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«Dann machen wir es halt selber»
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Susanna Fassbind will in Zug ihre nächste Kiss-Genossenschaft aufbauen: Am Mittwochabend treffen sich dafür Interessierte im Burgbachsaal. (Bild: zvg )

Zeitguthaben auf dem Vormarsch «Dann machen wir es halt selber»

4 min Lesezeit 11.11.2015, 15:05 Uhr

Was nach Utopie klingt, ist längst Realität: Ich gebe eine Stunde meiner Zeit für Nachbarschaftshilfe, dafür erhalte ich in Zukunft eine Stunde von jemand anderem. Der Verein Kiss hat mit dem Prinzip «Zeitguthaben» schon mehrere Genossenschaften gegründet – jetzt ist die Stadt Zug dran. Doch hier stösst der Verein auf Widerstand – die Stadt will kein Geld sprechen. Das versteht man bei «Kiss» nicht. Denn zwanzig andere Gemeinden wollen genau das tun.

Susanna Fassbind ist ein wenig genervt. Dabei wächst ihr Verein gerade unglaublich schnell. Im ganzen Land eröffnen Kiss-Genossenschaften (zentral+ berichete). Überall finden sich Leute, die sich für das Konzept begeistern lassen: Ich leiste freiwillige Arbeit für andere, für ältere Menschen zum Beispiel, und später hilft mir dafür jemand. So sammeln Kiss-Mitglieder Zeitgutschriften. Klingt utopisch, ist aber heute schon Realität. Und was für eine: Drei Genossenschaften laufen schon erfolgreich, in Obwalden, in der Stadt Luzern und in Cham. Nächstes Jahr kommen wohl sechs neue dazu, viele Gemeinden argumentieren, dass es für sie nur Vorteile hat, wenn sich die Bürger gegenseitig helfen.

Das ist es aber nicht, was Fassbind aufs Gemüt schlägt. Unzufrieden ist sie mit der Zuger Stadtregierung und der rechtlichen Situation im Kanton. Denn anders als andere Gemeinden wie zum Beispiel Cham, will Zug keine Anstossfinanzierung leisten. Die gesetzliche Grundlage fehle, sagt Sozialchef Urs Raschle gegenüber der «Neuen Zuger Zeitung». Sie fehlt auf Kantonsebene, sagt Fassbind: «Dabei steht ganz klar in der Bundesverfassung, Artikel 112c, Absatz 1: Die Kantone sorgen für die Hilfe und Pflege von Betagten und Behinderten zu Hause.» Diesem Auftrag kämen viele Kantone schlicht nicht nach, das hält Professor Carlo Knöpfel von der Fachhochschule Nordwestschweiz in seiner Studie im Auftrag der Pro Senectute fest.

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Fassbind sagt: «Auch Zug nicht. Eigentlich müsste der Kanton tätig werden oder mindestens Projekte für Hilfe und Betreuung stützen.» Finanzielle Unterstützung für «Kiss», meint Fassbind. Denn dass ihr Verein und die Kiss-Genossenschaften vor Ort die öffentliche Hand entlasten würden, sei gewiss. Dafür lässt «Kiss» zurzeit gleich zwei wissenschaftliche Studien erarbeiten, die den Nutzen solcher Systeme für die Altersvorsorge untersucht. «Dann haben wir es wissenschaftlich geregelt, schwarz auf weiss», sagt Fassbind.

«Wir haben das, ehrlich gesagt, einfach unterschätzt.»

Susanna Fassbind, Kiss

Unterkriegen lässt sie sich aber auch in Zug nicht: «Dann machen wir es halt selber.» Am Mittwochabend versammeln sich alle Interessierten im Burgbachsaal. Fassbind wird dann ihr Programm aufstarten, mit dem sie seit Jahren durch die Schweiz jagt. Von einer Versammlung zur nächsten, dazwischen steht der Papierkram an, ein 140-Prozent-Job, sagt sie. «Wir haben das, ehrlich gesagt, einfach unterschätzt.» Aber nicht mehr lange: Ab Januar hat der Verein eine Geschäftsleitung, dann kann sich Fassbind auf das konzentrieren, was ihr am besten liegt: Starthilfe für Kiss-Genossenschaften leisten. Und genau das hat sie an diesem Abend in Zug vor. «Ich bin sehr gespannt, wie viele Leute kommen. Die Zuger Nachbarschaften haben zugesagt, das ist eine Win-Win-Situation für sie und für den Verein Kiss.»

«Es ist noch nie gescheitert»

Fassbind hat zwar noch keine Leute im Visier, die eine Zuger Genossenschaft künftig führen sollen, aber das ergebe sich immer: Es sei noch nie gescheitert. Man müsse das ganz «süferlig» angehen, sagt sie, «dann findet man an solchen Sitzungen immer Leute, die sich eignen, eine Kiss-Genossenschaft zu führen». Und das ist nicht einfach eine Vereinsmitgliedschaft, da geht es um mehr: Der Grundgedanke der Kiss-Genossenschaften ist das Ansammeln von Zeitguthaben: Ich gebe eine Stunde, dafür erhalte ich eine Stunde. Die Genossenschaft muss dafür sorgen, dass diese Zeitguthaben auch erhalten bleiben – dass die Bewegung lebendig bleibt.

Gründung einer Zuger Kiss-Genossenschaft

Der Verein Kiss lädt am Mittwoch, 11.11. um 19 Uhr in den Burgbachsaal: Bei dieser Informationsveranstaltung will der Verein sein Konzept vorstellen und die Voraussetzungen für die Gründung einer Kiss-Genossenschaft Zug schaffen.

«Auf der technischen Seite können wir das gut lösen», sagt Fassbind, «wir haben eine Bankensoftware.» Auf der menschlichen Seite liegt die Aufgabe bei den Genossenschaftern. Besteht da nicht die Gefahr, dass alles in sich zusammenbricht, wenn der Elan schwindet?  «Nein», sagt Fassbind, «das ist kein Spleen unserer Zeit. In Japan gibt es dieses System seit den Neunzigerjahren, und es existiert heute noch. Auch in Deutschland gibt es das – und in Österreich. Nur wir haben das völlig verschlafen», meint sie und zuckt mit den Schultern.

Zwanzig Gemeinden in den Startlöchern

Aber geschlafen wird nicht mehr lange, wenn es nach ihr geht. Das Leimental in Baselland hat zugesagt; das sind elf Gemeinden, die zusammen eine Genossenschaft bilden wollen. Im Oberfreiamt wollen mehrere Gemeinden zusammen eine Kiss-Genossenschaft bilden. «Total sind über zwanzig Gemeinden in den Startlöchern», sagt Fassbind.

Das Ziel des Vereins, der alle diese Genossenschaften zusammenhält, war einmal 180 Genossenschaften. «Gestern an der Versammlung war dann die Rede plötzlich von 1000 Genossenschaften in der ganzen Schweiz», sagt Fassbind und lacht. «Ich muss schon sagen, jetzt mal halblang, wir wollen seriös wachsen. Die Qualität muss stimmen, im einzelnen Fall, zwischen Gebenden und Nehmenden.» Das System Kiss stösst offenbar auf grosses Interesse, ob das an der Kombination des kapitalistischen Investitionsgedankens mit der Ehrenamtlichkeit liegt, ist nicht ganz klar. «Das ist sicher ein Anreiz», sagt Fassbind. «Aber wenn die Leute mal dabei sind, ist das gar nicht mehr so wichtig, dass sie ihre Stunden wieder zurück bekommen. Dann geht es mehr um die Unterstützung und vor allem um den sozialen Kontakt.»

 

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