Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
Cyrill Wiget: «Wir dürfen auf keinen Fall die Kontrolle verlieren»
  • Politik
  • Raumplanung
Cyrill Wiget sieht das Wachstum in seiner Gemeinde auch kritisch. (Bild: giw)

Was der Krienser Stadtpräsident zum Wachstum sagt Cyrill Wiget: «Wir dürfen auf keinen Fall die Kontrolle verlieren»

9 min Lesezeit 26.03.2018, 05:13 Uhr

Kaum ein Stein bleibt derzeit auf dem anderen in Kriens – gerade erst wurde aus der Gemeinde eine Stadt. Das enorme Wachstum bringt den Gemeinderat ganz schön ins Schwitzen. Und auch mit den Nachbargemeinden liegt man sich in den Haaren. Stadtpräsident Cyrill Wiget räumt Fehler ein und hält sich mit Kritik nicht zurück.

Über dem Krienser Gemeindehaus ragt derzeit ein Kran – ein perfektes Bild für eine Stadt, die derzeit einer einzigen Grossbaustelle gleicht. Während rundherum die Gerüste in die Höhe ragen und Arbeiter durch die Baugruben stapfen, werden wir drinnen vom Grünen Stadtpräsidenten Cyrill Wiget (56) begrüsst.

Sein historischer Arbeitsplatz trotzt dem Gang der Zeit und scheint in gutem Zustand, doch Risse gibt es am Fusse des Pilatus allemal. Beispielsweise zwischen Kriens und der Nachbargemeinde Horw, weil Wiget gegen die Schliessung zweier Bahnübergänge vor den Richter tritt. Und auch innerhalb des Gemeinderates gibt es Knatsch. Gleichzeitig führt das massive Wachstum zu Ärger und Verunsicherung bei der Bevölkerung.

Unterstütze Zentralplus

zentralplus: Kriens wächst derzeit explosionsartig. Können da die Strukturen der Gemeinde mithalten?

Cyrill Wiget: Natürlich ist das kein Zuckerschlecken. Wir spüren jetzt die Auswirkungen eines veränderten Umfeldes im Immobilienbereich. Die aktuelle Zinssituation hat zu einem erhöhten Investitionsdruck geführt. Insbesondere institutionelle Anleger wie Pensionskassen oder Versicherungen suchen nach Möglichkeiten, wie sie Anlagegelder einsetzen können.

Um Negativzinsen zu vermeiden, nehmen sie sogar in Kauf, dass selbst mittelfristig nur ein Teil der neu erstellten Wohnungen tatsächlich vermietet werden kann. Entscheidend ist die Einstellung, selbstbewusst und auf Augenhöhe mit Investoren, Eigentümern, Institutionen und anderen Gemeinwesen zu verhandeln.

zentralplus: Treiben denn die Investoren mit ihrem Geld die Entwicklung in Luzern Süd an oder hat die Politik die Zügel in der Hand?

Wiget: Es muss unbedingt so sein, dass wir die Zügel in der Hand halten und mit den Investoren auf Augenhöhe verhandeln. Als Gemeinde müssen wir die Interessen der Öffentlichkeit einfordern.

Das Schweizer Volk hat dazu im Rahmen des neuen Raumplanungsgesetzes die Mehrwertabgabe geschaffen. Wenn Investoren höher bauen dürfen, müssen sie auch etwas für das Allgemeinwohl bieten. Beispielsweise die Mithilfe bei der Überdachung der Autobahn, ein Beitrag zur Süd-Allee oder ein Nutzungsrecht. Hier kann die Gemeinde Spielregeln festlegen und so die Entwicklung lenken.

zentralplus: Aber es scheint, dass derzeit über Dinge verhandelt wird, die vor vielen Jahren hätten geklärt werden müssen. Beispielsweise ein Konzept, wie das Zusammenleben in Luzern Süd aussehen soll. Weshalb mitten im Prozess diese Flickübungen?

Wiget: Ich wundere mich doch etwas über den Vorwurf. Wir haben in der Planung die neusten städtebaulichen Erkenntnisse einfliessen lassen. Niemand im Einwohnerrat machte die Frage des Zusammenlebens zum Thema – das habe ich als Gemeinderat schliesslich angestossen. Tatsache ist aber, dass bei Grossprojekten immer wieder neue Aspekte erkannt werden. Das ist normal.

zentralplus: War man sich im Gemeindehaus von Kriens vor zehn oder zwölf Jahren bewusst, was da alles passieren würde – oder hat man die rasante Entwicklung unterschätzt?

Wiget: Das Tempo hat man so nicht voraussehen können. Es wurde mitunter ja auch durch die Entwicklung auf den Finanzmärkten getrieben, dann kamen Tiefzinsen dazu. Dass wir nun beinahe überrollt wurden und uns die Wachstumsfragen noch zu wenig vertieft gestellt haben, das anerkenne ich.

Der Unmut ist in der Bevölkerung spürbar. Inzwischen gehen wir das aber an, auch im Rahmen der Zusammenarbeit mit Horw und Luzern. Wir müssen uns mit den Folgen des Wachstums effektiv stärker auseinandersetzen.

Emmen als Beispiel fuhr die Wachstumsstrategie, um finanziell stärker zu werden. Nun wird das Budgetdefizit mit demselben Wachstum begründet. Hier zeigt sich deutlich: Mehr Einwohner führen nicht automatisch zu mehr Steuereinnahmen. Das kann auch uns passieren, wenn wir nicht ausserordentlich aufpassen.

Zur Person

Der dreifache Vater und Inhaber eines Velogeschäfts mit Café und Vinothek ist seit 2004 Mitglied des Krienser Gemeinderates. Im Jahr 2015 wurde der grüne Politiker und studierte Theologe als Gemeindepräsident gewählt.

zentralplus: Das ist eine wachstumskritische Haltung. Wie steuert man diesen Zuwachs im Sinne der Stadtkasse?

Wiget: Wachstum führt nur zu gesunderen Finanzen, wenn Menschen angesiedelt werden, die mehr Steuern bezahlen, als der Staat für den Bau der Infrastruktur mitunter auch in diesen neuen Wohngebieten ausgeben muss.

Das ist deshalb eine grosse Herausforderung, weil wir weiterhin Wohnungen mit günstigen Mieten – beispielsweise für Studenten, Kulturschaffende oder Familien – brauchen. Diese soziale Durchmischung finde ich entscheidend und sie darf dieser Wachstumspolitik nicht geopfert werden. Den komplexen und zuweilen widersprüchlichen Anliegen müssen wir uns stellen.

Kriens – eine einzige Baustelle: Über dem Krienser Gemeindehaus ragt ein Kran.

Kriens – eine einzige Baustelle: Über dem Krienser Gemeindehaus ragt ein Kran.

(Bild: giw)

zentralplus: Horw will auf der Grenze nach Kriens auf Wunsch der Zentralbahn zwei ebenerdige Bahnübergänge schliessen – die Gemeinde Kriens hat Einsprache erhoben und zieht nun vor Gericht. Diese Reibereien verheissen nichts Gutes für die weitere gemeindeübergreifende Zusammenarbeit im Entwicklungsgebiet.

Wiget: Entscheidend ist, dass wir uns alle an die gemeinsame Planung halten.

Natürlich gibt es immer wieder Konflikte. Das darf allerdings auch sein. Es ist unsere Aufgabe, das Wohl der Gemeinde zu vertreten. Aber ich denke, dass die Zusammenarbeit mit dem Horwer Gemeinderat und dem Luzerner Stadtrat grundsätzlich gut läuft. Ich arbeite gerne mit dem Horwer Bauvorsteher Thomas Zemp und Stadträtin Manuela Jost im Steuerungsgremium zusammen. Für diese Zusammenarbeit haben die drei Gemeinden ja sogar eine Auszeichnung für gutes Gebietsmanagement erhalten.

Dass man miteinander diskutiert und vielleicht auch kämpft, gehört ja zur Natur der Sache. Entscheidend ist am Schluss ein gutes Ergebnis. Die Einsprache ist ja auch nichts Schlimmes – jetzt können wir mal prüfen, wie verbindlich und stark die bestehenden Verträge in den Augen des Gerichts tatsächlich sind. Danach können wir wieder zusammensitzen und die beste Lösung suchen.

zentralplus: Nun muss man mühsam über drei Gemeindegrenzen hinweg Lösungen finden für einen Raum, der doch bereits nahezu nahtlos zusammengewachsen ist. Hätten die drei Gemeinden nicht vor sechs Jahren einer Fusion zustimmen sollen?

Wiget: Nein, das glaube ich nicht. Kriens nützt es, dass es nach wie vor ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung besitzt. Es findet bei uns eine intensive Meinungsbildung statt, die auch Einfluss hat auf die gesamte Region.

Das Bundesamt für Strassen würde beispielsweise im Fall des Bypass-Projektes doch kaum mit einem «Quartierverein Kriens» eine Lösung diskutieren. Aber mit der Gemeinde setzt sich der Bund an den Tisch, nicht zuletzt auch, weil wir einspracheberechtigt sind. Das verleiht uns Stärke.

Entscheidend für die Wirkung ist aber, dass die politischen Behörden stark sind und sich durchsetzen können. Wir brauchen deshalb auch engagierte und kompetente Leute in Parlament und Exekutive.

Der Gemeinderatspräsident Cyrill Wiget in seinem Büro.

Der Gemeinderatspräsident Cyrill Wiget in seinem Büro.

(Bild: giw)

zentralplus: Der jüngste Streit im Gemeinderat zeigt: Es fehlt etwas an der Professionalität in der Exekutive. So etwas würde doch in der Stadt Luzern kaum öffentlich breitgeschlagen.

Wiget: Ich möchte mein Kollegium nur wegen einem – und erst noch schwierigen – Dossiers nicht schlechtreden. Wir arbeiten an der Professionalität, genau wie es andere auch tun. Probleme gibt es auch andernorts. Grundsätzlich haben grössere Exekutiven mit einem stärkeren Stab eine höhere Chance, professionell aufzutreten – aber ein Garant ist auch das nicht.

zentralplus: Das Wachstum und die vielen Veränderungen führen bei der ansässigen Bevölkerung zu Unruhe. Stichwort Süd-Allee: In der Kuonimatt fürchtet man die geplante Velo- und Fussgängerstrasse durch das Quartier, den Verkehr und kritisiert die ungenügende Kommunikation vonseiten des Gemeinderates.

Wiget: Der Vorwurf der ungenügenden Kommunikation verfolgt mich als Politiker auf Schritt und Tritt. Man könnte immer mehr kommunizieren – die Skala ist nach oben nicht begrenzt. Ich habe das Gefühl, wir haben sehr viel gesagt – die Leute reagieren jedoch erfahrungsgemäss stoisch ruhig, bis die ersten Krane stehen. Dann aber ist es eigentlich schon zu spät. Denn die Reaktion der Bevölkerung braucht es vor allem in der Planungsphase.

Es gibt Orte auf dieser Welt, da kommt man für seine Meinung ins Gefängnis – hier trauen sich manchmal Leute kaum einen Leserbrief zu schreiben, weil man dann vielleicht vom Nachbarn schräg angeschaut werden könnte. Auch wenn es für uns Politiker nicht immer der einfachste Weg ist, so wünsche ich mir doch Menschen, die sich einmischen und die konstruktiv an der Entwicklung von Lösungen mitarbeiten. Das ist Demokratie und dazu gilt es Sorge zu tragen.

zentralplus: Das Interesse scheint jetzt aber gross. Die Informationsveranstaltung zur Süd-Allee hat weit mehr Anmeldungen als erwartet, der Anlass findet nun gar im Südpol statt im Schulhaus statt.

Wiget: Im Falle der Süd-Allee tun die Leute es also genau richtig. Und wir geben ihren Anliegen ja auch eine Plattform. Das Leitbild für Luzern Süd ist bereits zehn Jahre alt – konstant haben wir Medien und Betroffene bei den Ausbauschritten informiert. Wie gesagt, ich fordere immer alle Einwohner auf, sich einzubringen, sich zu melden.

Cyrill Wiget vor dem Eingang des Krienser Gemeindehauses.

Cyrill Wiget vor dem Eingang des Krienser Gemeindehauses.

(Bild: giw)

zentralplus: Kriens hat auch das Problem, dass die Kuonimatt räumlich getrennt ist vom oberen Dorfzentrum. Wie soll dieser Trabant in die neue Gemeinde integriert werden?

Wiget: Es wird Leute geben, die dank dem Freigleis und der Zentralbahn ihr Leben nach der Stadt Luzern ausrichten, vielleicht gar einem städtischen Quartierverein beitreten, obwohl sie Bürger von Kriens sind. Andere werden vielleicht eher in Horw einkaufen und sich eher dort zu Hause fühlen.

Die Hoffnung besteht dennoch, dass ein Teil der Bewohner von Luzern Süd ihre Identität in Kriens finden, weil sie sich da politisch engagieren möchten. Deshalb arbeiten wir auch eng mit den Quartiervereinen zusammen, um diese Menschen für das gesellschaftliche Leben unserer Gemeinde zu gewinnen.

zentralplus: Wie stellen Sie sicher, dass die Leute gerne hier leben? Schliesslich kann es nicht darum gehen, den Standortfaktor der guten Verkehrsanbindung so auszulegen, dass die Leute dann einfach nur schnellstmöglich weg sind – etwa auf dem Arbeitsweg oder in die Freizeit.

Wiget: Das ist unsere Aufgabe – die Menschen sollen ja nicht alleine hierherziehen, um möglichst schnell mit dem Fahrrad in der Stadt oder mit der Zentralbahn in Engelberg zu sein oder mit dem Auto irgendwo sonst in der Schweiz hinfahren zu können. Es braucht eine eigene Identifikation mit der Umgebung. Das Glück ist, dass ein kultureller und sportlicher Hot-Spot entsteht im Gebiet.

Dazu gehören neben dem bestehenden Südpol und der Musikschule der Stadt auch die Musikhochschule und der Proberaum des Sinfonieorchesters. Mit der geplanten Pilatusarena würde das Quartier ein weiteres Aushängeschild erhalten, das mithelfen würde, den Namen Kriens über die Region hinauszutragen.

zentralplus: Das Wachstum ist also auch eine Chance?

Wiget: Durchaus. Kriens erhält eine ganz neue Identität. Wachstum ist nicht falsch, aber man muss es steuern und im Griff behalten. Wir dürfen auf keinen Fall die Kontrolle verlieren.

zentralplus: Wie soll den Kriens in zehn Jahren aussehen, wenn die Gemeinde vielleicht 30’000 oder 35’000 Einwohner hat?

Wiget: Klar ist, es braucht nicht nur mehr Einwohner, sondern auch Arbeitsplätze. Die Leute sollten mindestens zum Teil da arbeiten, wo sie leben. Gleichzeitig haben wir mit dem Pilatus ein Naherholungsgebiet, in dem noch viel mehr möglich ist. Wir haben eine der schönsten Moorlandschaften weit und breit zu bieten. Da braucht es eine Schonung, Aufwertung und Förderung der Biodiversität. Wolf, Luchs, Hirsch oder Auerhuhn leben bei uns am Pilatus – das fasziniert mich enorm.

Ich liebe es, mit meinen Kindern durch die Wälder zu streifen. Diese Dualität zwischen Natur und Siedlung prägt Kriens. Deshalb ist es toll, dass wir nun eine Stadt sind. Als Stadt hat man Umland – und dazu wollen wir Sorge tragen.

zentralplus: Ihre Aufgabe ist derzeit nicht ganz einfach – werfen Sie bald den Bettel hin?

Wiget: Nein, keinesfalls. Es macht mir Spass. Kommt dazu: Vier Jahre für ein Präsidium reichen nicht – ich brauchte viel Zeit. Nur schon, um den Departementswechsel zu vollziehen. Obwohl ich auch grosse Lust hätte, mich wieder stärker meinem Velogeschäft zu widmen und mehr Freizeit zu haben, werde ich mich für eine zweite Legislatur zur Verfügung stellen.

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare