Cybergrooming: Wenn Pädophile im Internet Minderjährige belästigen
  • Gesellschaft
Mobbing endet meist nicht auf dem Schulhausplatz, sondern gelangt über soziale Medien auch bis ins Wohnzimmer der Betroffenen.

Fälle bei Luzerner Beratungsstelle Cybergrooming: Wenn Pädophile im Internet Minderjährige belästigen

4 min Lesezeit 13.02.2021, 19:55 Uhr

Vielleicht ist es in Zeiten von Corona zu weniger Mobbing auf den Pausenplätzen gekommen. Doch eine Luzerner Jugend- und Familienberatungsstelle beobachtet, dass in letzter Zeit gehäuft Jugendliche deren Rat suchen, weil sie im Internet gemobbt wurden. Vereinzelt kam es sogar zu Cybergrooming.

Eine Mutter erlaubt ihrer Tochter Lea, mit einem Jungen auszugehen. Die beiden würden sich zum ersten Mal sehen, doch die Tochter kenne Max schon «in- und auswendig».

Ein fataler Fehler: Die Mutter wird später ihr Leben lang bereuen, dass sie ihrer 13-jährigen Tochter erlaubt hat, Kontakt mit einem Sexualstraftäter aufzunehmen, der sich hinter einem falschen Profil im Internet versteckte.

So heisst es in einem Video der Schweizerischen Kriminalprävention:

Dieses Phänomen heisst Cybergrooming: Cybergrooming bedeutet, dass Erwachsene online gezielt Minderjährige ansprechen. Dahinter stehen sexuelle Absichten. Häufig erpressen die sogenannten Groomer dann Kinder und Jugendliche, Nacktbilder von sich zu schicken.

Cybergrooming ist ein Phänomen, das auch in Luzern vorkommt. Denn das Leben von Jugendlichen verlagert sich durch Corona mehr und mehr in die eigenen vier Wände und ins Internet. Das birgt Gefahren: Anja Meinetsberger, Leiterin der Beratungsstelle Contact, beobachtet, dass es in der letzten Zeit zu einer Häufung von Fällen von Cybermobbing und Cybergrooming gekommen ist.

Wenn Erwachsene Minderjährige erpressen, Nacktbilder von sich zu schicken

«Sonst handelte es sich um vereinzelte Cybermobbingfälle, verteilt auf ein Jahr, in den letzten Monaten stellten wir aber eine punktuelle Häufung fest und erfuhren sogar von Cybergrooming», so Meinetsberger. Erwachsene – wohl mit pädophilen Neigungen – legen sich in sozialen Medien ein Fake-Profil an und geben sich gegenüber Kindern und Jugendlichen als Gleichaltrige aus.

So können Eltern ihren Kindern helfen

Das rät Pro Juventute:

  • Mache deinem Kind klar, dass bei einer Kontaktaufnahme mit Fremden äusserste Vorsicht geboten ist.
  • Rate deinen Kindern, online nichts Privates preiszugeben und sag ihnen, wie wichtig es ist, die Einstellung der Privatsphäre so restriktiv wie möglich zu handhaben.
  • Sag deinem Kind, dass von Treffen mit Internetbekanntschaften grundsätzlich abzuraten ist. Will sich dein Kind unbedingt mit jemandem verabreden, sollte das Treffen auf einem öffentlichen Platz und bei Tageslicht stattfinden. Eine erwachsene Vertrauensperson soll über diesen Ort und den Namen der anderen Person informiert werden.
  • Sprich mit deinem Kind über das, was es im Netz erlebt.
  • Kläre deine Kinder über das hohe Risiko auf und die Gefahr, dass jedes Foto oder Video immer auch für falsche Zwecke verwendet und missbraucht werden kann.
  • Sollte dein Kind ein Opfer von Cybergrooming sein, benötigt es deine Unterstützung – und keine moralisch geprägten Sanktionen.

Groomer umwerben die Kinder und Jugendlichen und lassen diese jeweils glauben, dass sie «ein ganz besonderer junger Mensch» seien. Mit dem Ziel, die Kinder und Jugendlichen später sexuell zu missbrauchen, schreibt die Schweizerische Kriminalprävention SKP in einer nationalen Kampagne.

Mehr Jugendliche suchten Rat, weil sie im Internet gemobbt wurden

Zur Zeit des Fernunterrichts ging man zuerst davon aus, dass unter Kindern und Jugendlichen weniger gemobbt wird. Pro Juventute verzeichnete in diesem Bereich 46 Prozent weniger Beratungen (zentralplus berichtete). Meinetsberger sagt, dass die meisten Mobbingopfer jedoch sowohl im realen Leben als auch in der digitalen Welt gemobbt werden. «Häufig gibt es keine Möglichkeit, dem zu entfliehen. Weil das Mobbing nicht auf dem Schulhausplatz endet, sondern über digitale Medien auch bis ins Wohnzimmer gelangt.»

Bei der Luzerner Beratungsstelle suchten vermehrt Jugendliche Rat, weil sie im Internet gemobbt wurden. Sie erzählen den Beraterinnen, dass man auf TikTok & Co. nur aktiv sein könne, wenn man Hasskommentare aushalten könne. «Die Vermutung liegt nahe, dass sich das Mobbing in der Zeit, da das soziale Leben eingeschränkt ist, in den digitalen Bereich verlagert», so Meinetsberger. «Besonders nach dem ersten Lockdown haben wir in den Sommermonaten mehr Jugendliche in diesem Bereich beraten.»

Man darf seinen Eltern auch Unangenehmes erzählen

Doch auch in den letzten Monaten habe das Phänomen wieder zugenommen. Meinetsberger weiss von Jugendlichen, über die während des ersten Lockdowns Lügen in den sozialen Medien verbreitet wurden. Erst als der Lockdown vorbei war, konnten diese Jugendlichen sich einer Vertrauensperson öffnen wie zum Beispiel dem Pfadi-Leiter oder der Sporttrainerin.

«Viele sagen, dass sie schwer aus dem Bett kommen, die ganze Zeit müde sind.»

Anja Meinetsberger, Leiterin der Beratungsstelle Contact

Von Cybermobbing oder Cybergrooming betroffene Kinder und Jugendliche brauchen Unterstützung von erwachsenen Vertrauenspersonen, um die richtige Hilfe zu erhalten, so Meinetsberger weiter. Darum sei die wichtigste Prävention, dass Eltern ihre Kinder und Jugendlichen ermutigen, ihnen unangenehme Erlebnisse im Netz anzuvertrauen.

Am meisten Sorgen macht Meinetsberger jedoch, dass auch bei immer mehr Jugendlichen, die vor Corona unbelastet und gesund wurden, die Situation Spuren hinterlässt. «Viele sagen, dass sie schwer aus dem Bett kommen, die ganze Zeit müde sind. Andere haben die Lehre abgebrochen, haben Mühe, eine neue Lehrstelle zu finden, und können sich nicht wie bisher mit bestimmten Freizeitaktivitäten ablenken.» Laut Meinetsberger gelte es abzuwarten, wie viele nach Corona zurück in den normalen Alltag finden, die Krise gut bewältigt haben und daraus gestärkt sind – und welche Jugendlichen belastet bleiben.

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