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Darum bekämpften sich CVP und FDP bis aufs Blut
  • Politik
Das waren noch Zeiten: Wahlplakate 1975 in Luzern. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Historische Rivalen Darum bekämpften sich CVP und FDP bis aufs Blut

4 min Lesezeit 1 Kommentar 14.08.2015, 13:05 Uhr

Die Luzerner CVP geht mit der FDP eine Listenverbindung ein. Das war früher unvorstellbar. Die politische Teilung war fest im Alltagsleben manifestiert: Man ging nicht in denselben Turnverein, nicht in denselben Chor, nicht in dieselbe Beiz. Aber warum eigentlich nicht?

Im Kanton Luzern war ein friedliches Miteinander von CVP und FDP bisher unmöglich. Die zwei Parteien konnten sich in der Vergangenheit nicht ausstehen. Nun gehen sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine Listenverbindung ein, nämlich für die National- und Ständeratswahlen (zentral+ berichtete). Das ist ein historisches Novum. Unsere Eltern und Grosseltern können sich noch gut an andere Zeiten erinnern. Aber warum waren die Fronten so lange so verhärtet? 


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Krieg mit 120 Toten

Was heute die CVP ist, waren früher die «Katholisch-Konservativen». Die «Roten». Auf der Gegenseite standen die «Liberalen». Das waren die «Schwarzen». Daraus entstand die heutige FDP. Der Konflikt zwischen Konservativen und Liberalen geht zurück bis in die Zeit des Schweizer Bürgerkrieges.

«Luzern war Schauplatz der bewaffneten Freischarenzüge 1844 und 1845, bei denen Radikale und Liberale versuchten, die konservative Regierung zu stürzen», erklärt der Luzerner Historiker Pirmin Meier. Die Aufstände hatten die Gründung des Sonderbundes, einer katholischen Schutzvereinigung, zur Folge. Der Sonderbundskrieg 1847 forderte in der Schweiz insgesamt 120 Todesopfer. Davon mehr als 100 bei den Liberalen.

«Vor 30 Jahren ging man als CVP’ler in Rickenbach ins Rössli, als FDP-Liberaler in den Leuen.»

Pirmin Meier, Luzerner Historiker

Die Luzerner machten rund 2’000 Gefangene. Die Kantonsregierung ging gegen die Aufständischen hart vor: Über 700 Luzerner wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt, die Freischärler aus anderen Kantonen gegen hohe Lösegeldzahlungen freigelassen. Später wurde die Luzerner Regierung mit Hilfe von Truppen aus anderen Kantonen gestürzt. Nachdem Luzern geschlagen war, ergaben sich auch die übrigen Sonderbundsmitglieder. 

Rot gegen Schwarz

Letzter Bürgerkrieg

Der Sonderbundskrieg dauerte vom 3. November bis zum 29. November 1847 und war die letzte militärische Auseinandersetzung auf Schweizer Boden. Als Ergebnis wurde durch die Bundesverfassung vom 12. September 1848 die Schweiz vom Staatenbund zum Bundesstaat geeint. Die gesellschaftlichen Fronten verliefen zwischen den Radikal-Konservativen und den Liberalen. 

Die konservativen Kräfte gelangten im Kanton Luzern erst im Jahre 1871 wieder an die Macht, die sie aufgrund ihrer Niederlage im Sonderbundskrieg (1847) an die liberalen Kräfte abgeben mussten. 

Dieser Krieg hatte tiefgreifende Folgen für die Luzerner Gesellschaft, sagt Politologe Iwan Rickenbacher. «Die Leute haben später nicht mehr zu den Waffen gegriffen. Aber es war eine Unverträglichkeit vorhanden und eine absolute Abgrenzung zwischen den zwei Kräften.» 

Die Katholisch-Konservativen dominierten die Politik in den ländlich-katholischen Kantonen der Innerschweiz, im Wallis und im Kanton Freiburg, während sie sich im Tessin einen langwierigen Machtkampf mit den Liberalen lieferten. In Luzern war dieser Konflikt ebenfalls besonders heftig. «Im katholischen Kanton Luzern spielen Religion und Kirche noch heute eine grössere Rolle als in anderen, speziell den reformierten Schweizer Kantonen», sagt Rickenbacher.

Politische Todesurteile an der Tagesordnung

Rot gegen Schwarz, das war eine Konfrontation in den wichtigsten gesellschaftlichen Fragen. Sie zog sich über Generationen hinfort. «Bei unseren Grosseltern waren die Gedanken noch stark verankert. Auch in der Generation unserer Eltern hat der gesellschaftliche Graben noch eine starke Rolle gespielt», sagt Rickenbacher. 

In der Zeit vor und bis zum Sonderbundskrieg waren politische Verhaftungen an der Tagesordnung. Es gab Todesurteile, Hausdurchsuchungen, Presseprozesse, Ausbürgerung, Verhängung von Konkurs gegen Andersgesinnte – auf beiden Seiten des Kampfgetümmels. «Zum Beispiel Luzern 1845 gegen den Arzt Jakob Robert Steiger, im Aargau 1847 gegen Xaver Wiederkehr, Mitgründer des Schweizerischen Studentenvereins, beide retteten sich durch Flucht», sagt Historiker Pirmin Meier. Die Justiz sei konsequent als Waffe genutzt worden.  

Schlacht bei Gisikon: Freischarenzüge gegen Truppen der Konservativen.

Schlacht bei Gisikon: Freischarenzüge gegen Truppen der Konservativen.

(Bild: zvg)

Heiraten war tabu

Der Krieg hinterliess seine Spuren. Die politische Teilung zwischen den Konservativen, den Roten, und den Liberalen, den Schwarzen, war auch in der Nachkriegszeit noch fest im Alltagsleben verankert. Man ging nicht in denselben Turnverein, nicht in denselben Chor. «Fast jede Gemeinde hatte eine konservative Beiz und eine liberale Beiz. Vor 30 Jahren ging man als CVP’ler in Rickenbach ins Rössli, als FDP-Liberaler in den Leuen», sagt Meier.

«Es kam sehr darauf an, aus welchem Haus man stammte.»

Pirmin Meier, Luzerner Historiker

In Rain spielte man entweder in der «Musikgesellschaft Harmonie» oder in der «Feldmusik». Die Lebenswelten der beiden Lager waren aufgeteilt. «Es war oft nicht angebracht, Familienmitglieder über die rot-schwarze Grenze hinweg zu heiraten», so Meier. «Es kam sehr darauf an, aus welchem Haus man stammte.»

SVP als neue konservative Kraft

Der Gegensatz Liberale und Konservative bestand mindestens 150 Jahre lang und bestimmte die politische Kultur im Kanton Luzern. «Ideologische und politische Gegensätze waren mit ein Grund, warum die zwei Parteien noch nie eine Listenverbindung eingegangen sind», sagt Iwan Rickenbacher.

Nun ist es 2015 das erste Mal soweit. Eine gemeinsame Wahlliste für die eidgenössischen Wahlen vereint die CVP und die FDP. Deshalb wird der Zusammenschluss als «historisch» betitelt. In anderen Kantonen ist ein Miteinander der zwei Parteien schon länger gang und gäbe. «In der Vergangenheit versuchten es die zwei Luzerner Parteien immer im Alleingang oder mit kleinen Gruppierungen», sagt Politologe Iwan Rickenbacher. «Die Wahlergebnisse waren dann halt nicht immer so, wie man es sich gewünscht hätte.»

Zwei grosse traditionelle Parteien tun sich zusammen. Ein wichtiger Aspekt dafür sei die heutige Stärke der SVP, so Rickenbacher. «Man hat Befürchtungen, dass Stimmen an die SVP verloren gehen könnten.» Das überspiele alle alten ideologischen Kämpfe. Also heisst der politische Gegner für die CVP wie auch für die FDP heute SVP. Die – historisch betrachtet – neue konservative Kraft im Kanton.  

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1 Kommentare
  1. Pirmin Meier, 15.08.2015, 00:21 Uhr

    Die Bürgerkriegswirren von 1844 bis 1847 sind kompliziert.

    Die genannten Opferzahlen im Artikel betreffen nicht den Sonderbundskrieg, sondern die Freischarenzüge 1844/45. Hier hatten die Liberalen tatsächlich mehr Opfer, sie waren in der Frühphase des Bürgerkrieges die Verlierer. Auf dem Bild zum Gefecht bei Gisikon von 1847 kämpften nicht Sonderbundstruppen gegen Freischaren, sondern Sonderbundstruppen gegen die reguläre Armee der Eidgenössischen Tagsatzung unter Führung von General Dufour.

    In der luzernischen liberalen Tradition wurden aber die Freischarenzüge, trotz Niederlage, stärker gefeiert als der Sondersbundskrieg, bis hin zu einem traditionellen liberalen Parteitag jeweils am 8. Dez., dem Tag der Niederschlagung des 1. Freischarenzuges, bei dem die Konservativen übrigens der Meinung waren, die Muttergottes (Feiertag Mariä Empfängnis) sei auf ihrer Seite gewesen. Eindrückliche Erinnerungen an den 2. Freischarenzug vom 31. März und 1. April 1845 haben wir im Restaurant Klösterli Malters mit erhaltenen konservierten Einschusslöchern. Ferner natürlich der Friedhof Malters mit dem Grabdenkmal der liberalen Freischärler. Ein Ehrengrab von Jakob Robert Steiger und Kasimir Pfyffer (Kreuz noch erhalten) oberhalb der Luzerner Hofkirche im ganz alten ehemaligen Friedhof erinnert ebenfalls an den 2. Freischarenzug, obwohl Kasimir Pfyffer nicht mitgemacht hatte, im Gegenteil, er weigerte sich, den Freischärlern die Stadtschlüssel zu übergeben, das wäre Hochverrat gewesen. Aber Pfyffer war Verteidiger Steigers, als dieser am 3. Mai 1845 zum Tode durch Erschiessen verurteilt wurde, jedoch 6 Wochen später befreit, u.a. durch Polizisten, die denkwürdigste Widerstandshandlung in der Geschichte der Schweizer Polizei. Die Polizisten, die Steiger geholfen hatten, wurden dann, zwar knapp, in Zürich und Umgebung eingebürgert. Sie riskierten also voll ihren Job. Das war nicht einfach Willkür, sondern über 10 000 hatten eine Petition zur Befreiung Steigers unterzeichnet, so fast alle Beromünsterer Chorherren und Bürgerinnen und Bürger aus der ganzen Schweiz. Die Anhängerinnen Steigers wurden auch “Pfefferweiber” genannt. Wegen der politischen Todesurteile der damaligen Zeit erreichte es Steiger, der Drittunterzeichner der Bundesverfassung von 1848, dass “keine Todesurteil aus politischen Gründen” ausgesprochen werden darf, das stand, solange es die Todesstrafe gab, in der Schweizer Bundesverfassung. Übrigens wurde die Todesstrafe, bald nach 1866 (Eidg. Volksabstimmung) von den Luzerner Konservativen, als sie endlich wieder die Mehrheit hatten, postwendend neu eingeführt.

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