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«Dann muss ich ja noch lernen zu kochen!»
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Ob Businesstyp oder Bauarbeiter, vor dem Buffet im Migros-Restaurant sind alle gleich. (Bild: zentralplus/bas)

Ein Mittag im Migros-Restaurant, das 2017 zu geht «Dann muss ich ja noch lernen zu kochen!»

6 min Lesezeit 11.10.2016, 16:51 Uhr

Mit dem Migros-Restaurant geht zwar kein besonders elegantes oder hippes Restaurant zu, doch verliert Luzern damit einen kunterbunten Mikrokosmos mitten in der Neustadt. Einen Ort, wo Herren mit Krawatte neben waschechten Büezern Hirschpfeffer schlemmen, wo Kinder mit ihren Grossvätern Dessert mampfen und wo Alleinstehende für ein paar Stunden ihrem einsamen Alltag entfliehen.

«Grüezi. Drizäh Franke Achzg, bitte.» Die Kassiererin im Migros Restaurant an der Luzerner Waldstätterstrasse nimmt die Zwanzigernote eines älteren Mannes entgegen. «Ond sächs Franke zwänzg retour. Danke. E schöne Tag», sagt sie und ist mit den Augen bereits bei meinem Tablett, während der Mann gemächlich das Münz in seinem Portemonnaie verstaut und sich einen Platz am Fenster sucht. Meine Tasse Kaffee kostet drei Franken – ein unschlagbarer Preis im Vergleich mit der restlichen Neustadt.

Der Halbliter Schorle gehört zum Menü

Während ich mir einen Platz im schmucklosen Restaurant suche, klappert und scheppert es im Hintergrund. Köche sind eifrig daran, mit Pfannen zu hantieren und das Buffet mit Essen zu füllen. Es ist 11.30 Uhr, das Mittagsgeschäft kommt gerade in die Gänge.

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Die Migros will den Standort Waldstätter ausbauen. Das Migros-Restaurant im Obergeschoss muss weichen.

Die Migros will den Standort Waldstätter ausbauen. Das Migros-Restaurant im Obergeschoss muss weichen.

(Bild: les)

Bereits jetzt sitzen einige Männer mit Hemd und Krawatte vor ihrem Teller, gucken geschäftig aufs Handy und schaufeln fast ausnahmslos das Tagesmenu in sich hinein: Hirschpfeffer mit Spätzli und Rotkraut. Kostenpunkt: 13 Franken, 80 Rappen. Im Preis inbegriffen ist ein halber Liter Trauben-Apfelschorle, aus der Migros-Kollektion, bio.

In einer Ecke sitzen zwei ältere Frauen bei Kaffee und Kuchen, die eine tätschelt der anderen den Arm. Weiter hinten hat ein vollbärtiger Student seine Habseligkeiten ausgebreitet und besetzt mit Rucksack, Jacke, Laptop und Büchern fast den ganzen Tisch. Lange wird er den Platz nicht mehr beanspruchen können, denn das Restaurant beginnt sich zu füllen.

Ein Platz für alle

Dass das Migros-Restaurant an der Waldstätterstrasse im Frühling 2017 geschlossen und in Einkaufsfläche verwandelt werden soll (zentralplus berichtete), davon ist an diesem Mittag noch nichts zu spüren. Im Gegenteil. Alleine mit der Zeitung, zu zweit, mit Arbeitskollegen, in Überhosen oder mit Jackett und Krawatte: Immer mehr Leute sitzen mit ihrem Tablett an einen Tisch.

Der Lärmpegel steigt. Gespräche plätschern dahin, Besteck klirrt und immer öfters klingt von der Kasse her das «Danke. E schöne Tag» der Kassiererin. Ein Baby kreischt, jemand lacht laut. Die ankommende Menschenmasse beginnt dem kunterbunten Mikrokosmos «Migros-Restaurant» Leben einzuhauchen.

Hier gibt’s einen akustischen Eindruck des Migros-Mikrokosmos:

Eine junge Frau mit zwei Kindern macht sich gerade daran, den Platz zu räumen. «Ich nur wenig Deutsch», sagt sie und lächelt verlegen, als ich sie frage, ob sie öfters herkomme. Englisch? Sie schüttelt den Kopf und zeigt auf das grössere der beiden Mädchen. Dieses sagt dann stellvertretend für seine Mutter: «Wir haben gerade gefrühstückt. Wir haben Schulferien, weisst du.» Die Mutter lächelt immer noch, mittlerweile entschuldigend, putzt die Krümmel vom Tisch aufs Tablett und läuft mit den beiden Kindern weg. 

«So, besch ou weder im Land?»
Hans zu seinem Kollegen 

«Hoi Hans», ruft weiter vorne ein Mann im kleinkarierten Hemd seinem Kollegen zu, der bereits an einem Tisch sitzt. Die beiden Herren – wahrscheinlich noch nicht so lange pensioniert, mit grau meliertem Haar und ersten Ansätzen einer Glatze – begrüssen sich freudig. «So, besch ou weder im Land?», sagt Hans zu seinem Kollegen, der ihm gegenüber Platz nimmt.

Ihr Geplänkel verliert sich im Lärm. Denn nebenan beginnt ein anderer älterer Mann laut zu husten. Man hört ihm die verschleimten Atemwege an. Appetitlich wäre anders. Hans und sein Kollege gucken rüber. Ein Geschäftsmann im akkurat gebügelten Hemd, der gerade mit seinem Tablett am Tisch des hustenden Mannes vorbeiläuft, wirft ihm einen halb mitleidigen, halb strafenden Blick zu. Für eine Millisekunde scheint die Zeit stehen zu bleiben, das Husten übertönt alles. Doch dann beruhigt sich die gebeutelte Lunge des Mannes und schon herrscht wieder courant normal im Migros-Resti: Essen holen, bezahlen, Platz suchen, essen, gehen.

Ein Abbild der Schweizer Arbeitsmoral

Genau diese Einfachheit und Unverbindlichkeit schätzen Philipp Roos und Lukas Renggli. Sie arbeiten auf einer Baustelle gleich nebenan. «Da ist es ganz praktisch, dass man über den Mittag kurz herkommen kann. Und man muss nie auf eine Bedienung warten», sagt Roos. So geht die Zeit nicht ungenutzt verloren. Lukas Renggli kannte das Restaurant schon und hat seinen Kollegen an diesem Tag mitgenommen.

Philipp Roos (links) und Lukas Renggli beim Kaffee nach dem Mittagessen im Mikros-Restaurant. (Bild: zentralplus/bas)

Philipp Roos (links) und Lukas Renggli beim Kaffee nach dem Mittagessen im Mikros-Restaurant. (Bild: zentralplus/bas)

Dass sie bald schon nicht mehr hier essen können, wussten die beiden nicht. «Wir kommen ja nicht regelmässig her. Aber das ist sehr schade. Es war immer gut hier», findet Lukas Renggli. «Dann müssen wir uns was anderes suchen», sagt Roos zu Renggli. «Oder kennen Sie was Gutes und Günstiges hier in der Nähe?», fragt er und guckt mich an.

«Ich komme her, bekomme mein Essen ohne grosse Warterei und kann 15 Minuten später wieder gehen.»
Josef Ulrich, Anwalt 

Eine Alternative wird sich auch Josef Ulrich suchen müssen. Der Anwalt arbeitet in der Nähe und kommt am Mittag oft her. Innert einer Viertelstunde hat er einen grossen Teller Ravioli verputzt und eine Gratiszeitung durchgeblättert. «Schade, dass das Migros-Restaurant schliesst», sagt er beim Aufstehen. «Und schon so bald…», sagt er und knöpft sich die Jacke zu.

Warum es ihn denn reue? «Ganz ehrlich: Ich komme her, bekomme mein Essen ohne grosse Warterei und kann 15 Minuten später wieder gehen», erklärt Ulrich. Zudem sei das Essen überraschend gut. Ulrich nestelt an seinem Hemdkragen, beginnt unruhig zu werden. Seine Mittagspause ist vorbei. Heute hat sie ausnahmsweise 20 Minuten gedauert.

Effizient zu Mittag essen, gut und günstig, bescheiden und bodenständig: Es ist eben auch das, was den speziellen Charme des «Migi-Restis» ausmacht. Mit seiner unglamourösen und währschaften Art passt es  hervorragend zur Schweizer Arbeitsmoral.

Am Mittag sind fast alle Plätze in der Mikros-Beiz an der Waldstätterstrasse besetzt. (Bild: zentralplus/bas)

Am Mittag sind fast alle Plätze in der Mikros-Beiz an der Waldstätterstrasse besetzt. (Bild: zentralplus/bas)

Schliessung betrübt Kunden

Es ist 13 Uhr. Langsam leert sich das Restaurant wieder. Fein säuberlich räumen die Gäste ihre Tabletts zusammen und stellen sie in den rollenden Wagen beim Ausgang. Einige sitzen noch beim Kaffee, während andere sich schon auf den Weg zurück ins Büro machen. Wieder andere müssen wohl schon lange nicht mehr arbeiten, die kleinsten werden es noch lange nicht müssen.

Doch so unterschiedlich die Altersklassen, Berufe oder Herkünfte sein mögen, der Grundtenor ist bei allen Kunden des «Migi-Restis» gleich: «So schade, dass es zu geht», ertönt es aus allen Ecken. «Sie als Journalistin, können Sie da auch nichts machen?», fragt mich Herr Meier.

Eine kleine Luzerner Welt stirbt

Dass die Kunden an dem Migros-Resti hängen, mag daran liegen, dass das Preis-Leistungsverhältnis stimmt, dass sich dort Menschen jeglicher Couleur an die selben schlichten Tische setzen oder dass es praktisch und so frei von Schickimicki ist, dass sich keiner des Ortes unwürdig fühlt. Doch für gewisse Kunden ist es noch viel mehr.

«Dann muss ich ja noch lernen zu kochen. Bis im Frühling haben sie gesagt? Das wird schwierig.»
Herr Meier 

So zum Beispiel für Herrn Meier, der ganz überrascht ist, dass das Restaurant bald dem Einkaufsladen weichen muss. Der ältere Mann ist hier, weil er alleine sei und nicht gut kochen könne. «Ich hole mir meistens etwas vom Buffet», sagt er. Es tue ihm gut, aus der Wohnung zu kommen und sich unter die Leute zu mischen. «Und hier ist das Essen gut und günstig.»

Manchmal treffe er einen anderen Herrn, der ebenfalls oft hier sei. «Dann tauschen wir ein paar Worte. Ich sehe den Mann immer hier», sagt Herr Meier und zeigt auf einen Tisch schräg vis-à-vis. Dass das Restaurant schliesst, bedauert er sehr. «Dann muss ich ja noch lernen zu kochen. Bis im Frühling haben sie gesagt? Das wird schwierig.» Herr Meier lächelt tapfer. Aber man merkt es ihm an, seine Betrübnis ist echt. Es wird klar: Hier geht es nicht bloss um ein Restaurant. Sondern auch um eine eigene, kleine Welt mitten in der Stadt. Dass diese nun verloren geht, bedauert nicht nur Herr Meier.

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