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Dank Spiegelei und Speck an die Olympiade
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Joel Schürch in Sarnen. Dort lebt und trainiert der 23-Jährige. (Bild: pze)

Luzerner Ruderer musste 20 Kilogramm zunehmen Dank Spiegelei und Speck an die Olympiade

6 min Lesezeit 19.12.2017, 12:40 Uhr

Der Luzerner Ruderer Joel Schürch isst seit Anfang des Jahres 7000 Kalorien pro Tag. Sein Ziel: schwerer werden. Und es klappt: Bereits 20 Kilogramm mehr zeigt die Waage an. Das Ziel der ganzen Schlemmerei: Olympia 2020 in Tokio. 

Gross und durchtrainiert füllt er die Türe des kleinen Cafés beim Betreten beinahe aus. Nichts deutet darauf hin, dass Joel Schürch vor einem Jahr noch ganz anders aussah: knapp 70 Kilogramm, drahtig, schmal.

Joel Schürch rudert im Schweizer Nationalteam. Er hat eine bemerkenswerte Wandlung hinter sich. Im letzten Jahr hat der junge Ruderer seine Ernährung und seinen Trainingsplan radikal umgekrempelt. Rund 20 Kilogramm hat er bisher zugenommen. «Es war ein mutiger Entscheid», sagt der Luzerner. 

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Olympia will Schwergewichte

Joel Schürch hat ein klares Ziel: die Olympiade 2020 in Tokio. Darauf arbeitet er schon lange hin, bisher jedoch in einer anderen Gewichtsklasse. Er gehörte zu den Leichtgewichten, jenen mit maximal 70 Kilogramm Körpergewicht. Und Schürch war äusserst erfolgreich: 2016 gewann der Schenkoner vom «Seeclub Sursee» die U23-Weltmeisterschaft in Rotterdam. Jetzt der Neustart in einer neuen Klasse, obwohl er doch als Nachwuchshoffnung im Leichtgewicht galt. Da stellt sich die Frage nach dem Warum.

«Ich kenne keinen Hunger mehr.»

Die Entscheidung wurde ihm aufgedrängt. Letztes Jahr entschied das Olympische Komitee: Der Fokus bei den Spielen soll künftig auf den Schwergewichten, den Kraftprotzen liegen. Die Leichtgewichte wurden bis auf eine Bootsklasse aus dem Wettbewerb gestrichen. «Die Chancen, an der Olympiade dabei zu sein, sind im Schwergewicht einfach grösser», sagt Schürch zu den Gründen seiner Wandlung.

So sah Joel Schürch als Leichtgewicht aus.

So sah Joel Schürch als Leichtgewicht aus.

(Bild: zvg)

Doch einfach war es nicht, weil ein Wechsel der Gewichtsklasse auf Profiniveau enorm selten ist. Normalerweise entscheidet sich nach den Jugendabteilungen, in welcher Gewichtsklasse man startet. Schürch hatte wenige Erfahrungswerte, auf die er sich stützen konnte, es war ein Experiment. Bisher lässt sich sagen: Es ist geglückt. 

7000 Kalorien reichen knapp aus

Geholfen hat dem jungen Ruderer der Ernährungwissenschaftler Christoph Mannhart. Während man als Leichtgewicht-Ruderer die Nahrungszufuhr stets auf tiefem Niveau hält, darf – nein, muss – Schürch nun richtig zulangen: 7000 Kalorien pro Tag stecken in seinem Essen.

Neu gehören Rösti, Speck, Spiegelei und Käse zu seinem Frühstücksplan. Was für jeden Hüftgold bedeuten würde, heisst für Schürch «Energiebedarf decken». Fünf bis sechs Mahlzeiten, viele Kohlenhydrate und vor allem Proteine für den Muskelaufbau. Vor dem Schlafen gibt es einen penibel abgestimmten Shake. «Ich kenne keinen Hunger mehr», sagt er lachend.

Joel Schürch in seinem Element.

Joel Schürch in seinem Element.

(Bild: Christian Reichenbach)

Doch auch das Essen hat seine Tücken. «Zu Beginn muss sich der Magen ausdehnen, dann sind die grossen Portionen happig», sagt er. Andere Ruderer hätten zudem Probleme mit dem Magen. «Das kenne ich glücklicherweise selber nicht», so Schürch.

Trotz der Riesenmenge an Essen: Durch seine intensiven Trainings muss der junge Ruderer aufpassen, das angesammelte Gewicht nicht wieder zu verlieren. «Das Training am Morgen alleine verbraucht 2000 Kalorien», so Schürch. Bei normalem Trainingsalltag stagniert sein Gewicht – obwohl Schürch eigentlich noch zunehmen möchte. «Bei meiner Grösse wären fünf, sechs Kilo mehr optimal.» Deshalb will er weiter zunehmen.

Erfolg dank Rückschlag

Eigentlich ist es für einen Spitzenruderer aufgrund dieses Trainingsumfangs unmöglich, 20 Kilo in 12 Monaten zuzunehmen. Dass Schürch so schnell die Gewichtsklasse wechseln konnte, ist eigentlich einem Rückschlag zu verdanken. Anfang des Jahres erkrankte er am Pfeiffer’schen Drüsenfieber. Eine langwierige Angelegenheit, die ihn mehrere Monate ausser Gefecht setzte – auf dem Wasser zumindest. Ausdauertraining ging nicht mehr, nur Krafttraining war angesagt. Er konnte innerhalb kurzer Zeit enorm viel Muskelmasse aufbauen. Schürch nutzte seine Zwangspause auch für den Ernährungsumstieg.

«Manchmal bin ich selber überrascht, wie viel Power ich am Ende des Schlages noch aus meinen Beinen herausholen kann.»

Jetzt rudert er wieder – 23 Stunden die Woche, auch bei beissend kalten Temperaturen. Denn im Frühling sind die Trials, die internen Ausscheidungsrennen. Dort wird eruiert, wer in welchem Boot sitzt und auch, in welcher Bootsklasse Schürch antreten wird. Entsprechend unterschiedliche Chancen auf die Olympiade hat er anschliessend. Schürch ist zuversichtlich: «Auf dem Ergometer komme ich schon an die Leistungen meiner Teamkollegen heran.»

Doch Ergometer und Wasser, das seien zwei verschiedene Dinge. «Ich muss meine Technik anpassen, beim Schwergewicht geht viel mehr mit Kraft», so der Luzerner. Er habe seine eigene Energie noch nicht vollständig unter Kontrolle. «Manchmal bin ich selber überrascht, wie viel Power ich am Ende des Schlages noch aus meinen Beinen herausholen kann. Damit muss ich lernen umzugehen.»

Schneller Muskelzuwachs: Doping?

Schürchs Wandel ist einzigartig. Auch deshalb kommt die Frage nach Doping auf, schliesslich kann man den raschen Muskelaufbau mit chemischer Hilfe beschleunigen. «Das stimmt», sagt Schürch, «doch ich glaube, im Rudersport geht es um zu wenig Geld, als dass man das Risiko eingehen würde, als Dopingsünder entlarvt zu werden.» Schürch glaubt an die Integrität des Rudersports.

So sehen Joel Schürchs Ruderschläge aus:

Schürch führt, wie alle Athleten von Swiss Olympics, ein Trainingstagebuch, worin man seine Trainingsfortschritte über einen längeren Zeitraum penibel genau beobachten kann. Ausserdem, so Schürch, sei seine gesamte Entwicklung anhand der genauen Ernährungs- und Trainingspläne für jeden erklär- und nachvollziehbar.

«Verpflichtung» für vier Jahre

Der Entscheid des Gewichtswechsels kommt für Schürch zu einem logischen Zeitpunkt. Denn: Im Rudern gelten Vier-Jahres-Zyklen. Der Trainingsplan sei stets auf die Olympiade ausgerichtet, sagt er. Er spricht von «Verpflichtung». «Man muss sich zu hundert Prozent sicher sein, denn man gibt dafür viel auf.» 

«Mit einem starken Willen ist alles möglich.»

Ab Sommer will Schürch professionell rudern – ohne daneben zu studieren. «Will man ganz vorne mit dabei sein, muss man Profi sein.» Finanziell über Wasser hält er sich durch Sponsoren, die Schweizer Sporthilfe und die Spitzensportförderung der Armee. Viel verdiene er nicht, doch es reiche, um seinen Traum zu verfolgen. Und dank der Berufsmatura, die er momentan neben dem Training absolviert, kann er nach der Ruderkarriere auch ins Berufsleben einsteigen.

Olympiasieger-Gen in der Familie

Ein Ansporn für Joel Schürch ist auch sein älterer Bruder. Simon Schürch war Teil des Leichtgewichtvierers, der in Rio die Goldmedaille holte. Inzwischen rudert Simon nicht mehr als Profi, er wolle sich nach dem Abschluss des Studiums neuen Aufgaben zuwenden (zentralplus berichtete). Joel Schürch sagt, er werde kaum an seinem Bruder gemessen. «Ich bin es wohl, der sich am meisten mit ihm vergleicht», sagt er schmunzelnd. Dafür hole er sich stets gute Ratschläge ab. Und es gibt sicher schlechtere Zusprecher als einen Olympiasieger.

Doch Joel Schürch steht nicht im Schatten seines Bruders, er ist selbstbewusst und klar in seinen Ambitionen – und er ist optimistisch für die Zukunft: «Meine Entwicklung im letzten Jahr zeigt mir: Mit einem starken Willen ist alles möglich.» Wer weiss, vielleicht ziert bald eine zweite Olympia-Medaille den Trophäen-Schrank der Familie Schürch. 

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