenzimmern übernachtet wird, haben die Betreiber nach Alternativen gesucht, um die Bedürftigen sicherer unterbringen zu können, sei es in festen Anschlusslösungen wie eigenen Wohnungen oder Pensionszimmern. Oder Hotels. Im Sommer hätten einige Hotels mit freien Zimmern ausgeholfen. «So konnten wir dem Dichtestress entgegenwirken.» Die Kosten für die Hotelzimmer wurden von der Sozialhilfe übernommen.

Auch musste die Notschlafstelle das Angebot für gewisse Personen einschränken. So wurden Menschen, die eigentlich ein festes Zuhause haben, aber gelegentlich und aus verschiedensten Gründen in der Notschlafstelle übernachten, darüber informiert, dass sie derzeit kein Bett beziehen könnten. «Unter normalen Umständen wären solche Besucher kein Problem», sagt Schwab.

Nicht mehr Besucher als sonst

Immerhin kommt es bei den aktuellen Temperaturen nicht zu einem Engpass. Wie Urs Schwab erklärt, nehmen die Übernachtungen in der kalten Jahreszeit nicht zwingend zu. «Obdachlosigkeit ist nicht witterungsabhängig», sagt er und fügt an: «Die Betroffenen suchen sich schon frühzeitig im Herbst eine Unterkunft für den Winter.»

Auch wenn es schwierig ist, eine genaue Zahl zu nennen, schätzt Schwab die Zahl der Übernachtungen pro Nacht auf acht bis neun Personen. «Mit grossen Schwankungen in beide Richtungen», ergänzt er. Aufs Jahr verteilt seien es rund 250 Personen, Überschneidungen inklusive.

Hilfe als Präventivmittel

Zurück zu den «Hesch-mir-en-Stutz»-Bettlern: Schwab sagt, dass es selten diese Bettler seien, die dann tatsächlich in der Notschlafstelle einkehrten. «Diese brauchen das Geld meist eher für Alkohol oder Drogen und kommen dann zu uns, um die Drogen in einem geschützten Umfeld zu konsumieren.»

Trotzdem rät Schwab, hin und wieder einen Franken zu geben, auch wenn man die Sucht eigentlich nicht unterstützen möchte. «Wenn man damit verhindert, dass Süchtige zu anderen – auch kriminellen – Methoden greifen, um an Geld zu kommen, dann hat sich dieser Franken gelohnt.»

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3 Kommentare
  1. Rudolf 1, 07.02.2021, 06:53 Uhr

    Obdachlose? Ein Hauseingang ist auch ein Obdach. Deshalb spricht man bereits lange von Wohnungslosen.

  2. Patrick Wegscheider, 07.02.2021, 01:40 Uhr

    Notschlafstellen sollten pauschal *kostenfrei* sein.
    Durch den Erlass von Kosten könnte so sinnfreie Bürokratie, wie beispielsweise wer schon wie lange dabei ist, weggespart werden.
    Zudem kommt dieser krude Aufschlagswucher auf 32 Fr. einer vermessenen Bevormundung gleich,
    die viel Vertrauen zerstört und so die Situation der Betroffenen verschlechtert.
    Würde diese paternalisierende Bevormundung durch Vertrauen ersätzt, wäre eine langfristige Verbesserung der Situation viel aussichtsreicher.

    1. Rudolf 1, 08.02.2021, 16:52 Uhr

      Herr Wegscheider, man müsste die effektiven Kosten des Vermieters für eine solche Übernachtung kennen. Die liegen bestimmt weit über 32 CHF. Dann müsste man wissen, wer jeweils die Differenz übernimmt, welche durch die verbilligte Vermietung entstehen.

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