Damit die Löcher im Zuger Radnetz verschwinden
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Als Velofahrer sieht man in Luzern öfters rot. (Bild: fotolia)

Pro Velo, VCS und Grüne lancieren Volksinitiative Damit die Löcher im Zuger Radnetz verschwinden

5 min Lesezeit 05.07.2018, 05:07 Uhr

Parkplätze und Parktarife prägen derzeit die öffentliche Diskussion in der Stadt Zug. Wer nicht Auto fährt, wird kaum gehört. Die Interessenverbände der Velofahrer wollen das ändern – und haben sich zusammengetan, um gemeinsam die Initiative zu ergreifen. Dies soll gleich auf kantonaler Ebene erfolgen.

«Zug ist der Autokanton der Schweiz schlechthin», sagt Philipp Kissling, Vorstandsmitglied beim VCS Zug, «alles wird ums Auto herum geplant.» «Schauen Sie die jüngste Debatte um die Volksinitiative Ja zu Gewerbe und Läden in der Altstadt an», stimmt Victor Zoller vom Lobbyverein Pro Velo zu. «Alles drehte sich ums Auto und um Parkplätze.» Dabei gäbe es auch viele Zuger, die mit dem Velo in die Altstadt einkaufen gingen. «Aber an die denkt kaum jemand», so Zoller.

Auch Astrid Estermann, grün-alternative Gemeinderätin von Zug, hatte kürzlich einen Rückschlag hinzunehmen. Ihre Motion «Bike to School», die auf eine bessere Erreichbarkeit der Schulen mit dem Velo abzielte, wurde im Zuger Stadtparlament als erledigt abgeschrieben – obwohl die Hälfte der vorgeschlagenen Massnahmen nicht umgesetzt wurden.

Astrid Estermann verzichtet auf Facebook. Sie setzt lieber auf den persönlichem Kontakt mit ihren Wählern.

Astrid Estermann (ALG): Im Stadtparlament ausgebremst.

(Bild: zvg)

Velofahren ist gut fürs Image

Und die von ihr unterstützte Idee, auf dem alten Eisenbahngleis der Schleife einen Velo-Highway zu schaffen, der eine Schnellverbindung für Zweiräder von Zugs Norden an den See schafft (zentralplus berichtete), scheint vergessen zu sein. «Davon haben wir schon länger nichts mehr gehört», sagt sie.

«Gelingt es, mehr Menschen aufs Velo zu bringen, dann bleibt auch für die Autofahrer mehr Platz.»

Victor Zoller, Pro Velo, Zug

Doch woher kommt diese Unlust der Politik, die Anliegen der Velofahrer zu berücksichtigen? Denn die Radlerei fördert neben der Gesundheit auch unzweifelhaft ein gutes Image.

Dies legen sogar erzbürgerliche Magistraten wie FDP-Regierungsrat Matthias Michel oder SVP-Vizestadtratspräsident André Wicki nahe. Wie viele andere Politiker sind sie tagtäglich mit ihren Drahteseln in der Stadt Zug unterwegs. Auch der städtische «Innenminister» Urs Raschle (CVP) lässt keine Gelegenheit aus, um sich in den Medien als Förderer des Zweirads zu inszenieren (zentralplus berichtete).

«Es wird vermehrt gebremst»

«In den letzten Jahrzehnten konnten wir schon einige schöne Fortschritte erzielen», sagt Victor Zoller, «die Veloinfrastruktur wurde verbessert.» Dies sei vor allem dort gelungen, wo freie Fläche vorhanden war. Wo die Interessen mehrerer Verkehrsträger aufeinanderprallten, ziehe das Velo hingegen meist den Kürzeren. Dies sei in der jüngeren Vergangenheit öfter der Fall. «Es wird wieder vermehrt gebremst.»

Zoller räumt ein, dass die städtischen Behörden zwar willig seien, sich fürs Velo einzusetzen, sie aber die Hände schnell in den Schoss legen würden, sobald sie auf Widerstand träfen. Dieser komme zum Beispiel vom Kanton Zug.

Victor Zoller von Pro Velo Zug muss bei der Unterführung im Zuger Brüggli mühsam sein Velo hochschieben.

Victor Zoller von Pro Velo Zug muss bei der Unterführung im Zuger Brüggli mühsam sein Velo hochschieben.

(Bild: woz)

«Irgendjemand, auf den man die Schuld abschieben kann, findet sich immer», schränkt hingegen Philipp Kissling ein. «Bei der Velounterführung am Brüggli ist es nicht der Kanton, sondern der Bund und die SBB.»

Radstreifen nicht durchgehend

Abhilfe schaffen soll nun eine gemeinsame Volksinitiative, die VCS, Pro Velo und die ALG am kommenden Samstag lancieren. Darin fordern die Velovereinigung, der Verkehrsclub und die Linkspartei, dass die Löcher im kantonalen Velonetz geschlossen werden und das Fahrrad als Verkehrsmittel gefördert wird.

Was die Frage aufwirft, wo genau in Zug denn Defizite für Velofahrer bestehen. «Das Radnetz ist nicht durchgehend», sagt Astrid Estermann, «an mehreren Plätzen hört es auf, und die Velofahrer müssen dann absteigen und sich über den Platz und die Strasse kämpfen.» Als Beispiel nennt sie die schlechte Erreichbarkeit der Musikschule in der Zuger Neustadt, zu der keine Radstreifen führten.

Hilfe für Anfänger

Allerdings liegt die Musikschule inmitten verkehrsarmer Strassen. Wo also ist das Problem? «Als verkehrsgewohnte Velofahrerin habe ich auch keine Schwierigkeit, zur Musikschule zu gelangen», sagt Estermann. Aber es gehe darum, mehr Leute dazu zu bewegen, das Velo zu benützen.

«Ich weiss von Eltern, die ihre Kinder nicht mit dem Velo über die Baarerstrasse lassen.»

Astrid Estermann, Gemeinderätin (ALG), Zug

Gerade bei der älteren Generation bestehe seit dem Aufkommen der Elektrovelos dafür ein enormes Potenzial. Diese Velofahrer fühlten sich indes unsicher und würden durchgehende Radstreifen und Velofurten schätzen.

Ein anderes Phänomen ist, dass die junge Generation weniger Velo fährt. Victor Zoller hat bei Velokursen von Pro Velo eine Verschlechterung der Fahrkompetenz beobachtet. Zum einen sei das Velo als Verkehrsmittel weniger hipp als früher, zum andern würden die Jungen öfter den öffentlichen Verkehr benützen, sagt er.

Gefahr lauert an der Baarerstrasse

Doch auch die Eltern haben Einfluss: «Ich weiss von Kindern, die nicht mit dem Velo in die Schule dürfen, weil ihre Eltern sie nicht die Baarerstrasse überqueren lassen wollen», sagt Estermann. «Das ist ihnen zu gefährlich.»

«Wir müssen Velo und Auto besser trennen.»

Philipp Kissling, Verkehrsclub der Schweiz, Zug

Philipp Kissling vom VCS drückt der Schuh noch an einem andern Ort. «Viele Radrouten in der Stadt Zug verlaufen auf Strassen mit relativ viel Verkehr». sagt er. Eine bessere Entflechtung von Auto und Velo sei das Ziel.

Hindernis durch Parkmanöver

«Warum befreit man beispielsweise nicht die Achse Sankt-Oswalds-Gasse, Zeughausgasse und Poststrasse vom motorisierten Individualverkehr?», fragt Kissling – kommt von der Vision aber zugleich auf die Wirklichkeit zurück.

Die oberirdischen Parkplätze, um die im Zuger Stadtzentrum in den vergangenen Monaten gestritten wurde, seien problematisch, wenn sie an Radrouten lägen. «Sie erzeugen nicht nur Suchverkehr», so Kissling, sondern das Einparken und Wegfahren gefährde auch die Velofahrer auf dem Weg. «Hier müssen wir besser trennen.»

Mehr Velos heisst: mehr Platz für Autos

Alle drei Velofreunde fordern zwar eine Verbesserung der Veloinfrastruktur und eine punktuelle Bevorzugung des zweirädrigen Verkehrsmittels gegenüber dem Auto. Als Affront gegen die Autofahrer wollen sie ihr Engagement indes nicht verstanden wissen.

«Es geht nur miteinander», sagt Victor Zoller von Pro Velo. «Aber gelingt es, mehr Menschen aufs Velo zu bringen, dann bleibt auch für die Autofahrer mehr Platz.» Denn langsame Drahtesel nehmen weniger Fläche in Anspruch als schnelle Blechkarossen.

«Ums Auto kommt man in Zug nicht herum», meint Philipp Kissling. Selbst das VCS-Projekt «Durchgang Zug» für eine verkehrsfreie Vorstadt und eine velofreundliche Zuger Innenstadt beruhe darauf, dass man den Autoverkehr auf eine andere Weise durch das Zuger Zentrum schleust.

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